Reaktionen auf Tennets Trassenvorschläge
"Erdkabel oder gar nix"

(Foto: dpa)
Politik BY
Bayern
27.09.2016
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Der Stromnetzbetreiber Tennet hat den Abgeordneten des Landtags in einer internen Besprechung seine Planungen über mögliche Verläufe der Gleichstromtrasse Süd-Ost-Link durch Oberfranken und die Oberpfalz vorgestellt.

München. Demnach gibt es zwei mögliche Trassenkorridore, die sich bei Bedarf verknüpfen lassen. Klar ist, dass die Stromkabel komplett unterirdisch verlegt werden. Freileitungen mit hohen Masten wird es nicht geben. Bis zum Frühjahr 2017 soll aus den Modellen unter umfangreicher Bürgerbeteiligung eine "Vorzugstrasse" entwickelt werden, mit der Tennet ins Genehmigungsverfahren gehen wird. Nach Einschätzung von Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Franz Pschierer wäre bei optimalem Planungsverlauf der frühest mögliche Baubeginn im Jahr 2020.

Nach den Modellvarianten wird der Süd-Ost-Link nördlich von Hof aus Thüringen nach Bayern einschwenken. Die Variante 1 führt im Westen am Fichtelgebirge vorbei durch die Landkreise Kulmbach und Bayreuth und geht von dort durch den westlichen Landkreis Neustadt/WN sowie über den Raum Amberg und westlichen Landkreis Schwandorf in den Großraum Regensburg. Die Variante 2 verläuft östlich des Fichtelgebirges und tritt im Bereich zwischen Marktredwitz und Arzberg in den Landkreis Tirschenreuth ein. Der Korridor verläuft westlich von Weiden und der Naab in Richtung Regensburg. Endpunkt beider Varianten ist das noch bis 2022 laufende Kernkraftwerk Isar 1 bei Landshut. Die Varianten umfassen einen Kilometer breite Korridore, in denen später die etwa 15 Meter breite Trasse unter der Erde verlaufen wird.


Nach drei Jahren unsichtbar


Wirtschaftsministerin Ilse Aigner begrüßte die Pläne von Tennet. Es werde keine Eingriffe in die Natur geben, die die Landschaft auf Dauer beeinträchtigten. Aigner zeigte Fotos einer vergleichbaren unterirdischen Gasleitung in Unterfranken. "Die liegt im Boden drin, nach drei Jahren sieht man davon gar nichts mehr", sagte Aigner. Sie räumte ein, dass dies nur für Wiesen und Ackerflächen gelte, die nach dem Bau wieder normal bewirtschaftet werden könnten. In Waldgebieten werde eine 15 Meter breite Schneise bleiben, weil über den Kabeln keine tief wurzelnden Bäume gepflanzt werden dürften.

Die Gesamtkosten für die Bayern tangierenden HGÜ-Trassen Südostlink und Südlink - dieser führt durch Unterfranken - bezifferte Aigner auf sechs Milliarden Euro. Dies sei zwar teurer als Freileitungen auf Masten, die aber politisch nicht durchsetzbar seien. Die Alternative laute also: "Erdkabel oder gar nix." Da Bayern nach dem Abschalten der Kernkraftwerke aber auf Stromimporte aus Norddeutschland angewiesen sei, seien die Mehrkosten akzeptabel.

"Wir erwarten von Tennet, dass die vereinbarte Bürgerbeteiligung auch gelebt wird", stellte Staatssekretär Pschierer klar. Vom Leitungsbau betroffenen Land- und Forstwirten stellte er eine "faire Entschädigungsregelung" in Aussicht. Kritik an der Staatsregierung kam von SPD und Grünen. SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen erklärte, mit seinem "Anti-Stromtrassen-Populismus" habe Ministerpräsident Horst Seehofer die Verzögerungen beim Leitungsbau zu verantworten. Martin Stümpfig (Grüne) sagte, Seehofer habe den bayerischen Bürgern einen "Bärendienst" erwiesen. Die Verzögerung beim Trassenbau werde die Stromkunden teuer zu stehen kommen.

Lediglich die Freien Wähler hielten an ihrer Ablehnung der HGÜ-Trassen fest. Diese wären nicht erforderlich, wenn die Staatsregierung nicht den regionalen Ausbau erneuerbarer Energien mit der 10H-Regelung für Windräder und Hürden bei der Solarstromnutzung blockiert hätte.

Das weitere VerfahrenDer Netzbetreiber Tennet wird mit seinen Trassenvarianten nun in eine umfassende Öffentlichkeitsbeteiligung gehen. Ab heute starten Informationsveranstaltungen für Kommunalpolitiker entlang der Korridore, anschließend sind bis Anfang November 23 Bürgerforen geplant. In diesen können Bürger eigene Vorschläge und Hinweise zur Trassenführung einbringen, die in die weitere Planung einfließen. Eine Beteiligung ist ab Donnerstag auch im Internet unter www.tennet.eu möglich.

