Null Toleranz für Mobbing

"Als Lehrer stehen wir der Dynamik des Mobbing oft mit einer gewissen Machtlosigkeit gegenüber." Zitat: Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV
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Bayern
21.04.2017
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Fast jeder sechste 15-Jährige an deutschen Schulen wurde schon von Klassenkameraden gemobbt. Die Zahl der Betroffenen hat sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Dennoch hat das Leiden eine neue Dimension.

München. Die dieser Tage veröffentlichte Sonderauswertung der Pisa-Studie hat bestätigt, dass Mobbing an Schulen ein ernstes Problem ist. Die Zahlen sind seit etwa zehn Jahren ziemlich konstant - und das obwohl an vielen Schulen Präventionsprogramme laufen und das Netz an Beratungsstellen immer enger wird. Eine Ursache ist offenbar die Digitalisierung. Gemobbt wird nicht mehr nur auf dem Schulhof, sondern auch über Facebook, WhatsApp und Co. mit ungleich größerem Wirkkreis.

Leiden in Echtzeit


"Die Opfer leiden heute live und im Netz, das ist eine neue Dimension", erklärt dazu Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). Wie Cyber-Mobbing funktioniert, weiß Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni München. Er spricht von ständigen Mails mit beleidigendem Inhalt, von übers Netz verbreiteten Geheimnissen, von gezielt geposteten Unwahrheiten und Diffamierungen. Mobbing-Opfer sind demnach häufig die vermeintlich Schwachen oder diejenigen, die im Denken, Verhalten und Aussehen vom Mainstream abweichen. "Da wird viel mit Klischees gespielt", sagt Fleischmann. Sie nennt Kinder vom Land ohne Markenklamotten und Top-Smartphone als Beispiel, Kinder aus gesellschaftlichen Randgruppen, Leistungsschwache genauso wie Leistungsstarke, also die angeblichen "Streber". Mitunter schreiben gute Schüler sogar absichtlich mal ein schlechte Note, um sich die dummen Sprüche der anderen zu ersparen. "Underperformance" nennt das die Wissenschaft. Die Folgen des Mobbings sind mitunter gravierend. Sie reichen laut Schulte-Körne von Schulproblemen über Schulangst bis hin zu schweren Depressionen und selbstverletzendem Verhalten. Immer wieder landen Opfer bei ihm zur stationären Behandlung in der Klinik. Schulte-Körne berichtet aber auch von langfristigen Folgen. Wer als Erwachsener eine psychische Erkrankung ausbilde, sei früher signifikant häufig Opfer von Mobbing in der Schule gewesen. Zudem zeigten Studien ein weiteres Phänomen: Viele Mobbing-Opfer wandelten sich eines Tages zu Tätern. Mobbing setzt also einen Teufelskreis in Gang.

Zu wenig Psychologen


Diesen zu durchbrechen, scheint äußerst schwierig zu sein. Entscheidend sei, erklärt Schulte-Körne, schon bei ersten Anzeichen einzugreifen. Dazu müsse professionelle Hilfe kommen, denn Lehrer seien für die komplexen Anforderungen bei Mobbing nicht ausgebildet. Zwar gebe es inzwischen an fast jeder Schule einen Psychologen, doch fehlten diesen oft Zeit und Ressourcen. Denn Mobbing brauche zumeist eine lange und intensive Betreuung von Tätern wie Opfern. "Bei der Häufigkeit von Mobbing an Schulen haben wir absolut zu wenig Psychologen an den Schulen", urteilt Schulte-Körne.

Bei Simone Fleischmann rennt er damit offene Türen ein. "Als Lehrer stehen wir der Dynamik des Mobbing oft mit einer gewissen Machtlosigkeit gegenüber", bekennt sie. "Man will nicht zulassen, dass ein Kind verloren geht, aber man schafft es einfach nicht." Nicht aus Unwillen, sondern weil es die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Lehrer übersteige. Erschwerend komme nicht selten dazu, dass Vermittlungsversuche entweder am fehlenden Problembewusstsein der "Opfer-Eltern" oder der fehlenden Einsichtsfähigkeit der "Täter-Eltern" scheiterten - oder an beidem.

Schulze-Körne rät deshalb, nicht nur Täter und Opfer, sondern auch den Unterstützerkreis des Täters einzubinden. "Mobbing findet immer in der Gruppe statt, sonst funktioniert es nicht", erläutert er. Bei allem müsse der Opferschutz absoluten Vorrang habe. Das bedeute, dass im Zweifel nicht das Opfer, sondern der Täter aus dem Klassenverband oder gar der Schule entfernt werden müsse, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichten. Ziel sollte immer die Reintegration des Opfers in die Klasse sein, was eine lange und enge Begleitung erfordere. Jedoch brauche auch der Täter eine intensive Ansprache und Hilfestellung. Schließlich sollte der im besten Fall sein Fehlverhalten einsehen und für die Zukunft einstellen.

Simone Fleischmann setzt ihre Hoffnung auf eine "visionäre Lösung". Sie fordert eine gesellschaftliche Ächtung des Mobbing. Das Klima an den Schulen müsse von einem respektvollen Umgang miteinander geprägt sein. Sie kenne viele "tolle Ansätze" und Präventionskonzepte, sagt Fleischmann, aber damit erreiche man nicht alle. Schulte-Körne fast es so zusammen: "An den Schulen muss null Toleranz für Mobbing herrschen."

Als Lehrer stehen wir der Dynamik des Mobbing oft mit einer gewissen Machtlosigkeit gegenüber.Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV
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