Eskalation in Zorneding
Pfarrer tritt nach Morddrohungen zurück

Eine seiner letzten Predigten in Zorneding: Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende am Sonntag in der Kirche St. Martin. Bild: dpa
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Bayern
08.03.2016
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Er hielt es wohl nicht mehr aus - nach Morddrohungen und übelsten rassistischen Beschimpfungen blieb dem dunkelhäutigen katholischen Pfarrer von Zorneding nur noch der Rücktritt. Der Fall weitet sich unterdessen immer mehr zum Parteienstreit aus.

Von Paul Winterer, dpa

Zorneding. Es ist eine alte Pfarrei - uralt sogar. Schon vor tausend Jahren stand eine Kirche in dem 20 Kilometer von München entfernten Dorf Zorneding. Die heutige Barockkirche St. Martin wurde Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut. Stürmische Zeiten dürften die Gläubigen also öfter erlebt haben. Doch was sich seit vergangenem Herbst in der Pfarrgemeinde abspielt, übertrifft alle bisherigen Widrigkeiten. Trauriger Höhepunkt einer rassistischen Hetzkampagne übelster Sorte gegen den Pfarrer: Der katholische Priester Olivier Ndjimbi-Tshiende tritt nach mehreren Morddrohungen entnervt zurück.

Die Kirchgänger hatten sich längst daran gewöhnt, dass Sonntag für Sonntag ein Gottesmann mit schwarzer Hautfarbe im weißen Gewande vor ihnen stand, ihre Kinder taufte und die Toten beerdigte. Als der heute 66-Jährige vor vier Jahren als Pfarrer ins Amt eingeführt wurde, nahm ihn die Gemeinde "gut und freundlich auf", wie Ndjimbi-Tshiende rückblickend selbst sagt.

Als "Neger" beschimpft


Doch als mit der Flüchtlingskrise im vergangenen Herbst immer öfter rassistische Töne in Deutschland angeschlagen wurden, geriet auch der aus dem Kongo stammende Priester ins Visier von Ausländerhassern. Als die Ex-CSU-Ortsvorsitzende Sylvia Boher im Partei-Mitteilungsblatt schrieb, Bayern werde von Flüchtlingen überrannt, und gar von einer Invasion sprach, verurteilte Ndjimbi-Tshiende die Äußerungen.

Dies hinderte Bohers Stellvertreter Johann Haindl freilich nicht daran, den Pfarrer als "Neger" zu beschimpfen, der aufpassen müsse, "dass ihm der Brem (früherer Pfarrer von Zorneding) nicht mit dem nackerten Arsch ins Gesicht springt". Boher und Haindl mussten den Vorsitz der Zornedinger CSU daraufhin abgeben. Ihr Gemeinderatsmandat behielt Boher freilich, Haindl legte es hingegen nieder. Damit war die Sache für den asketisch wirkenden Pfarrer aber längst nicht ausgestanden. Seit November vorigen Jahres landeten im Briefkasten des blitzgescheiten Professors der Philosophie mehrere Morddrohungen. "Der Inhalt ist eindeutig beleidigend und nimmt Bezug auf die Hautfarbe des Adressaten", weiß Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer. Der Absender ließ nicht einmal die Ermordung von mehr als einer Million Juden im Vernichtungslager Auschwitz der Nazis unerwähnt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung, Bedrohung und Beleidigung gegen unbekannt.

Am Sonntag zog Ndjimbi-Tshiende die Konsequenzen und verkündete im Gottesdienst einer erschütterten Pfarrgemeinde seinen Rücktritt. Er sprach von einer für ihn "sehr belastenden Situation", fühle sich nun aber erleichtert, da er seinen Entschluss öffentlich gemacht habe. Der 66-Jährige wird die Pfarrei spätestens Ende des Monats verlassen. Wo er künftig seinen Dienst für das von Kardinal Reinhard Marx geführte Erzbistum München-Freising versieht, ist nach Aussage von Ordinariatssprecher Bernhard Kellner noch offen.

"Unser Pfarrer tritt zurück", titelte Zornedings Kirchengemeinde im Internet und fügte hinzu: "Wir sind schockiert und traurig über diese Drohungen." Wut im Bauch spürte am Montag auch die Fraktionschefin der bayerischen Landtags-Grünen. Vor allem ärgerte sie sich über das vermeintliche Schweigen der CSU in der Causa Zorneding. "Horst Seehofer muss sich mit dem Pfarrer solidarisieren", appellierte Margarete Bause an den CSU-Chef. Er müsse Ndjimbi-Tshiende öffentlich beistehen, "sonst feiern Rassisten hier letztlich mit Billigung der CSU einen Erfolg, den es in Bayern niemals geben darf". Auslöser der Affäre sei schließlich eine "abstoßende, rassistisch motivierte Privatfehde von CSU-Funktionären mit dem Geistlichen" gewesen.

Seehofer empört


Am Nachmittag reagierte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). "Das ist völlig inakzeptabel", sagte er am Montag in München. "Ich verurteile das total." Polizei und Justiz müssten alles daran setzen, die Vorgänge aufzuarbeiten. "Null Toleranz ist in Bayern der Maßstab", ergänzte Seehofer. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch nannte die Morddrohungen gegen den Geistlichen eine "Katastrophe". Kardinal Marx, auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und die Bischöfe müssten eindeutig Stellung beziehen.

Der Zorn von Zorneding

Angemerkt von Frank Werner
Die Flüchtlingskrise hat vieles verändert. Der Wind hat sich seit Herbst 2015 gedreht, auch in den Pfarreien. Die Sorge vor der Masse an Asylbewerbern macht vor den Gläubigen nicht halt. Befeuert von politischer Agitation wird aus dieser Furcht schnell Rassismus.

Zorneding mag ein Extremfall sein. Und doch steht er exemplarisch dafür, was mit Worten angerichtet werden kann. Wenn CSU-Lokalpolitiker Begriffe wie "Invasion" oder "Neger" in den Mund nehmen, brauchen sie sich über eine Befeuerung tiefster Vorurteile nicht zu wundern. Der braune Mob wartet nur auf solche Unterstützung.

Der Pfarrer von Zorneding ist ein deutscher Staatsbürger, der aus dem Kongo stammt. Er hat sich dem Druck der Rassisten gebeugt, er gibt auf. Ein menschlich verständliches, aber fatales Signal.

Der Zorn der Wutbürger von Zorneding ist nicht erst seit gestern bekannt. Und doch haben die Politiker dem Treiben so lange zugesehen, bis es zu spät war. Der Empörung von Seehofer und Co. hätte es viel früher bedurft. Und auch die Kirchenspitze hat zu lange geschwiegen.
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