Jesuiten treiben Projekt zum Thema "Steuergerechtigkeit und Armut" voran
Gegen Ungleichheit anstinken

Martin Wilde (von links), Kärim Chatti, Markus Meinzer, Gastgeber Pater Jörg Alt, Harald Riedel und Hubert-Ralph Schmitt diskutieren über Vermögensungleichheit und Wege der Besteuerung und des angemessenen Ausgleichs. Bild: paa
Politik BY
Bayern
02.05.2016
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Jörg Alt und Patrick Zoll (Hg.): Wer hat, dem wird gegeben? Besteuerung von Reichtum: Argumente, Probleme, Alternativen. Echter-Verlag, 200 Seiten, 16,80 Euro
Nürnberg: Caritas-Pirckheimer-Haus |

In der Bibel wird mehrfach darauf hingewiesen, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelange. Doch bis zur himmlischen Gerechtigkeit wollen die Jesuiten nicht warten. Sie suchen im Diesseits nach Antworten auf die wachsende Ungleichheit.

Nürnberg. Es hat nicht die Veröffentlichung der Panama-Papers über Briefkastenfirmen gebraucht, um den Blick der Jesuiten für die wachsende Ungleichheit und die Steuerflucht in Deutschland und in der Welt zu schärfen. Dafür sorgt die Arbeit des Ordens mit den Ärmsten der Armen. Vor drei Jahren legte die Jesuitenmission in Nürnberg deshalb ein länderübergreifendes Forschungsprojekt mit Sambia und Kenia zum Thema "Steuergerechtigkeit und Armut" auf. Nun präsentiert der Projektkoordinator Pater Jörg Alt SJ zusammen mit seinem Mitbruder Patrick Zoll SJ mit dem Buch "Wer hat, dem wird gegeben?" erste Zwischenergebnisse.

Dabei scheint die Antwort auf der Hand zu liegen. Doch ist dem wirklich so? Die Instrumente, die diskutiert werden, lauten: Reichensteuer, Vermögenssteuer und Erbschaftsteuer. Doch wie wirken diese Instrumente? Darüber diskutierten unter der Leitung von Pater Alt im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg Markus Meinzer vom "Tax Justice Network International", der für höhere Besteuerung von Vermögen wirbt und Kärim Chatti, ehemaliger Berater bei Großbanken und Privatbanken und heute bei einem Schweizer Vermögensverwalter, der in aufstrebende Unternehmen in Entwicklungsländern investiert.

Steuern auf 50 Prozent


Zudem saßen Familienunternehmer Hubert-Ralph Schmitt, Vorstand einer unterfränkischen Privatbank sowie der Kämmerer der Stadt Nürnberg, Harald Riedel (SPD), und der Geschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), Martin Wilde, auf dem Podium.

Schmitt überraschte mit der Aussage, dass für ihn die Einkommensteuern nicht zu hoch sind. Sie könnten durchaus höher sein. "Wir können auch von 45 auf 50 Prozent gehen." Vermögenssteuer und Erbschaftsteuer sieht der Bankvorstand dagegen kritisch. Er warnt, dass diese Unternehmen schwächen würden und letztere die Übergabe von einer Generation zur nächsten gefährde. Entschieden weist Schmitt das Wort "Reichensteuer" zurück. Es sei "unter jeglichem Niveau". Es impliziere, der Reiche sei schlecht. Niemand rede von einer "Armengebühr", wenn es um Sozialleistungen gehe.

"Sie sind glücklicher, zufriedener und leben länger."Harald Riedel (SPD), Kämmerer der Stadt Nürnberg, über Stifter"


Für einen anderen Weg, Vermögen gemeinschaftsstiftend einzusetzen, wirbt Riedel. Der Nürnberger Kämmerer wünscht sich, dass es auf dem Golfplatz oder im Rotary-Club zum guten Ton gehöre, Stifter zu sein. Riedel verheißt Stiftern einen persönlichen Gewinn an Lebensqualität: "Sie sind glücklicher, zufriedener und leben länger." Riedels Vorbild sind die USA. Mehr als 300 Milliarden Euro seien dort im Jahr 2014 durch Stiftungen zusammengekommen, soviel wie hierzulande der Bundeshaushalt beträgt. Eines lehnt der Nürnberger Kämmerer aber entschieden ab: dass Stiftungen öffentliche Ausgaben ersetzen. Weder bei ihm noch bei den anderen Diskussionsteilnehmern findet die Idee der Steuersubsidiarität von Papst Benedikt Anklang, wonach der Steuerpflichtige selbst entscheidet, wofür der Staat das Geld ausgeben solle. Es wurde einhellig als undemokratisch abgelehnt.

Einen dritten Weg bietet Chatti. Vermögende legen in einen Fonds an, der in Entwicklungs- und Schwellenländern in aufstrebende Unternehmen und in Mikrofinanz-Institute investiert. Das verspreche eine Rendite von bis zu 20 Prozent, aber auch eine soziale Rendite. Chatti sagte, sein Arbeitgeber könnte belegen, dass die Unternehmen dank der Investitionen wachsen und der Wohlstand in diesen Ländern zunimmt.

"Strukturelle Sünde"


Derzeit weist der Trend aber noch in eine andere Richtung, machte Pater Alt eingangs deutlich und zitierte eine Oxfam-Studie vom Januar. Die 62 reichsten Menschen weltweit besäßen genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung mit mehr 3,5 Milliarden Menschen. Auch für Deutschland beklagt der Jesuit eine zunehmende Vermögensungleichheit. Für Alt ist es deshalb "gut katholisch", gegen die "strukturelle Sünde der Ungleichheit anzustinken". Diese sei nicht vom Himmel gefallen, sondern von Menschen gemacht. Was das Forschungsprojekt der Jesuitenmission dagegen empfiehlt, will Pater Alt im Oktober vorstellen.

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Weitere Informationen:

www.taxjustice-and-poverty.org

http://www.joergalt.de/home.html

http://www.jesuitenmission.de

Buchtipp: "Wer hat, dem wird gegeben?"Das Buch "Wer hat, dem wird gegeben?", herausgegeben von Jörg Alt und Patrick Zoll, ist ein Zwischenbericht zum internationalen Forschungsprojekt der Jesuiten zum Thema "Steuergerechtigkeit und Armut". Es enthält Beiträge aus dem Umfeld einer internen Tagung der Jesuiten vom Mai 2015 in Nürnberg. Alt und Zoll gliedern den Band in die Teile "Sehen", "Urteilen" und "Handlungskontexte". Damit folgen sie dem klassischen Dreischritt von "Sehen, urteilen, handeln". Die Methode wurde vom Gründer der Christlichen Arbeiterjugend, dem belgischen Kardinal Joseph Cardijn, entwickelt und ist vor allem durch die Befreiungstheologie bekannt geworden. Die 16 Autoren des Bandes, darunter Sozialethiker, Philosophen, Volkswirte und Juristen, geben ihre Antwort auf die Fragen: Ist Besteuerung von Reichtum ein sinnvolles Instrument? Oder gibt es bessere Alternativen? Die angebotenen Lösungen und Antworten liegen nicht alle auf einer Linie, aber in einem herrscht weitgehend Einigkeit: Zu große Ungleichheit bedeutet ein Legitimationsproblem für die Gesellschaft und den Staat. Das Buch ist eine Einladung, sich der strittigen Thematik zu nähern. (paa)

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Jörg Alt und Patrick Zoll (Hg.): Wer hat, dem wird gegeben? Besteuerung von Reichtum: Argumente, Probleme, Alternativen. Echter-Verlag, 200 Seiten, 16,80 Euro
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