Flüchtlingskrise am Nockherberg
Mama Bavarias schwere Kost

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU, Zweiter von links), sein Double, der Schauspieler Christoph Zrenner (Zweiter von rechts), Maxi Schafroth als Eshofer (rechts) und Paul Kaiser als Überichhofer (links) beim Singspiel auf dem Münchner Nockherberg. Bild: dpa
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Bayern
25.02.2016
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Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU, links) und sein Double, Schauspieler Stephan Zinner.

Die Mama Bavaria schwankt zwischen Angriffslust und Schwermut. Dafür entführt das Singspiel ins Gehirn von Horst Seehofer.

München. Man muss vielleicht schon zwei oder drei Salvator intus haben, um in Markus Söder ein gelungenes Beispiel für Integration zu sehen. Auf dem Nockherberg hat sich Luise Kinseher als Mama Bavaria in ihrer Fastenpredigt nicht wirklich überraschend dem Thema dieser Tage gewidmet und dabei die Historie bemüht. Bayern und Franken, das gehe nicht zusammen, habe es über die Jahrhunderte geheißen - bis eben Markus Söder kam. "Ein gesamtbayerischer Wolperdinger - halb Schäufele, halb Weißwurst", stellt die Bavaria fest und frohlockt: "An Markus Söder sieht man: Integration kann gelingen!"

Die Flüchtlingskrise hat also den Starkbieranstich erreicht und erweist sich als schwere Kost, noch schwerer als der gern in den Kopf steigende Fastentrunk. Die Bavaria müht sich ab und kann sich nicht entscheiden, ob sie dem Ernst der Weltlage angemessen tiefsinnig sein will oder doch lieber schenkelklopfend krachert. Humor, sagt sie zum Beispiel ebenso zutreffend wie bedeutungsschwer, sei das, "was uns grundlegend von Extremisten und Fanatikern unterscheidet". Und ein anderer Satz hat das Zeug, für Besinnung im oft schrillen Gekreische um den Flüchtlingszustrom zu sorgen: "Es ist schwer eine Obergrenze für Menschen zu finden, wenn das Leid keine hat."

Überraschend viel zustimmenden Beifall bekommt sie für solche Nachdenklichkeiten. Nur leider erliegt dazwischen der Versuchung, wirklich jeden der anwesenden Großkopferten in ihre Rede einzubauen - und sei die Pointe dabei noch so plump.

Mehr Pointen statt Längen


Vielleicht sollte sich die Mama Bavaria fürs nächste Mal der Nockherberg-Weisheit erinnern, dass die schlimmste Strafe beim Derbleckn ist, gar nicht erwähnt zu werden. Dann hätte der Vortrag weniger Längen und es bliebe mehr Raum für die wirklich guten Pointen. Denn die hat Kinseher sehr wohl im Repertoire. Wenn sie sich mit der "moralischen Legasthenie" des Markus Söder in allen Facetten auseinandersetzt oder sich über Horst Seehofers anbiedernden Putin-Besuch auslässt, der eigentlich Unterwerfung gewesen sei.

Die Macher des Singspiels, Autor Thomas Lienenlüke und Regisseur Markus H. Rosenmüller, gehen den Weg hintergründigen Auseinandersetzung mit dem Thema Flüchtlinge dagegen konsequent und zwar dankenswerterweise ohne den erhobenen moralischen Zeigefinger. Sie nehmen die Zuschauer mit auf eine Reise in das Gehirn Horst Seehofers und lassen sie teilhaben an dessen hin- und hergerissener Gedankenwelt. Das ganze Spiel ist eine einzige Metapher, die Worte Flüchtling, Grenze oder Integration kommen kein einziges Mal vor. Aber jeder weiß, was gemeint ist. Hohe Kunst mit erstklassigen Politiker-Doubles ist das, die Charaktere sind bestens ausgeleuchtet.

Die üblichen Verdächtigen


Natürlich kommen die üblichen Verdächtigen vor. Der um seinen Platz in der Geschichte bangende Seehofer, der drängelnde Söder, die um einen Rest an Menschlichkeit in Europa kämpfende Angela Merkel und die sich gegen die eigene Bedeutungslosigkeit wehrende Ilse Aigner.

Den beiden Frauen gönnen Autor und Regisseur die stärksten Auftritte. Merkel lassen sie zur Melodie des "Trio"-Klassikers "Da-da-da" ein mit tosendem Beifall beendetes "Wir schaffen das" rappen, in dem sie das Gute im Menschen beschwört. Und die brave Ilse darf sich auf der Bühne ihr Dirndl vom Leib reißen und zeigen, was sie drauf hat. Der Schlussbeifall ist euphorisch - und zwar mit vollem Recht.

Der NockherbergDie Staatsregierung versammelte sich am Mittwoch zu einem schmerzhaften Pflichttermin auf dem Münchner Nockherberg. Beim alljährlichen Derblecken zum Beginn der Starkbierzeit mussten sich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und sein Kabinett wie immer mit Hohn und Spott überschütten lassen.

Das ungeschriebene Nockherberg-Gesetz erfordert, dass alle Politiker gute Miene zum bösen Spiel machen und die Scherze komisch finden. Das gelingt allerdings nicht immer allen verspotteten Politikern.

Hauptthema heuer erwartungsgemäß die Flüchtlingskrise. In der Rolle der "Mama Bavaria" trat wieder die Kabarettistin Luise Kinseher auf. Kinsehers Auftritte fanden in den vergangenen Jahren aber keinen übermäßig großen Anklang beim politischen Fachpublikum.

Maß aller Dinge für die Nockherbergsredner: Bruno Jonas, der 2006 zum letzten Mal bei der Starkbierporbe auftrat. Der zweite Teil des Abends ist das Singspiel, in dem die politische Prominenz aus München und Berlin von Schauspielern gedoubelt wird. Das Bayerische Fernsehen überträgt. (dpa)
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