Findige Nutzer "stricken eine rechts-anmutende Landkarte um
Die Kanzlerin und das weinende Flüchtlingsmädchen

Bild: NDR/dpa
Politik BY
Bayern
16.07.2015
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(uax) Eine Kanzlerin, ein weinendes Mädchen und eine Übersichtskarte bewegen momentan die Internetnutzer. Es geht um das Thema Flüchtlinge und Asyl sowie den Umgang damit - und die möglichen Konsequenzen für ein Einzelschicksal oder viele Betroffene. Es geht diesmal nIcht um Flüchtlinge auf Booten oder in Lagern tausende Kilometer von Deutschland entfernt. Es geht um Schicksale vor der eigenen Haustür, Schicksale von Freunden und Bekannten.

Weiden/Amberg. "Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht." Reem, ein Mädchen aus Palästina weint. Sie sorgt sich um das eigene Schicksal und das ihrer Familie. Dass sie das allerdings macht, während sie mit Bundeskanzlerin Angela Markel spricht, bewegt die Menschen. Ebenso die Reaktion der Kanzlerin:"Politik ist manchmal hart".

Diese Video sorgt derzeit für Aufregung


Gefühlskalt, hilflos - so lauten die ersten Meinungen zu der Video-Szene aus einer Sendung von NDR-aktuell. Den Versuch von Angela Merkel das Mädchen zu trösten, als sie in Tränen ausbricht "... und deshalb möchte ich sie trotzdem erst einmal streicheln..." kommentieren Internetnutzer unter dem Schlagwort #merkelstreichelt schonungslos. Selten hat ein Dialog von Kanzlerin Angela Merkel mit Bürgern so viel Aufsehen erregt wie nun ein Gespräch mit Schülern in Rostock.



Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in ihrer Online-Ausgabe (Link zur FAZ) berichtet, gab es im TV allerdings nicht die ganze Szene zu sehen - ebenso auf der Video-Plattform Youtube. Im offiziellen Video der Bundesregierung sei mehr zu sehen (Link zum Video in der Mediathek der Bundesregierung). Auch dass die Bundeskanzlerin mehrere Minuten mit Reem über Asylanträge und Integration gesprochen habe. Auf der Seite der Bundesregierung zur Kampagne "Gut leben in Deutschland" (Link zur Kampagnenseite) heißt es "das Mädchen musste weinen" und weiter "Angela Merkel ging auf die Schülerin zu und tröstete sie mit den Worten 'Du hast das ganz toll gemacht'". Dass die Tränen nicht wegen eines vermeintlichen Lampenfiebers geflossen sind, sondern aus Sorge um die Zukunft, bleibt dort unerwähnt.

[Aktualisiert:]Zwei Seiten einer Landkarte


[Aktualisierung: Nach Informationen der Kollegen von Spiegel Online hat Google die Karte mittlerweile entfernt. 17. Juli 2015, 10:05 Uhr] Adressen von Asylunterkünften, deutschlandweit und mit detailierten Angaben zu Belegungszahlen und lokalen Informationen. Eine Karte, erstellt mit Google-Maps, dem Kartendienst des Internetkonzerns, macht die Runde. Auf Twitter, Facebook und Co verbreiten Nutzer die Landkarte mit dem Titel "Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft". Ein halbes Jahr nach dem Brandanschlag von Vorra brannte in der Nacht zum Donnerstag, 16. Juli, in Bayern wieder eine geplante Flüchtlingsunterkunft. Unbekannte zünden ein Gebäude an, in dem 67 Asylbewerber untergebracht werden sollten. Die geplante Unterkunft hatte zuvor hitzige Debatten ausgelöst. Ob die Landkarte die Brandstifter zu dem Gebäude geführt hat, ob die Karte Brandstifter zu anderen Unterkünften führen wird, ist nicht geklärt. Dennoch hat sie das Potenzial dazu.

