Flüchtlinge bei der Bundeswehr
Besuch in der Pionierkaserne Ingolstadt

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen spricht in Ingolstadt in der zentrale Ausbildungseinrichtung für die Pioniertruppe des Deutschen Heeres mit syrischen Flüchtlingen. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
02.09.2016
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Mitgefühl, Euphorie, Überlastung, Ernüchterung - viele Menschen, die sich ehrenamtlich oder beruflich um die Integration der Flüchtlinge kümmern, gehen durch ein Wechselbad der Gefühle. Auch die Bundeswehr leistet einen Beitrag. Schießen sollen die Flüchtlinge aber nicht.

Ingolstadt. Wie man eine Säge benutzt, weiß Said al-Ali (42). Schließlich hat der Syrer zehn Jahre lang auf Baustellen im Libanon gearbeitet. Nur konzentrieren kann er sich schlecht. "Mein Körper ist hier, aber meine Gedanken, die sind bei meiner Frau und meinen drei Kindern in Syrien", sagt der Mann mit dem kleinen Ziegenbärtchen. Al-Ali ist einer von rund 50 Teilnehmern des ersten Ausbildungsprogramms für syrische Flüchtlinge, das die Bundeswehr in Berlin, Niedersachsen und Bayern anbietet.

In der Pionierkaserne in Ingolstadt lernt er gemeinsam mit 24 anderen Syrern, wie Deutsche Mörtel anrühren, schweißen und baufällige Mauern abstützen. Die Teilnahme an dem Kurs sei freiwillig, betont der Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA), Christoph Möller. Wer das Angebot nicht annimmt, muss nicht mit Sanktionen rechnen.

Der große Frust


Al-Ali sagt, er sei seit sechs Monaten in Deutschland. Er sei frustriert, weil er nicht wisse, wann sein Antrag auf Familienzusammenführung bewilligt werde. "Unser Haus liegt am Stadtrand von Damaskus, in der Nähe von Daraja, dort ist es gefährlich", klagt er. Bei ihrem letzten Telefonat habe seine Frau gedroht: "Wenn nicht bald etwas passiert, dann nehme ich die Kinder und versuche einfach auf eigene Faust, mich bis nach Deutschland durchzuschlagen."

Al-Ali kennt die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nicht. Als die CDU-Politikerin gemeinsam mit dem derzeit auch für Flüchtlinge zuständigen BA-Chef Frank-Jürgen Weise den Außenbereich der Lehrwerkstatt inspiziert, blickt er kurz auf. "Wie uns die Leute von der deutschen Armee hier behandeln, das ist wirklich sehr angenehm, freundlich und respektvoll", betont er. Ali Scharqi (20) pflichtet ihm bei. "Ich habe das auch nicht anders erwartet, das deutsche Volk ist einfach sehr nett, wie Zucker, weshalb sollten die Soldaten da anders sein", sagt der schlanke Syrer. Er lächelt. Damit, dass der Krieg seine Lebensplanung zerschlagen hat, kann sich der junge Mann aus der Kleinstadt Minbidsch (Provinz Aleppo) leichter abfinden als viele ältere Flüchtlinge.

Von der Idee, Abitur zu machen, hat sich Scharqi, der mit einem Boot aus der Türkei nach Europa kam, inzwischen verabschiedet. "Ich habe elf Jahre lang die Schule besucht", sagt er. "Aber dann kam der Krieg ..." Der Satz bleibt ohne Ende.

Rohre flicken, Metallplatten zusammenschweißen, Erste Hilfe leisten - die Syrer sollen bei der Bundeswehr praktische Dinge lernen. Das soll ihnen bei der Jobsuche in Deutschland helfen, und später vielleicht auch beim Wiederaufbau in Syrien. Nur ist dieses "später" seit Februar, als von der Leyen die Ausbildungsinitiative angekündigt hatte, in noch weitere Ferne gerückt. Damals hatten auch deutsche Diplomaten noch größere Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung für den seit 2011 andauernden Konflikt.

Pünktlich, zäh


Doch wenn die Rückkehr nach Syrien keine Option ist, was bringt den Flüchtlingen dann ein vierwöchiger Kurs bei der Bundeswehr - in einem Land, wo Ausbildung streng reglementiert ist? Von der Leyen sagt, das Zertifikat der Bundeswehr sei ein Hinweis für mögliche Arbeitgeber, dass da jemand kommt, der pünktlich ist und durchgehalten hat bis zum Ende des Kurses. Außerdem gibt es für jeden Flüchtling, der an den Kursen teilnehmen will, eine Sicherheitsüberprüfung. Das heißt: Seine Identität muss feststehen, was bei den vielen Flüchtlingen, die ohne Papiere angekommen sind, keine Selbstverständlichkeit ist. Und er darf keine politisch motivierten Straftaten begangen haben.

Ali Scharqi spricht schon etwas Deutsch. Für ihn steht fest: Er will nach dem Kurs eine Ausbildung zum Betonbauer machen. Viele ältere Flüchtlinge, die schon mehrere Jahre Berufserfahrung haben, schreckt die lange Ausbildungszeit ab. BA-Chef Weise betont, das Ziel sei zwar, möglichst viele Flüchtlinge in Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Dafür werde man aber "keine deutschen Standards aufgeben". Gleichzeitig nimmt er die Unternehmen in Schutz, die bisher nur wenige Flüchtlinge angestellt haben. Er sagt: "Die Einschätzung, die Wirtschaft hat nicht viel Lust, teile ich überhaupt nicht."
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