Neue Gedenkorte für KZ-Außenlager Hersbruck
Erinnerung an 9000 KZ-Opfer

Die Front des "Kubus" in Hersbruck erinnert an ein im Boden steckendes Dreieck. Am Montag wird der Gedenkort eröffnet. Am Freitag stellten Bürgermeister Robert Ilg (von links), Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerischer Gedenkstätte und Direktor Karl Freller sowie der Ausstellungsgestalter Professor Ulrich Schwarz und sein Mitarbeiter Markus Lerner sowie der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, die Einrichtung vor. Bild: paa
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Bayern
22.01.2016
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Die Stelen und der Gedenkstein am Hang des Houbirg, eines Berges bei Happurg, erinnern an das oberhalb gelegene Stollensystem. Es wurde von KZ-Häftlingen gegraben, ist aber heute nicht mehr zugänglich. Bild: paa

Von 9000 Menschen kamen im KZ-Außenlager Hersbruck-Happurg binnen acht Monaten 4000 ums Leben. Knapp 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es nun am Ort des Grauens zwei neue Denkmäler. Doch sie sind mehr als Gedenkorte.

Hersbruck. Knapp 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erhalten die rund 4000 im KZ-Außenlager Hersbruck ermordeten Häftlinge ihre Namen zurück. Und nicht nur sie, sondern alle 9000 Menschen, die im nahen Happurg beim Stollengraben geknechtet und gequält wurden. Im schwarzen, containerartigen "Kubus" der sich zwischen Finanzamt und Thermalbad erhebt, werden die Namen aller Häftlinge eingespielt. "Wir geben ihnen ihre Namen zurück", sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN), zu der die neuen Gedenkorte in Hersbruck und im nahen Happurg gehören. "Die Namen der Täter kommen hier nicht vor."

Der Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, der Landtagsabgeordnete Karl Freller, stellte am Freitag zusammen mit Skriebeleit sowie dem Ausstellungsgestalter Ulrich Schwarz vom Büro Berton Schwarz Frey (Ulm und Berlin) die beiden Gedenkorte in Hersbruck und im rund 4,5 Kilometer entfernten Happurg vor. Am Montag werden diese offiziell eröffnet - im Zuge des Gedenkaktes für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Landtag und die Stiftung halten ihren alljährlichen Gedenkakt anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar in diesem Jahr in Hersbruck ab.

Zweitgrößtes Außenlager


In Hersbruck war von Juli 1944 bis 1945 das zweitgrößte Außenlager von Flossenbürg. Daran erinnert der "Kubus" auf dem ehemaligen Lagergelände mit seiner medialen Präsentation. Ein Panoramabild zeigt in langsamer Kamerafahrt die schöne, nahezu idyllische Landschaft des Hersbrucker Umlandes. Bei Orten mit Bezug zum Außenlagerkomplex öffnen sich Informationsfenster - etwa mit den antisemitischen Tafeln aus der NS-Zeit oder einem Plan des damaligen Geländes, wie im Fall Hersbruck.

Die Namen von 90 der 9000 Häftlinge im Außenlager Hersbruck sind in der medialen Projektion mit ihren Biographien hinterlegt. Diese kann der Besucher abrufen. Mittels dieser Einzelschicksale entsteht eine "exemplarische Lagergeschichte mit zeithistorischen Bezügen". Die Dachlinie des Gebäudes weist nach Happurg. Dort am Hang des Houbirg unterhalb des Zugangs zum Doggerstollensystem, ist der zweite Gedenkort entstanden.

Die ursprüngliche Idee, diesen direkt am Eingang zum Stollenkomplex zu errichten, musste aus geologischen Gründen verworfen werden. Nun ist die Einrichtung nicht mehr im Wald versteckt, sondern für jeden sichtbar. Von der Plattform am Waldrand neben dem Kriegerdenkmal öffnet sich der Blick nach Hersbruck zum ehemaligen Lagergelände. Diesen Weg mussten die Häftlinge täglich zweimal zurücklegen. Hier liegt auch das einzige Ausstellungstück, ein Bohrhammer. Zudem gibt es ein Audioangebot: Überlebende berichten von der Zwangsarbeit.

Angebot für Schulen


Beide Orte dienen nicht nur der Erinnerung an die Opfer, sondern dem Lernen. Es gelte, das "Wissen über die NS-Zeit an die nächste Generation zu vermitteln", sagt Freller. Für Schulprojekte gibt es im Paul-Pfinzing-Gymnasium in Hersbruck einen Seminarraum. Eine Geschichtslehrerin dieser Schule, Barbara Raub, ist zur Betreuung teilweise freigestellt.

Der "Kubus" ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ab 31. Januar gibt es jeden ersten und dritten Sonntag im Monat kostenlose Führungen für Einzelbesucher. Treffpunkt ist um 14 Uhr am "Kubus" in Hersbruck.

Außenlager Hersbruck des KZ-FlossenbürgDer Außenlagerkomplex Hersbruck des Konzentrationslagers Flossenbürg entstand im Sommer 1944. Er diente der Verlagerung der deutschen Rüstungsindustrie in unterirdische Einrichtungen. Die Häftlinge mussten unter katastrophalen Bedingungen im Doggergestein der Houbirg, einem Berg bei Happurg (Kreis Nürnberger Land), Stollen graben. Diese sollten die BMW-Flugzeugmotorenfabrik Allach aufnehmen. Von den geplanten 150 000 Quadratmetern wurden bis April 1945 rund 15 000 errichtet.

Die "Doggerstollen" stehen unter Denkmalschutz, sind inzwischen aber einsturzgefährdet und nicht mehr zugänglich. In Hersbruck erinnert nichts mehr an das Außenlager, die Bracken wurden in den 1950er Jahren abgerissen. Es entstanden eine Wohnsiedlung und ein Tennisplatz. 2007 wurde das letzte Gebäude abgerissen und das Finanzamt gebaut.

Insgesamt hatte das KZ Flossenbürg rund 90 Außenlager. Diese erstreckten sich von Prag bis Würzburg und von Dresden bis Eichstätt. Von den mehr als 84 000 Männern und 16 000 Frauen, die in diesem Komplex inhaftiert waren, starben rund 30 000. Hersbruck war das zweitgrößte Außenlager. Von den hier eingesperrten 9000 Menschen kamen bis Kriegsende 4000 ums Leben. (paa)
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