Lehrer beklagen Verrohung der Sprache
Gewalt durch Worte

Der Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer hält während einer Pressekonferenz des Lehrerverbandes BLLV in München einen Zettel mit der Überschrift "Wie wirkt aggressive Sprache?". Bild: dpa
Politik BY
Bayern
07.09.2016
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Dass Lehrern immer wieder ungefilterter Hass von Schülern entgegenschlägt, ist nicht neu. Experten sehen aber inzwischen eine neue Qualität und warnen vor hasserfüllter Sprache. Schuld seien vor allem schlechte Vorbilder.

München. Nach 40 Jahren im Schuldienst hat die Lehrerin so etwas noch nicht erlebt. Als sie eines morgens zur Arbeit in einem kleinen Ort irgendwo in Bayern kommt, liest sie am Eingang zur Dorfschule eine Schmiererei: "Drecksschule! Fickt euch, ihr Lehrergesindel, ihr Untermenschen." Ein Einzelfall sei das nicht - ganz im Gegenteil, sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, die aus einer E-Mail der Lehrerin zitiert. Auf den Schulhöfen verbreite sich zunehmend eine aggressive, hasserfüllte Sprache. Die Lehrer schlagen Alarm und haben ein Manifest geschrieben, das der Verband am Mittwoch in München präsentierte.

Aggressivität nimmt zu


"Wir beobachten mit größter Sorge, wie sich die Stimmung, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen in unserer Gesellschaft verändern", heißt es in dem Manifest mit dem Titel "Haltung zählt". "Diese Verrohung des Umgangs wirkt sich auch auf unsere Kinder und Jugendliche aus."

Bundesweit beobachteten Lehrer bei Schülern inzwischen eine "zunehmende Aggressivität gegenüber Andersdenkenden, Ausländern und Flüchtlingen", sagt Fleischmann. Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes hat nicht nur die verbale Gewaltbereitschaft auf dem Schulhof bereits zugenommen. "Wenn Gewalt ausgewirkt wird, dann ist sie auch roher geworden", sagt Verbandspräsident Josef Kraus. Und die sprachliche Verrohung beginne früh. "Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie 'Hure', 'Spasti', 'Asylant'."

Der Neurologe und Psychotherapeut Joachim Bauer von der Uniklinik Freiburg macht für diese Entwicklung vor allem den Ton aktueller politischer Debatten verantwortlich. Wenn Politiker offen darüber reden, als Ultima Ratio auf Flüchtlinge zu schießen, sei das unglaublich gefährlich. Auch Begriffe wie "Flüchtlingsflut" seien sehr problematisch. "Eine Flut bedeutet für Kinder Gefahr", sagt Fleischmann. "Die verbinden damit, dass Menschen sterben."

Durch Twitter und Facebook beeinflusse inzwischen eine informelle Diskurskultur die öffentliche Debatte, meint der Leiter des Institutes für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig Eichinger: "Es ist nicht die Sprache, die verroht. Es ist der Sprachgebrauch." Aufgabe der Schule sei es, Alternativen zu dieser Art der Kommunikation aufzuzeigen.

Neurologe Bauer sieht zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten einen engen Zusammenhang. "Worte wirken massiv auf das Gehirn." Es sei beunruhigend, "wie in den sozialen Netzwerken Hass kultiviert wird". Denn: "Ich kann mit Sprache einwirken auf das Gehirn anderer Menschen." Beschimpfungen und Demütigungen lösen im Gehirn erst Schmerz, dann Aggression aus, sagt Bauer. "Hasssprache erhöht die Bereitschaft, selbst gewaltbereit zu handeln."

Eltern oft keine Vorbilder


Bauer zitiert dafür eine Studie von Kinderärzten in den USA, die von der Iowa State University veröffentlicht wurde. Danach begünstigt es die Tendenz zu aggressivem Verhalten, wenn Kinder und Jugendliche aggressive Lieder hören.

Dass Schüler in ihren Äußerungen ab und an über das Ziel hinausschießen, sei nicht das Problem, sagt Bauer. Problematisch werde es dann, wenn Eltern schlechte Vorbilder seien und es tolerierten, wenn ihr Kind verbal um sich schlage - oder selbst am Frühstückstisch rassistische Hassparolen von sich gäben. "Wir brauchen einen Konsens, dass bestimmte Dinge einfach nicht gehen." Lehrerverbands-Chefin Fleischmann betont: "In der Schule von heute sitzt die Gesellschaft von morgen."
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