Kakao in Wiesau

Mit einer Sonnenblume bedankten sich die beiden KAB-Vorsitzenden Christine Pscherer (rechts) und Wolfgang Glaser (links) bei Renate Schinner-Krebs für ihren lebendigen Vortrag. Bild: gis
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Bayern
24.09.2016
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Drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach 1945 vertrieben. Viele davon kamen nach Bayern. Die dramatischen Ereignisse von damals waren Thema beim zweiten Mehlmeiseler Sozialdialog.

Mehlmeisel. Die KAB hat diese Aktion ins Leben gerufen, um sozial- oder regionalpolitische Themen wieder mehr in den Fokus des Ortsverbandes zu stellen. So hatte Vorsitzender Wolfgang Glaser Renate Schinner-Krebs gebeten, zu erzählen, wie sie 1946 als Flüchtlingskind in die Fichtelgebirgsgemeinde kam.

Die damals Siebenjährige schilderte ihre furchtbaren Erlebnisse so anschaulich und beeindruckend, als wenn es gestern gewesen wäre. Sie erzählte von dem schmerzlichen, aber überlebenswichtigen Entschluss, Hab und Gut und die Heimat zu verlassen, von dem zwei Tage und Nächte dauernden Transport in vollgepferchten Viehwaggons über die bayerische Grenze, davon, dass "alle Kinder in Wiesau Kakao und Kekse bekamen" - von den verschiedenen Stationen und Lagern, wo sie mit Mutter und Bruder untergebracht war, bis sie nach Mehlmeisel kamen.

Trost der Gottesmutter


"Die Mehlmeiseler, die damals meist selbst nur das Nötigste hatten, teilten mit uns Kartoffeln, Brot, Milch und Babynahrung, die Bauern ließen zur Erntezeit absichtlich Kartoffeln und Getreide liegen, nahmen den Arbeitswillen der Neuankömmlinge an und bezahlten mit Naturalien, erzählt Schinner-Krebs, wobei es aber auch, wie bei Zuteilungen von Wohnungen, einige "unschöne Szenen" gegeben habe. "Schmerzlich war, die Mutter Gottes im großen Wallfahrtsort Philippsdorf verlassen zu müssen; im Hammerkirchl fanden wir sie wieder - und wir waren ein wenig getröstet", ist die Mehlmeiselerin heute noch dankbar.

Angenommen fühlte sie sich, als Mädchen in ihrem Alter in die erste Unterkunft in Mehlmeisel, "das Lager zum Geisler" kamen und fragten, ob sie mit in die Maiandacht gehen wolle. "Nichts lieber als das", war ihre Antwort. Und als an Pfingsten 1946 Einheimische und Flüchtlinge zusammen beim Wirt im Kessel Klöße kochten", war die Integration wohl schon ein Stück weit gelungen.

Renate Schinner-Krebs zitierte dazu Bischof Rudolf, der sagt, dass es 1946 eine Migration innerhalb desselben Kulturkreises war, was die Integration gegenüber der heutigen Situation - bei allen Herausforderungen, die es auch damals gab - trotzdem leichter gemacht habe. "Im Laufe der Zeit lernte man voneinander, Bekanntschaften, Freundschaften wurden geknüpft. Wir gaben uns Mühe, den hiesigen Dialekt schnell zu lernen. Und gut war's", berichtete die Erzählerin weiter.

Manche Zuhörer, Betroffene von einst, haben noch von ihren eigenen Erlebnissen erzählt, von Besuchen in der alten Heimat. Manches Geburtshaus steht noch, wie das von Renate Schinner-Krebs und manche wurden so wie sie, eingeladen, hereinzukommen.

Zwischen den Stühlen


"Und so sitzen wir nach wie vor zwischen zwei Stühlen", gesteht die gebürtige Georgwalderin. "Die neue Heimat haben wir akzeptiert und uns hier eingewöhnt, aber die alte Heimat geht uns auch nicht aus dem Kopf. "
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