München unter Schock
„Das war mein Sohn“

Naim Zabergja zeigt Journalisten ein Foto seines getöteten Sohnes Dijamant. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
24.07.2016
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Zuerst der Schock, jetzt der Schmerz: Vielen Trauernden wird am Sonntag erst richtig klar, das sie bei dem Amoklauf in München einen lieben Menschen verloren haben. Der Tatort wird zur Gedenkstätte. Freunde, Angehörige und Passanten weinen und beten hier gemeinsam.

München. Mit einem Strauß roter Rosen steht Naim Zabergja auf der Rückseite des Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) im Nordwesten Münchens. In der Hand ein Foto: Der 20-Jährige darauf lächelt offen und freundlich in die Kamera, die Haare sorgsam gestylt. "Das war mein Sohn", sagt Zabergja und hält das Bild in die Kamera. Nun ist der junge Mann tot, so wie acht andere Opfer, die ein 18-Jähriger am Freitagabend erschossen hat, bevor er sich selbst tötete. Am Sonntag liegen rund um den Tatort Inseln aus Blumen, Kuscheltieren und Briefen sowie Kränzen der bayerischen Staatsregierung und der Stadt München.

Weinen und Beten


Unablässig strömen Menschen herbei, darunter viele Familien, die gemeinsam weinen und für die Toten und Verletzten beten. Wo sonst geschäftiges Treiben herrscht, ist eine Meile des Schreckens und des Gedenkens. Links das Schnellrestaurant, wo die ersten Schüsse fielen, immer noch verdeckt von einer schwarzen Plane. Von hier aus rannte der Täter wenige Meter über die Straße, ein paar Stufen hoch ins Einkaufszentrum hinein. Der Amoklauf ereignete sich in einem Stadtviertel mit großen Wohnblocks und viel Gewerbe. Die Gegend rund um das OEZ mit Restaurants und Geschäften ist ein beliebter Treffpunkt, vor allem bei jungen Leuten.

Auch Zabergjas Sohn war dort mit einem Freund verabredet. An diesem schwülwarmen Freitagabend saßen sie draußen, sie wollten eine Limo trinken. Doch dann kam der Amokschütze und feuerte Schüsse ab. "Sein Freund ist weggelaufen, meinen Sohn hat er getötet", erzählt der Vater, der aus dem Kosovo stammt. Seine Stimme wird heiser, doch er redet weiter. Zwei Töchter hat er noch, vier Enkel.

Dijamant war der einzige Sohn, geboren in München. Er machte eine Ausbildung am Flughafen. Dass der 20-Jährige tot ist - für den Vater schwer zu begreifen. Am Samstagmorgen um 4 Uhr sei die Polizei vor der Tür gestanden und habe ihm die Nachricht überbracht. "Ich bin noch in Träumen, ich glaube noch nicht, was passiert ist, auch meine Familie glaubt es noch nicht." Hinter den Gaben und Briefen, die an den provisorischen Gedenkstellen abgelegt werden, verbergen sich zahlreiche Geschichten, die zu Herzen gehen. Da ist etwa dieser Bilderrahmen: Fröhliche Fotos zeigen Freunde Arm in Arm, beim Feiern, mit der Deutschlandfahne beim Fußballschauen. In der Mitte das Wort "Memories". Oder Mini-Boxhandschuhe vor albanischer Flagge. Der schwarze Adler auf rotem Grund ist überhaupt sehr präsent, stammten einige der Toten und Verletzten doch aus dem Kosovo.

"Es tut mir so leid!"


Ein Mann verliert die Fassung und schreit: "Es tut mir so leid!" Ein Mann ist im Gebet versunken, und eine Frau gibt einem lieben Toten einen letzten Gruß, bevor sie wie blind vor Tränen vor neugierigen Fragen flieht: "Ich denke immer an Dich!". Die Krisenhelfer sind im Dauereinsatz, am Sonntag fast noch mehr als am Tag zuvor, denn vielen wird erst jetzt bewusst, das der Tod kein Alptraum ist, sondern schreckliche Realität.

Die TodesopferDie drei jüngsten Todesopfer des Amokläufers von München waren erst 14 Jahre alt. Die Liste nach Angaben des Landeskriminalamts: eine 14-jährige Deutsche, eine 14-jährige Staatenlose, ein 14-jähriger Deutsch-Türke, ein 15-jähriger Ungar, ein 15-jähriger Deutsch-Türke, ein 17-jähriger Grieche, ein 19-jähriger Deutscher, ein 20-jähriger Kosovare, eine 45-jährige Türkin. Der Amokläufer war 18 Jahre und Deutsch-Iraner. (dpa)
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