Razzia gegen Salafisten der "Wahren Religion"
Besuch von der Polizei

Mit solchen Plakaten versuchen die Teilnehmer der Koran-Verteilaktion "Lies!" ihr Material unter die Leute zu bringen. Jetzt waren sie auch in Bayern Ziel einer großangelegten Durchsuchungsaktion. Archivbild: dpa
Politik BY
Bayern
16.11.2016
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Mit einer Großrazzia ist die Polizei am Dienstagmorgen gegen radikale Salafisten und mutmaßliche Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorgegangen. Auch in Bayern.

München. Ziel der Aktion waren Organisatoren und Anhänger der Vereinigung "Die wahre Religion", die hinter den umstrittenen Koran-Verteilaktionen "Lies!" in deutschen Städten steht. In Bayern waren 240 Kräfte im Einsatz, die 34 Objekte durchsuchten. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, der angebliche religiöse Zweck sei nur vorgeschoben gewesen. "Tatsächlich war die verbotene Vereinigung jedoch ein Sammelbecken dschihadistischer Islamisten."

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Hintergründen:

Was werfen die Behörden der Vereinigung vor?

Sie soll über Jahre Propaganda für den Dschihad ("Heiligen Krieg") und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gemacht haben - unter dem Deckmantel der Koran-Verteilaktion "Lies!" in deutschen Fußgängerzonen. 140 junge Menschen hätten sich so radikalisiert und seien in die IS-Kampfgebiete in Syrien und den Irak gereist.

Wie war das mit der Koran-Verteilaktion "Lies!"?

Der Hassprediger Ibrahim Abou-Nagie hatte die jetzt verbotene Vereinigung "Die wahre Religion" 2005 gegründet. Zunächst ging es um Seminare und Vorträge, mit denen die angeblich "reine Botschaft" des Islams verbreitet werden sollte. Seit 2011 hatte sich der Schwerpunkt verschoben, in deutschen Fußgängerzonen tauchten immer öfter "Lies!"-Infostände auf. Wegen zunehmender Schwierigkeiten bei der Genehmigung verlagerten die Salafisten sich zunehmend auf die "Street Dawa" und verteilten den Koran aus Taschen und Rucksäcken. Eine neue Form ist das "Home Dawa" - online können Salafisten-Prediger nach Hause eingeladen werden.

Wie viele Korane haben die Salafisten unters Volk gebracht?

Die "Lies!"-Agitatoren wollten 25 Millionen Koranübersetzungen kostenlos an Nichtmuslime in Deutschland verteilen. Laut Abou-Nagie sind bis Mitte 2016 rund 3,5 Millionen Koran-Exemplare unters Volk gebracht worden. Ob die Zahl stimmt, ist unklar.

Was ist am Dienstag passiert?

Festnahmen gab es nicht, anders als bei den Aktionen gegen Islamisten der vergangenen Monate - es ging auch nicht um konkrete Anschlagspläne, sondern um ein Vereinsverbot. In Westdeutschland und Berlin händigte die Polizei 105 Mal die Verbotsverfügung aus. Sie beschlagnahmte umfangreiche IT-Technik, Speichermedien, Smartphones, in Einzelfällen fanden die Beamten auch Hieb- und Schlagwaffen.

Welche Vorgeschichte hat die Aktion?

Die Ermittlungen laufen seit 2013. Da hatte die acht Jahre zuvor gegründete Gruppe schon mit Koran-Verteilaktionen auf sich aufmerksam gemacht. Das Netzwerk soll 500 Mitglieder haben. Dass der Kopf von "Die wahre Religion", der gebürtige Palästinenser Abou-Nagie, derzeit in Malaysia ist, wussten die Behörden. Aber sie hatten nach Angaben des Innenministeriums die Ermittlungen so weit abgeschlossen, dass ein Vereinsverbot auch im Fall von Anfechtungen Bestand haben würde.

Trocknet die Salafisten-Szene mit der Aktion jetzt langsam aus?

Wohl nicht. Die Behörden gehen von 870 Menschen aus, die aus Deutschland nach Syrien und in den Irak gezogen sind. Die Zahl der Salafisten in Deutschland stieg bis Oktober auf 9200. Die Behörden fürchten, dass verstärkt Salafisten aus den IS-Kampfgebieten nach Deutschland kommen könnten, wenn die Terrormiliz etwa in Mossul zunehmend in die Defensive gerät.
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