Kommentar zum Amoklauf
Verwundetes München, verwundete Gesellschaft

Politik BY
Bayern
24.07.2016
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Marcus da Gloria Martins ist der neue Held von München. Der Polizeisprecher war der einzige öffentliche Halt in den Stunden des Bangens. Zwischen Blutbad und Terrorangst, zwischen tausenden Falschmeldungen im Internet und irrlichternden Journalisten behielt er die Nerven. Der Amoklauf von München - er ist in vielerlei Hinsicht eine Offenbarung.

Wieder einmal hat sich gezeigt, wie nahe Segen und Fluch der sozialen Netze beieinanderliegen. Hier die Warnungen, die vielleicht Menschenleben gerettet haben, dort die Hilfsangebote für gestrandete Münchner. Dann aber auch dies: Manche trieben mit Falschmeldungen ihr mieses Spiel mit der Angst. Schlimmer noch aber sind die vorschnellen Urteile, ob von rechts oder links. In den Stunden der Angst offenbarte sich eine Empörungs- und Hass-Kultur sondergleichen - ein unpolitischer Amoklauf wurde missbraucht für politische Zwecke. Und der Missbrauch setzt sich fort: Der Amoklauf von München ist kein Argument für eine weitere Verschärfung der Waffengesetze. Da müsste die Polizei schon an den Schwarzmarkt ran. Mehr Spielraum für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren bei Terrorlagen? Die 2300 Polizisten haben einen hervorragenden Job gemacht. Eine neue Debatte über Killer-Spiele? Man hätte sie längst verbieten können.

So zynisch es klingen mag: Der Amoklauf von München war eine bittere Generalprobe für einen Terrorakt in Deutschland, der hoffentlich nie passiert. Er zeigte die ganze Verletzlichkeit einer Metropole, die Spirale von Gewalt, Angst und Panik. Was wäre gewesen, wenn Terroristen ihre Blutspur weiter durch die Millionenstadt gezogen hätten? München ist verwundet - weil sich gezeigt hat, wie verwundbar jede Stadt ist. Fast schlimmer noch: Ein großer Teil dieser Gesellschaft ist wund vor Angst, ein kleiner Teil blind vor Hass.

albert.franz@derneuetag.de
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C. Schmitz aus Regensburg | 25.07.2016 | 22:02  
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