Pfarrer Günter Kusch über die Gewalt von jungen Männern
„Mehr über Gefühle sprechen“

"Die Gewalttat wird dann oft als Befreiungsschlag erlebt - gegenüber dem Umfeld und gegenüber sich selbst. Das geht bis ins Extreme: Meistens töten die Täter sich selbst." Zitat: Pfarrer Günter Kusch
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Bayern
25.07.2016
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Nürnberg. Gewalttaten durch junge Männer erschüttern den Freistaat. Die Angst in der Bevölkerung wächst zunehmend. Kann die Kirche Halt bieten? Unsere Redaktion hat den Pfarrer, Redakteur und NT/AZ-Mitarbeiter Günter Kusch befragt. Er ist Referent für Männerarbeit im Amt für Gemeindedienst Nürnberg und Geschäftsführer der Evangelischen Männerarbeit in Bayern

Bei den Anschlägen in Bayern waren keine Frauen beteiligt, es waren immer junge Männer. Wie lässt sich dieses Phänomen begründen?

Kusch: Das hat etwas damit zu tun, wie Männer Probleme und Belastendes bearbeiten. Viele fressen ihre Sorgen in sich hinein, anstatt mit der Partnerin oder Freunden im Gespräch nach Lösungen zu suchen. Irgendwann entlädt sich dieser innere Druck nach außen - fast explosionsartig. Die Gewalttat wird dann oft als Befreiungsschlag erlebt - gegenüber dem Umfeld und gegenüber sich selbst. Das geht bis ins Extreme: Meistens töten die Täter sich selbst. Es wäre hilfreich, wenn schon junge Männer lernten, mehr über Gefühle zu sprechen und auch einmal Schwäche einzugestehen.

Wie gehen Sie auf Menschen zu, die nach den vielen Bluttaten an ihrem Glauben an Gott zweifeln?

Ich kann gut verstehen, wenn Menschen nach so einer Tat fragen: Wie kann Gott das zulassen? Ich persönlich glaube aber nicht an einen Gott, der uns wie Marionetten an Fäden durchs Leben führt. Gott schenkt uns die Freiheit zu handeln. Dies kann auch zu negativen Ergebnissen führen. Im Kern meines Glaubens ist Gott ein liebender Gott, der den Menschen im Leid und im Kummer nicht alleine lässt, sondern ihm bestärkend und segnend zur Seite steht. Diese tröstende Nähe Gottes zeigt sich derzeit im Einsatz von einfühlsamen Polizisten, Psychologen, Seelsorgern und - ganz wichtig - von Nachbarn um die Ecke.

Gibt es durch den interreligiösen Dialog auch die Möglichkeit eines Einflusses auf potenziell radikalisierte Gläubige im Islam?

Gerade im religiösen Dialog zeigt sich, dass der ursprüngliche Islam nicht Gewalt, sondern den Frieden in den Mittelpunkt stellt. 99,9 Prozent der Muslime sollen laut Erhebungen friedlich gesinnt sein. Die unterschiedlichen Religionen nutzen den Dialog bereits, um gemeinsam zu überlegen, wie im Bereich der Verkündigung oder der Bildung frühzeitig gegen radikale Tendenzen vorgegangen werden kann.

Die Angst im Alltag steigt durch die Anschläge zusehends. Wie kann die Kirche seelsorgerisch einwirken?

Seelsorge heißt einerseits "Mitgefühl zeigen", also den Betroffenen und Angehörigen stärkend zur Seite zu stehen. Dies geschieht in Gesprächen, bei Besuchen, aber auch in Gottesdiensten. Andererseits hat Seelsorge auch eine aktuelle, politische Komponente. Kirche muss prophetisch mahnen, sich immer wieder in aktuelle Diskussionen einmischen und für ein friedliches Zusammenleben eintreten.

Sie sind selbst zweifacher Vater. Wie gehen Sie das Thema Terror und Anschläge mit ihren Kindern in Gesprächen an?

Wir reden ganz offen über das, was wir in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen. Wir schweigen, wenn wir manche Dinge nicht verstehen. Und wir schließen die betroffenen Menschen in unser Gebet ein, das wir abends zusammen sprechen.
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