Kein Wort über Kronprinzen

Horst Seehofer zeigt den Delegierten, wo es langgeht. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
15.12.2014
5
0

Der Parteivorsitzende strotzt vor Selbstbewusstsein. Horst Seehofer erntet beim CSU-Parteitag wohlwollenden Applaus, aber keine Begeisterungsstürme. Die bekommt ein 80-Jähriger für eine sehr kühne Forderung.

Es ist das einzige Mal, dass unter den Delegierten des CSU-Parteitags ein spontaner Jubelsturm losbricht. Georg Pfister hat das Wort ergriffen, der bald 80-jährige Parteitagsveteran aus dem Landkreis Bamberg, dessen Markenzeichen neben seinem schnoddrigen fränkischen Mundwerk ein stets tadellos sitzender Hut ist. Pfister also stellt sich an ein Saalmikrofon und wartet, bis ihn auch wirklich alle Kameras eingefangen haben. Dann legt er los. "Wir werden ausgebeutet", ruft er in den Saal. Deshalb solle Bayern "einfach nix mehr in den Länderausgleich zahlen". Denn: "Die Preußen ham unsern König kaputt gmacht, den Strauß wolltn sie net und den Stoiber auch net, bloß unner Geld wolln sie." Schließlich appelliert "der Pfister" noch an Horst Seehofer: "Das ist Ihre einzige Pflicht als Ministerpräsident: Bayern muss ein eigener Staat werden!" Da tobt der Saal.

Parteichef Seehofer schafft es dagegen während der beiden Tage in Nürnberg zu keiner Sekunde, seine Basis derart in Wallung zu versetzen. Das ist aber auch gar nicht sein Ziel. Seine Grundsatzrede kreist um zwei Begriffe: "Meine Handschrift" und "Genugtuung". Auf geradezu subtile Weise gelingt es ihm, den Delegierten seine Botschaft ins Hirn zu pflanzen, dass es die CSU nur einem zu verdanken hat, wie sie im Moment wieder dasteht mit geradezu sensationellen Zustimmungswerten in der Bevölkerung: nämlich ihm.

Keine "lahme Ente"

Seehofer zieht alle rhetorischen Register, um den Eindruck im Keim zu ersticken, er sei in der letzten Phase seiner Politikerkarriere eine "lahme Ente". Kein Wort über mögliche Kronprinzen - hier redet einer, der den Gestaltungsanspruch für seine Partei bis zuletzt fest in den eigenen Händen zu halten gedenkt.

Seehofer also spricht von seiner persönlichen Handschrift, die auf drei Säulen ruhe. Säule 1: "Wir haben Wort gehalten." Alles, was er 2013 in den Wahlkämpfen versprochen habe, sei umgesetzt worden, behauptet er. In Bayern habe man "geliefert", der Freistaat sei eine "Insel des Wohlstands und der sozialen Sicherheit". Im Bund gebe es keine Steuererhöhung, dafür die Mütterrente, die Ausländermaut und Maßnahmen gegen die Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme. Geschmäht worden sei man anfangs für diese Forderungen, nun seien sie Realität. "Wir können uns selbst auf die Schulter klopfen, ohne uns würde es all das nicht geben", insistiert Seehofer.

Seehofer kommt derweil zur zweiten Säule seiner Handschrift: "zuhören - nachdenken - entscheiden". Die CSU sei unter seiner Führung zu einer "Partei des Dialogs" geworden. Dieser Politikstil habe sich schon bei der Reform des Gymnasiums bewährt und werde es nun auch bei der Energiewende tun. In dieser Passage seiner Rede rüffelt Seehofer indirekt parteiinterne Querulanten wie den "Konservativen Aufbruch" und knüpft sich die Schwesterpartei CDU vor. Auf Bundesebene mit Kanzlerin Angela Merkel an der Spitze sei alles in bester Ordnung, doch in den Ländern breche eine CDU-Regierung nach der anderen weg. Elf seien es bei seinem Amtsantritt 2008 gewesen, jetzt nur noch vier. Das höhle auf Dauer die Regierungsfähigkeit der Union aus. Seehofers Rezept für die CDU im Rest Deutschlands: "Es ist nicht verkehrt, wenn man ein Stück weit auf die CSU schaut."

Viel Kraftmeierei

Solche Kraftmeiereien gefallen den Delegierten genauso wie Seehofers dritte Säule "Bayern zuerst". Da kann er sich umfänglich zu den Ungerechtigkeiten des Länderfinanzausgleichs auslassen - wenn auch staatstragender als der Pfister Georg vorher. Und er kann von der Stärke und dem Ansehens Bayerns in der Welt schwärmen, was ihm die Türen zu den Mächtigen in Frankreich oder China öffne. Zudem sei er der "erste Ministerpräsident, der an einem Tag bei zwei Päpsten eine Audienz bekommen hat".

Da staunt das Parteivolk, welch toller Hecht der Chef doch ist. In diesem selbst verbreiteten Weihrauchnebel fällt auch Seehofers abschließender Appell mit Blick auf die Wahljahre 2017 und 2018 auf fruchtbaren Boden. "Wir dürfen nicht satt werden, wir müssen hungrig bleiben", erklärt er ganz im Stile eines Erfolgstrainers. Nur dann werde man den "Mythos CSU" fortsetzen und Bayern in eine "glänzende Zukunft" führen. Wie gesagt, Jubelstürme erntet Horst Seehofer damit nicht, aber einen auch für ihn ungeahnt langen und herzlichen Applaus.
Weitere Beiträge zu den Themen: Politik (7296)Nürnberg (1943)12-2014 (6638)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.