Notärzte haben militärische Sanitätsausrüstung an Bord
Rebel gegen Terror

Übung der Schnell-Einsatzgruppe "Gefährliche Stoffe und Güter (SEG-GSG)" des Roten Kreuzes, Bild: BRK
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Bayern
30.11.2016
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"Da hole ich die Chefärzte in den Kommunen zusammen, das mache ich doch nicht in der Öffentlichkeit." Zitat: Dr. Reinhard Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan

Jetzt ist bei den Notärzten auch militärische Sanitätsausrüstung mit an Bord: das sogenannte Rebel-System, Gerät und Material für besonders schlimme Verletzungen nach Bombenanschlägen. Eine veränderte Sicherheitslage oder lediglich die verantwortungsvolle Vorsorge für jeden denkbaren Notfall?

Von Jürgen Herda

München/Regensburg. "Von uns stammen die Handlungsempfehlungen für Rettungsdiensteinsätze bei besonderen Einsatzlagen (Rebel)", bestätigt Stefan Frey, stellvertretender Pressesprecher im Bayerischen Innenministerium, gegenüber unserer Zeitung. "Hintergrund waren die Anschläge in Brüssel und Paris." Nach der Empfehlung vom Mai habe etwa das Bayerische Rote Kreuz (BRK) 960 000 Euro für seine 1600 Rettungswagen und Notarztwagen freigegeben.

"Zum Rebel-Set gehören Tourniquets", erklärt Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer des BRK, "mit ihnen schnürt man stark blutende Gliedmaßen ab." Auch mit Hämostyptika oder Thoraxverschlusspflaster seien seit September die Wagen aller bayerischen Rettungsdienste ausgestattet. "Wir rüsten aber nicht militärisch auf", betont Stärk, "sondern verbessern unsere Ausrüstung nach neuen Erkenntnissen." Die Anschläge von Ansbach und Würzburg hätten gelehrt, dass solche Gefahrensituationen näher rückten. "Ich bin unglücklich über den Ausdruck militärisch", schränkt der BRK-Chef ein, "denn wir werden unsere Leute nie in Situationen schicken, wo sie Gefahren ausgesetzt sind." Natürlich könnten die Notfallsanitäter auch keine polizeilichen Aufgaben wie die Absperrung eines betroffenen Gebiets vornehmen. "Wir sind darauf angewiesen, dass auch unsere Leute geschützt werden."

Wie Flugzeugabsturz


Organisatorisch müsse man sich natürlich vorbereiten, findet auch Dr. Reinhard Erös, ehemaliger Bundeswehrarzt und als Gründer der Kinderhilfe Afghanistan vertraut mit Terroranschlägen. "Das Rote Kreuz übt doch jedes Jahr, was zu tun ist, wenn in München ein Flugzeug runterkracht." Ein Terroranschlag unterscheide sich davon nicht gravierend. "Außer es handelt sich um einen toxischen Anschlag auf die Wasserversorgung, aber da hole ich die Chefärzte in den Kommunen zusammen, und gehe die Maßnahmen durch, das mache ich nicht öffentlich."

Es sei vor allem eine Frage der Quantität, begründet Stärk das Vorgehen, die Rettungsdienste flächendeckend auszustatten. "Und es gibt schon auch andere Verletzungsmuster, sagen unsere Fachleute und die Kollegen in Israel und Frankreich." Weiteren Handlungsbedarf sieht der BRK-Vertreter für Lagen nach Anschlägen mit chemischen und schmutzigen Bomben. "Im Zuge der WM 2006 wurden an elf Standorten in Bayern CBRNE-Züge eingerichtet - die auf chemische, biologische, radiologische, nukleare und explosive Gefahren vorbereitet sind."

Die Feuerwehren hätten zwar bereits ABC-Züge, aber bei schmutzigen Bomben brauche es zusätzlich Desinfektions- und Dekontiminierungsmaterialien. "Wir plädieren für eine Aufstockung unserer SEG-GSG, der Schnell-Einsatzgruppe Gefährliche Stoffe und Güter." Bei der Ebola-Krise vor zwei Jahren etwa am Frankfurter Flughafen sei nur ein Flugzeug des BRK-Bayern mit einer Sonderisolierstation ausgestattet gewesen.

"Ich würde unsere deutschen Mediziner nicht ohne Vorbereitung zu ,Ärzte ohne Grenzen' in Kriegsgebiete schicken", spricht Reinhard Erös die fehlende Erfahrung ziviler Chirurgen mit Krisensituationen an. "Das sind alles hervorragende Ärzte, bestens ausgestattet und ausgebildet, aber dort müssen sie unter anderen äußeren Umständen arbeiten - unter Gefahr von Bombeneinschlägen." Zudem würden in Deutschland, anders als in den USA, glücklicherweise pro Jahr nicht mehr als 500 Schusswunden gemeldet. "In der Routine, nicht im Ergebnis, ist der Militärarzt da natürlich besser dran", weiß Erös aus Erfahrung.

In seiner Zeit an der Sanitätsakademie habe er jedes Jahr an einem Kriegschirurgie-Kongress teilgenommen. "Da gab es Vorträge und kleine Übungen mit Experten aus Israel und von UNO-Einsätzen", erinnert sich der Mediziner. Napalm-Verbrennungen etwa unterschieden sich von anderen Verbrennungen, da müsse man wissen, wie man darauf reagiert. "Auch bei einem Anschlag mit Senfgas wie damals in der U-Bahn von Tokyo müssten wir schauen, ob wir da vorbereitet sind."

Schwerster Terrorakt


Er selbst habe 1980 während des Oktoberfestanschlags zusammen mit einigen Kollegen einen Einweisungslehrgang in München mitgemacht. "Einer von uns war als Notarzt damals mit dort." Der Anschlag gilt noch heute als schwerster Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Durch die Explosion einer selbstgebauten Rohrbombe von Gundolf Köhler, Mitglied der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann und selbst bei dem Anschlag ums Leben gekommen, wurden 13 Menschen getötet und 211 verletzt, 68 davon schwer. Eine mögliche Mittäterschaft rechtsextremer Gruppen erschien angesichts damaliger Zeugenaussagen naheliegend und wird seit 2008 durch neue Aktenfunde gestützt.

Da hole ich die Chefärzte in den Kommunen zusammen, das mache ich doch nicht in der Öffentlichkeit.Dr. Reinhard Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan


Wir rüsten aber nicht militärisch auf, sondern verbessern unsere Ausrüstung nach neuen Erkenntnissen.Leonhard Stärk, BRK-Landesgeschäftsführer
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