Nicht alle nehmen diese "braune Landkarte", wie sie die Süddeutsche Zeitung in ihrem Beitrag (Link zum Beitrag) betitelt, einfach so hin. Blogger und Twitter-Nutzer rufen dazu auf die Karte bei Google zu melden. Dies ist bei Inhalten, die zu Hass aufrufen oder gewalttätig sind, möglich. Der Blogger Alexander Schnapper hat dafür eine Schritt-für-Schritt-Anleitung (Link zur Anleitung) erstellt und veröffentlicht. Wie die SZ weiter berichtet, weiß man beim Internetriesen um die Karte. Es sei etwas im Gange, hieß es auf Anfrage von jetzt.de. Pressesprecherin Lena Heuermann: "Wir werden selbstverständlich jede Karte entfernen, die gegen unsere Richtlinien verstößt und überprüfen derzeit, ob das hier der Fall ist."


"Helft mit! Helft Menschen in Not!": Findige Internetnutzer "stricken die braune Karte" zu einer Karte der Hilfe um. Screenshot: Googlemaps

Während der Konzern noch prüft, haben sich Internetnutzer bereits daran gemacht, die Karte für die "Nachbarschaftshilfe" zu nutzen. Neuer Titel: "Helft mit, Helft Menschen in Not". "Dank des Einsatzes dieser Leute, könnt ihr jetzt schneller helfen, denn je", heißt es in der Beschreibung. "Schaut einfach, ob in eurer Nähe eine Unterkunft besteht oder geplant wird. Ruft dort an, geht vorbei - wie auch immer. Fragt ob ihr helfen könnt. Ob Sachspende, einfach mal mit den Leuten dort plaudern, egal. Ihr könnt den Menschen dort direkt helfen! Wie effektiv dieser Aufruf und die veränderte Karte ist, zeigt, unter anderem der Kommentar von Facebook. Nutzer Alfred Burwick: "Nazis ärgern kann so einfach sein" auf der Facebook-Fanseite der SZ.

Ein Kommentar von Christian de VriesEs war richtig, was Angela Merkel gesagt hat. Vielleicht war es nicht klug, wie sie es gesagt hat. Und es einem weinenden Mädchen zu sagen, noch mal weniger klug. Es ist überflüssig, sie in diesem Moment streicheln zu wollen.

Fakt ist, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen kann. Gleichzeitig erhebt sich wieder die Frage, ob es immer richtig ist, nach welchen Kriterien Deutschland entscheidet, wer bleiben darf, und wer nicht.

Schwierig zudem: Die lange Wartezeit für eine Entscheidung reißt die Flüchtlingsfamilien aus ihrer Heimat und ihren kulturellen Wurzeln, verlangt innerhalb dieser Wartezeit Anpassung an die deutsche Kultur, um sie gegebenenfalls dann wieder in das Heimatland abzuschieben. Da mag so mancher Erwachsene schon ungläubig mit dem Kopf schütteln. Wie, bitte, soll ein Kind dazu denken, das in den wichtigsten Jahren der Entwicklung von unterschiedlichen Kulturen geprägt wird?

Deutschland nimmt das Grundrecht auf Asyl sehr ernst, kann es nur nicht gut handhaben. Es ist richtig, als wohlhabender Staat jenen zu helfen, deren Leben in ihrer Heimat bedroht ist. Die Bürokratie, die auf der einen Seite auch Garant für die Rechtssicherheit ist, hebelt auf der anderen Seite das Leben der Betroffenen aus. Ohne Arbeit, ohne Sicherheit, auf Zeit ohne Zukunft, erleben die Flüchtlinge diese Zeit wie ein Verwahren.

Es ist wichtig, die Zeit der Verfahren deutlich zu verkürzen. Es ist gleichzeitig wichtig, auch in diesen „Schwellenländern“ wirksame Hilfe anzubieten, damit sich die Lebenssituation dort verbessert. Das sollten alle Staaten tun. Und es ist besonders wichtig, einem Mädchen diese Situation so zu erklären, dass sie es verstehen kann. Man muss sie dafür nicht streicheln.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Asylbewerber: Kosten, Unterbringung, Versorgung, Schicksale - Daten und Fakten zu Flüchtlingen


Der große Andrang von Flüchtlingen infolge der vielen Konflikte in der Welt stellt die Länder vor immer schärfere Probleme und lässt sie fieberhaft nach Lösungen suchen. Asylbewerber und Flüchtlinge haben aber nicht nur mit Problemen im Heimatland zu kämpfen, sondern auch mit Vorurteilen und Vorbehalten im Aufnahmeland - auch hier in Bayern. Unsere Online-Storykann und soll helfen, mit einigen auf Unwissenheit begründeten Vorurteilen aufzuräumen.