Oktoberfestattentat von 1980
Interview mit dem Münchener Opferanwalt Werner Dietrich zum Wiederaufnahmeverfahren

Anwalt Werner Dietrich vertritt die Interessen der Angehörigen der Opfer. Bild: privat/dpa
Politik BY
Bayern
31.12.2015
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München. Mehr als drei Jahrzehnte hat der Münchener Opferanwalt Werner Dietrich für neue Ermittlungen zu dem Anschlag auf das Oktoberfest gekämpft. Vor einem Jahr hatte er Erfolg.

Herr Dietrich, wie laufen aus Ihrer Sicht die Ermittlungen?

Dietrich: Ich konnte bisher weniger als ein Prozent des jetzt vorliegenden umfangreichen Beweismaterials einsehen und kann nur diesen Ausschnitt bewerten. Allein durch die Vernehmungen meiner Mandanten, bei denen ich dabei war, ist aus meiner Sicht aber nachgewiesen oder zumindest sehr wahrscheinlich, dass mehrere Mittäter mit Köhler am Tatort waren, die mit ihm in Kontakt standen, mit ihm gesprochen und gestritten haben. Und dass es eine zweite möglicherweise fehlgezündete Bombe gab, einen zweiten Explosionsherd. Die Bundesanwaltschaft hat bisher keinen namentlich bekannten Mittäter, den sie verhaften könnte. Das heißt aber nicht, dass es keine Hintermänner gibt.

Das LKA hat 1980 schon ermittelt. Was bedeutet es für die neuen Ermittlungen, dass der Generalbundesanwalt das LKA betraut hat?

Dietrich: Es wäre besser gewesen, wenn eine andere Behörde übernommen hätte. Bei jedem Urteil, das der Bundesgerichtshof aufhebt, verweist dieser an ein anderes Gericht oder eine andere Kammer zurück, um auch nur den Anschein einer Voreingenommenheit zu vermeiden. Hier soll nun dieselbe Behörde die Ermittlungsarbeit ihrer Kollegen überprüfen.

Waren denn nun V-Männer aktiv?

Dietrich: Es gibt Hinweise, dass vier bis sieben V-Leute im Zusammenhang mit dem Oktoberfestattentat eingesetzt waren oder damit zu tun hatten. Und es gibt den Verdacht, dass V-Männer zu den Hintermännern gehört, Täterwissen gehabt und Köhler und mögliche Mittäter unterstützt haben könnten. Aber das ist nicht bewiesen. Es ist jetzt vor allem interessant, ob die entsprechenden Unterlagen herausgegeben werden.

Wie steht es damit?

Dietrich: Die Bundesregierung hat die Auskunft verweigert unter Berufung auf Geheimhaltungsgründe. Nun gibt es eine Organklage von Grünen und Linken. Die Regierung ist vom Bundesverfassungsgericht aufgefordert worden, dazu Stellung zu nehmen. Das Ergebnis halte ich für richtungsweisend, wie weit die Regierung bereit ist, auch diesen Graubereich auszuleuchten. Das wird einer der Knackpunkte der weiteren Arbeit sein. Erst wenn wir diese Akten haben, sehen wir auch, ob die Sicherheitsdienste mit offenem Visier arbeiten und wirklich alles herausgeben, was sie haben.

Wie lange werden die Ermittlungen denn dauern?

Dietrich: Ich denke, die Ermittlungen werden noch das ganze Jahr 2016 dauern. Natürlich ist es nach 35 Jahren schwieriger, ein Verbrechen aufzuklären als direkt nach der Tat. Aber ich bin auch optimistisch, weil sich immer neue Zeugen von damals mit erstaunlich präzisem Gedächtnis melden, deren Aussagen verwertbar sind und die auf ein terroristisches Umfeld hindeuten. Es gibt auch immer wieder Ermutigung aus Kreisen der damaligen Ermittlungsbehörden: "Macht weiter. Es durfte damals keinen organisierten Rechtsradikalismus geben. Das wurde geleugnet und heruntergespielt."

München. Berge von Akten, Dutzende Zeugen, Hunderte Fotos. Seit einem Jahr wird neu zum Oktoberfestattentat von 1980 ermittelt. Gab es Mittäter, waren gar V-Männer involviert?

Die neuen Ermittlungen zum Oktoberfestattentat von 1980 sind auch ein Bekenntnis: Dass vor mehr als drei Jahrzehnten nicht alles gut gelaufen ist. Am Abend des 26. September 1980 rissen 1,39 Kilogramm TNT zwölf Volksfestgäste in den Tod und verletzten 211. Schrauben und Nägel erhöhten die Zerstörungskraft. Auch der rechtsradikale Attentäter Gundolf Köhler starb. Die Akten wurden rasch geschlossen, das Verfahren mangels hinreichender Hinweise für weitere Beteiligte eingestellt. 35 Jahre später geht es darum, mögliche Helfer oder Drahtzieher zu finden und rechtsextreme Hintergründe aufzuklären.

Die Bilanz nach einem Jahr ist einerseits ernüchternd. Es gibt keine Hinweise auf konkrete Mittäter. Andererseits: Rund 400 Beweisgegenstände wurden neu erfasst. Opfervertreter sprechen von vielversprechenden Ansätzen. (Interview)
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