Lärmschutzwand als Hoffnungsträger für Anwohner der Bahn
Kleine Wand ganz leise

Fährt kein Zug, ist es ruhig. Doch stille Minuten sind selten auf den vielbefahrenen Strecken im Mittelrheintal. Dort hat die Waldsassener Firma Kassecker diese Mini-Lärmschutzwände aufgestellt, unter anderem in den Bahnhöfen Oberwesel und Osterspai. Bild: hfz
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Bayern
09.09.2016
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Die aufgebockte Schallschutzwand der Waldsassener Firma Kassecker sieht höher aus, als sie ist. Maschinenbau-Ingenieur Josef Andritzky (weißes Hemd) erklärt der SPD-Delegation die Feinheiten seiner prämierten Entwicklung. Bild: Herda

Sie ist nur 60 Zentimeter hoch, soll aber bis zur Hälfte des Bahnlärms aufsaugen, den ihre 5 Meter große Vorgängerin abfängt: Die Mini-Lärmschutzwand des Waldsassener Bauunternehmens Kassecker ist auch Hoffnungsträger für den Ausbau der Bahnstrecke Hof-Regensburg.

Waldsassen. "Die Angst ist riesig", begründet Roland Richter den Besuch beim Waldsassener Bauunternehmen Kassecker. Josef Andritzky, Mitglied der Geschäftsleitung, stellte der Delegation der Weidener SPD eine neu entwickelte, niedrigere Lärmschutzwand vor, die der Oberpfälzer Bahn-Spezialist zusammen mit der Döring Stahlbau GmbH & Co. KG, in Crimmitschau zur Marktreife führte. "Wir sind froh, dass die Schließung der Elektrifizierungslücke zwischen Hof und Regensburg als vordringliches Projekt in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde", sagt der Fraktionsvorsitzende.

Aber das bedeute auch 60 bis 90 Güterzüge am Tag. Die Befürchtung der Kommunalpolitiker: "Die Bahn möchte vielleicht am Lärmschutz sparen, dann ist die Begeisterung für die Elektrifizierung gleich wieder weg." Landtagsabgeordnete Annette Karl möchte deshalb schnellstmöglich das Gespräch mit Martin Burkert, dem Verkehrsexperten der SPD-Bundestagsfraktion suchen: "Die müssen wissen, welche Möglichkeiten es gibt, um die Anwohner vor der beträchtlichen Lärmentwicklung zu schützen." Die SPD werde darum kämpfen, "dass die Rechnung nicht die Kommunen zahlen müssen". Andritzky, Mitentwickler der 60 Zentimeter hohen Elemente, ist zuversichtlich, dass die Belange der Betroffenen Ernst genommen werden: "Die Bahn möchte bis 2020 im Vergleich zum Jahr 2000 den Lärm halbieren." Die größte Belastung stellten alte Güterzüge dar, die bis zu 60 Jahren auf den Rädern hätten: "Da sind zum Großteil Graugussbremsen in Einsatz", sagt der Experte. "Und Metall auf Metall quietscht nun mal."

Quietschen und Klackern


Dazu kämen verriffelte Schienen, die das charakteristische Klackern verursachten. Die Bahn habe bereits ein Bündel von Lösungen im Einsatz, die Abhilfe schaffen sollen: Neben Schienenstegdämpfer gehörten dazu geschliffene Räder, die über geschliffene Schienen gleiten, und Kunststoffbremsklötze. "Aber das hat alles Grenzen", weiß der Maschinenbauingenieur. Ein Güterzug ist eben kein Elektroauto. Die neue, niedrigere Lärmschutzwand sei ein Mosaikstein, um die Lärmemissionen in den Griff zu bekommen. Die zusammen mit dem Fraunhofer Institut und dem Eisenbahnbundesamt aus Stahl entwickelte Lösung würde näher und in einer bestimmten Neigung neben dem Schotterbett angebracht, das seinerseits den Lärm reflektiere. Das neue System, das bereits 2012 mit dem Stahl-Innovationspreis ausgezeichnet wurde, könnte bei geeigneten Untergründen als Flachgründung mit Betonsockel verankert werden oder als Tiefengründung mit Trägern. "Etliche Detaillösungen, wie Überstiegsmöglichkeiten im Havariefall und Durchlässe für Kleintiere, sind neben dem hohen Schalldämmwert in die sechs Meter langen Miniwände integriert", erklärt Andritzky.

Der Einsatz der niedrigen Lärmschutzwände ermögliche einen um bis zu Zweidrittel reduzierten Materialeinsatz und Einsparungen an CO2-Emissionen. "Eingespart wird in erster Linie Material, die Arbeitsleistung unterscheidet sich nicht wesentlich." Derzeit liefen noch Messungen auf Teststrecken, wie hoch die Schallreduzierung im wirklichen Einsatz sei.

Im Schnitt liege die Schalldämpfung bei drei Dezibel: "Das klingt wenig, kann aber als Halbierung empfunden werden." Andritzky sei auf der Baustelle zu den Anwohnern hin, und habe gefragt, ob sie einen Unterschied bemerkten. "Das ist schon eine Erleichterung", sei die einhellige Meinung gewesen. Aber klar: "Eine große Wand mit fünf Metern Höhe kann das nicht ersetzen - sie ist nur dort sinnvoll, wo ich keine haben kann oder will."

Die Bahn entscheidet


Anwendungsgebiete seien vor allem denkmalgeschützte Innenstädte, wie etwa in Bamberg, oder bei zweigleisigen Strecke in der Mitte. "Auch im Rheintal sehe ich großes Potenzial." In Kombination mit den anderen Lärmschutzmaßnahmen stelle die Minimauer einen guten Kompromiss dar. Die offizielle Zulassung der DB sei bereits im März 2016 erfolgt und die Firma habe auch europaweite Schutzrechte für Österreich erworben. Ob und wann die dezenten Schutzwände zum Einsatz kommen? "Ich kann nur sagen, was technisch möglich ist", sagt Andricky, "die Bahn ist Auftraggeber und entscheidet."
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