Fast jeder fünfte Lehrer betroffen
Lehrer als Opfer

Klappmesser im Klassenzimmer: Die Gewalt gegen Lehrer steigt. Archivbild: dpa
Politik BY
Bayern
15.11.2016
41
1

Für viele ist es ein Tabuthema, doch in einer Umfrage kamen sie nun zu Wort: Vier Prozent der bayerischen Lehrer waren bereits Opfer körperlicher Gewalt. Fast ein Fünftel wurde bedroht, beleidigt oder gemobbt - und das nicht nur von den Schülern.

München. Nach den Polizisten klagen nun auch die bayerischen Lehrer über zunehmende Gewalt gegen sich. Laut einer vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) in Auftrag gegebenen Umfrage, haben 18 Prozent der im Freistaat befragten, repräsentativ ausgewählten 500 Lehrkräfte mindestens einmal selbst psychische Gewalt in Form von Bedrohung, Diffamierung oder Beleidigung erfahren. Vier Prozent gaben an, körperlicher Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein, weitere drei Prozent wurden Opfer von Cybermobbing im Internet. Hochgerechnet auf die knapp 100 000 Lehrkräfte in Bayern mussten damit bereits gut 20 000 Lehrer Gewalterfahrungen machen.

Psychische Gewalt ging demnach am häufigsten von Eltern aus. 59 Prozent der betroffenen Lehrer gaben an, von Eltern verbal oder schriftlich angegangen worden zu sein, 52 Prozent von Schülern, 21 Prozent von Vorgesetzten und 12 Prozent von Kollegen. Die große Mehrheit der Betroffenen hat sich mit Anzeigen oder Beschwerden dagegen gewehrt, ein knappes Viertel ließ die Fälle auf sich beruhen, zumeist um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Psychische Gewalt und Cybermobbing gegen Lehrer ist laut Umfrage über alle Schularten relativ gleich verteilt, körperliche Gewalt wie Schubsen, Stoßen oder Schlagen kommt an Mittelschulen überproportional häufig vor.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann erklärte, die Studie lege offen, dass die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu gewalttätig eskalierenden Konflikten und rückläufiger Anerkennung von Autoritäten "nicht an den Schultüren halt macht". Gewalt gegen Lehrer müsse nun aus der Tabu-Zone geholt werden. "Gekränkt, geschlagen und in der Ehre verletzt zu werden, gehört nicht zum Lehrerberuf", sagte Fleischmann bei der Vorstellung der Studie in München. Die zunehmende Gewalt dürfe nicht hingenommen werden. Fleischmann forderte vor allem das Kultusministerium auf, den Lehrkräften mehr Unterstützung zu gewähren. In der Umfrage gaben nur 22 Prozent der befragten Lehrkräfte an, die Politik nehme sich des Themas ausreichend an.

Das Ministerium wies die Vorwürfe umgehend zurück. Es gebe ein breitgefächertes Präventions- und Beratungsangebot. Allerdings müssten die betroffenen Lehrkräfte auch den Willen haben, entsprechende Vorgänge zu nennen und anzuzeigen. "Ein Zuschauen und Zudecken ist nicht angebracht, Handeln ist geboten", heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums. Schwere Beleidigungen und Cybermobbing seien als Straftaten anzeigepflichtig. Psychische und physische Gewalt gegen Lehrkräfte wie auch gegen Schüler dürfe nicht geduldet werden.

Fallbeispiele "psychischer Gewalt"Ein Schulrektor wurde von einem Schüler wegen Körperverletzung im Amt angezeigt. Die Beschuldigung stellte sich nach polizeilichen Ermittlungen als erfunden heraus. Der Schüler gab an, er habe dem von ihm gehassten Rektor schaden wollen.

In einem Internet-Blog wird ein namentlich genannter Lehrer detailliert der sexuellen Handlungen an Schülern bezichtigt. Als er zufällig davon erfährt, erstattet er Anzeige. Auch hier stellen sich die Beschuldigungen als falsch heraus.

Ein Vater filmt heimlich durch ein Dachfenster den Unterricht einer Lehrerin. Als die Sache auffliegt, erklärt er, er habe Material sammeln wollen, um der angeblich seine Tochter benachteiligende Lehrerin mit dem Gang an die Öffentlichkeit drohen zu können.

Zunehmend kommunizieren Eltern nicht mehr direkt mit Lehrern, sondern über Anwälte. Oft geht es dabei um den Übertritt ans Gymnasium. Gedroht wird mit rechtlichen Schritten, sollte es nicht klappen. Oft liegen den Schreiben Kostenrechnungen bei. (jum)
1 Kommentar
15
Johann Strasser aus Winklarn | 15.11.2016 | 08:59  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.