Parallel dazu fragt Tennet bei allen möglicherweise von der Trasse betroffene Kommunen an, wo die örtliche Bauleitplanung einem Erdkabel entgegenstehen könnte. Aus all diesen Informationen will Tennet bis zum Frühjahr 2017 eine "Vorzugstrasse" destillieren, mit der sie in die Bundesfachplanung geht. Bei optimalem Verlauf könnte Ende 2018 das Planfeststellungsverfahren mit weiterer Bürgerbeteiligung starten. Frühestmöglicher Baubeginn wäre 2020. Wegen der vielen Unwägbarkeiten bei Planung und Bau rechnet die Bundesnetzagentur aber mit einer Inbetriebnahme des Süd-Ost-Links nicht vor 2025.

Obwohl in Bayern bereits 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht, erwartet Wirtschaftsministerin Ilse Aigner keine Versorgungsengpässe, da bis dahin Ersatzkraftwerke mit einer Gesamtleistung von zwei Gigawatt zur Verfügung stehen sollen. Die Übergangszeit bis zur Inbetriebnahme der HGÜ-Leitungen werde jedoch Mehrkosten verursachen, erklärte Aigner.

Da Bayern nach dem Abschalten der Kernkraftwerke aber auf Stromimporte aus Norddeutschland angewiesen sei, seien die Mehrkosten akzeptabel. Man müsse diesen die Kosten gegenüberstellen, die mit Bereitstellung zusätzlicher Leistung in Süddeutschland verbunden wären. Diese beliefen sich auf mehrere 100 Millionen Euro im Jahr.

Nach Einschätzung von Staatssekretär Franz Pschierer wird die Erdverkabelung zu einer Beschleunigung der Verfahren führen, da die Akzeptanz für einen unterirdischen Verlauf in der Bevölkerung größer sein dürfte. "Die Erdverkabelung ist ein konfliktreduzierendes Angebot", sagte Pschierer. Voraussetzung sei aber, dass Tennet bei den anstehenden öffentlichen Informationsveranstaltungen die Einwände und Vorschläge von Kommunalpolitikern und Bürgern ernst nehme.

Die politischen Reaktionen auf die Tennet-Pläne fielen überwiegend positiv aus. Bei ihrer Fundamentalkritik bleiben lediglich die Freien Wähler. "Die Staatsregierung hat billigend in Kauf genommen, dass der Freistaat in die Abhängigkeit von Stromimporten gerät", sagte der Abgeordnete Thorsten Glauber. Statt neuer teurer Stromtrassen forderte er die dezentrale Bürger-Energiewende. (jum)


Den Trassenverlauf für alle betroffenen Landkreise finden Sie unter http://www.tennet.eu/de/unser-netz/onshore-projekte-deutschland/suedostlink/trassen-verlauf/.

Letztendlich zahlen die Bürger für jede Trassen-Lösung Kommentar von Clemens Fütterer

Gewiss ist nur ihr unterirdischer Verlauf. Ansonsten spannen sich die vielen Optionen der Süd-Ost-Link-Trasse wie ein kreatives Gitter über die Region. Die Politiker verkünden die Erdverkabelung als Erfolg angesichts der wütenden Bürgerproteste. Letztendlich bezahlen müssen diese Lösung aber alle Stromkunden: Bis zu 10 Millionen Euro Mehrkosten fallen pro Kilometer an. Da stehen zusätzlich Milliarden in der Endabrechnung für den Süd-Ost-Link.

Die Verzögerung hat auch einen politischen Preis: Wenn Ende 2022 in Deutschland die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, sollten auch die neuen Strom-Autobahnen stehen. Eine Illusion! Eigentlich müssten die neuen starken Leitungen den Windstrom aus dem Norden in die Wirtschaftszentren des Südens transportieren. Es drohen hier nach 2022 kostspielige Notlösungen, weil die Trassen nicht planmäßig vollendet werden. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und des Stromnetzes klaffen immer weiter auseinander. Trotzdem werden in Deutschland von geschäftstüchtigen Investoren weiter Windräder gebaut, obwohl die Strom-Transport-Kapazitäten fehlen. Immer öfter müssen die Netz-Betreiber alle Hebel in Bewegung setzen, um eine Überlastung zu vermeiden: Kraftwerke rauf- und runterfahren, Wind- und Solarparks vom Netz nehmen. Die Kosten für diese Eingriffe bewegen sich flott auf eine Milliarde zu.

So begrüßenswert der sensible Dialog ist: Dafür, dass es Zeit und Geld kostet, sie beim Trassen-Verlauf mitzunehmen, müssen die Bürger als Stromkunden selber zahlen. Auch das gehört zur Wahrheit.

clemens.fuetterer@derneuetag.de

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