Politischer Gillamoos in Abensberg
Altmaiers Schmuse-Attacke

Politik BY
Bayern
05.09.2016
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Einen Tag nach dem Wahldesaster in Mecklenburg-Vorpommern gibt es womöglich angenehmere Termine: Der Bierzeltauftritt in Niederbayern war eine Herausforderung für den CDU-Repräsentanten.

Abensberg. Zumal wenn es sich um Kanzleramtsminister Peter Altmaier handelt, den engsten Vertrauten und nebenbei obersten Koordinator der Flüchtlingspolitik seiner Chefin Angela Merkel. Die erarbeitet sich schließlich zumindest in der CSU mit ihrer sturen "Wir schaffen das"-Rhetorik jeden Tag ein bisschen mehr den Status einer unerwünschten Person. Als Stimme seiner Herrin also wagt sich Altmaier auf dem Politischen Gillamoos in Abensberg in die "Höhle des bayerischen Löwen", wie der örtliche CSU-Kreisvorsitzende Martin Neumeyer schon zur Begrüßung sagt. Dem bulligen Saarländer mit einem Kampfgewicht deutlich jenseits der Zwei-Zentner-Marke scheint das nichts auszumachen. Der Mann folgt nämlich einer Mission, die er dringend unters CSU-nahe Volk bringen möchte: Nur gemeinsam sind CDU und CSU stark. Deshalb ignoriert er auch die aktuellen Giftpfeile aus München geflissentlich und umgarnt die CSU regelrecht.

Warmer Beifall


Ja doch, gibt Altmaier zu, es gebe strittige Punkte, aber "viel mehr Themen, wo wir uns einig sind". "Die Wähler der Union wollen nicht, dass wir uns streiten" - für diesen Satz bekommt er sogar warmen Beifall. Fast beschwörend zählt er auf, dass es ohne das gemeinsame Handeln der Unionsschwestern in Deutschland weniger Sicherheit und weniger Wohlstand gäbe. "Uns ist es zu verdanken, dass unsere Kinder und Enkel die Chance auf eine gute Zukunft haben." Da nicken die CSU-Getreuen im Festzelt genauso wie zu Altmaiers Appell: "Wir müssen wieder die Kraft für Gemeinsamkeit finden."

Dann kommt Altmaier zur heiklen Passage seiner Rede, der Flüchtlingspolitik. Menschen in Not müsse geholfen werden, beginnt er, darin seien sich nach Umfragen auch heute noch über 80 Prozent der Deutschen einig. Deshalb sei es auch richtig gewesen, im vergangenen Jahr Flüchtlinge aufzunehmen. "Seitdem haben wir Tag und Nacht gearbeitet." Vieles sei erreicht worden. So seien Fluchtursachen durch eine bessere Versorgung und Betreuung der Menschen in den um Syrien liegenden Auffanglagern bekämpft worden, die Liste der sicheren Herkunftsländer sei erweitert worden, das Abkommen mit der Türkei habe den Zustrom gebremst. Ob für die deutlich gesunkenen Zugangszahlen nun das Schließen der Balkan-Route oder der Türkei-Deal verantwortlich sei, darüber sollten künftige Generationen von Professoren richten, versucht er, unionsinterne Gräben zuzuschütten.

Nicht gegen Bevölkerung


Merkels Minister hält eine perfekt temperierte Rede, die nur an der Stelle hätte kippen können, als er in ganz anderem Zusammenhang erklärt, man könne "nicht dauerhaft gegen die Mehrheit in der Bevölkerung regieren". Es hätte der Moment sein können, an dem der aufmerksame Bierzeltgänger hätte "Jawoll!" rufen und auf Merkels Flüchtlingspolitik verweisen können. Doch da hat Altmaier die CSU-Anhängerschaft mit seiner Schmuse-Attacke längst eingelullt. Am Ende kann er es sich sogar erlauben, ungestraft eine Hymne auf seine Chefin anzustimmen: "Deutschland ist ein großartiges Land, weil wir nicht nur eine Angela Merkel haben, sondern Zehntausende, Hunderttausende Angela Merkels. In jedem Dorf, in jeder Stadt." Altmaier hat es tatsächlich geschafft, den aktuellen CSU-Alptraum von einer allgegenwärtigen Kanzlerin zu einer süßen Vision zu verklären. Und das mitten in einem bayerischen Bierzelt.

GillamoosDer Gillamoos ist einer der größten und ältesten Jahrmärkte in Niederbayern, immer rund um das erste Septemberwochenende. Am Volksfestmontag, dem letzten Tag des fünftägigen Festes, treten traditionell Spitzenpolitiker parallel in benachbarten Bierzelten auf. Nach dem politischen Aschermittwoch mit Zentrum in Passau ist der Schlagabtausch das größte Politikspektakel in Niederbayern. (dpa)
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