Flächenfraß durch Gewerbe und Industrie
Hinaus aufs Land

Das "Gewerbegebiet" draußen auf der grünen Wiese: Naturschützer befürchten, dass durch die geplante Novelle des Landesentwicklungsprogramms mit einer Lockerung des sogenannten Anbindegebots künftig mehr solche Gewerbeparks entstehen. Das Anbindegebot sollte bisher eine Zersiedelung der Landschaft und das Bauen auf dem freien Land verhindern. Bild: dpa
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Bayern
21.05.2016
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Naturschützer fürchten, dass noch mehr Gewerbegebiete auf der grünen Wiese entstehen. Durch eine Novelle des Landesentwicklungsprogramms könnte der Flächenfraß zunehmen. Die Politik sieht das anders.

Augsburg. Die Dönerbude im schwäbischen Graben wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten in einer Science-Fiction-Szenerie, denn sie steht inmitten von Lagerhallen - jede so groß wie etliche Fußballfelder aneinander. Der Budenbetreiber lebt von den Amazon-Mitarbeitern, die zum Mittagessen manchmal vom benachbarten Logistikzentrum rüberkommen, und von den Hunderten Lastwagenfahrern, die vorbeikommen.

Für den Bund Naturschutz in Bayern (BN) ist das Gewerbegebiet südlich von Augsburg ein Musterbeispiel für die Vernichtung von Natur. Neben Amazon haben sich auch Aldi, Lidl und BMW angesiedelt. Vor einem Vierteljahrhundert war das Gelände noch geprägt von kleinstrukturierten Feldern, wie Luftbilder belegen.

Hunger nach Flächen


Täglich würden 18 Hektar im Freistaat vernichtet, kritisiert BN-Vorsitzender Hubert Weiger. "Der Landkreis Augsburg ist ein Musterbeispiel für diese Fehlentwicklung", sagt er. Dann erinnert er daran, dass Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer gerne Bayern als "die Vorstufe zum Paradies" bezeichnet. "Wir würden ihn gerne mal hierhin einladen", meint der BN-Chef. Der BN sieht den Hunger von Unternehmen nach neuen Flächen als größtes ökologisches Problem im Freistaat an. Auch das Umweltministerium sieht einen "nach wie vor zu hohen Flächenverbrauch".

Der Naturschutzverband sieht die verbliebenen Äcker durch eine Änderung des sogenannten Anbindegebots im Landesentwicklungsprogramm weiter bedroht. Bislang müssen Gewerbegebiete an Ortschaften angedockt werden, um eine fortschreitende Zersiedelung zu verhindern. Doch Heimatminister Markus Söder (CSU) hat andere Pläne: "Generell soll das Anbindegebot an Ausfahrten von Autobahnen oder vierspurigen Straßen für Gewerbegebiete und bei interkommunalen Gewerbegebieten sowie bei Ansiedlung wichtiger Tourismus- und Freizeitgroßprojekte gelockert werden", erklärte er Ende 2014. Beschränkungen soll es demnach nur bei Einzelhandelsprojekten geben. Auch der Bauernverband lehnt die Pläne ab. Das Ministerium weist die Kritik zurück: "Die Lockerung des Anbindegebots erhöht nicht den Flächenverbrauch, sondern lässt lediglich andere Orte für die Flächeninanspruchnahme zu", sagt Sprecherin Tina Dangl.

Skepsis beim Städtetag


Umstritten ist das Projekt auch bei den Kommunen. Der Städtetag steht einer Änderung skeptisch gegenüber. Der Gemeindetag hingegen freut sich über mehr " planerische Gestaltungsfreiheit". Weiger wirft den Kommunen vor, wegen günstiger Quadratmeterpreise würden die Investoren nur ein- statt mehrstöckig bauen, statt eines Parkhauses für die Mitarbeiter entstehe ein riesiger Parkplatz neben dem anderen, sagt er.

Die StatistikDie Behörden gehen nach dem jüngsten Flächenverbrauchs-Bericht, der Zahlen aus 2014 enthält, nur noch von knapp 11 Hektar - also umgerechnet 15 Fußballplätzen - Verbrauch pro Tag aus.

Doch der Grund dafür ist lediglich eine Umstellung der Berechnung: Ackerflächen, die zwar bereits in Bauland umgewandelt sind, aber noch nicht zubetoniert sind, werden nicht mehr gezählt.

Die Langzeitstatistik aber zeigt: Seit 2001 wurden täglich im Freistaat zwischen 15,2 (im Jahr 2004) und 21,6 Hektar (2001) Land vernichtet. Der Flächenverbrauch des Freistaates stehe "an der Spitze der alten Bundesländer". (dpa)
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