Reichsbürger tötet einen Polizisten und verletzt drei weitere [Aktualisierung]
Ein Polizist stirbt nach Schüssen auf Beamte bei Razzia

Zahlreiche Polizeibeamte stehen vor dem Grundstück des sogenannten Reichsbürgers. Bei einer Razzia hatte hier ein 49-Jähriger Angehöriger der Reichsbürger-Bewegung am Morgen vier Polizisten durch Schüsse zum Teil schwer verletzt. Er hatte laut Bayerns Innenminister Hermann 30 Waffen. Bild: dpa
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Bayern
19.10.2016
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Beamte der Spurensicherung und des Unterstützungskommandos (USK) in Georgensgmünd. Bei einer Razzia hatte hier ein 49-Jähriger Angehöriger der "Reichsbürger"-Bewegung am Morgen vier Polizisten durch Schüsse zum Teil schwer verletzt. Er hatte laut Innenminister Hermann 30 Waffen. Bild: dpa

Vier Polizisten werden in Mittelfranken durch Schüsse eines "Reichsbürgers" verletzt - ein Beamter erleidet sogar lebensgefährliche Verletzungen. Dieser Polizist ist nun seinen Verletzungen erlegen. «Er ist jetzt tatsächlich verstorben», sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfrankens am Donnerstagmorgen. Am Mittwochabend hatte die Polizei den Tod des Beamten zunächst noch fälschlicherweise vermeldet. Bayern will nun allen Anhängern der Gruppierung den Waffenbesitz untersagen.

Georgensgmünd. "Wer die deutsche Rechtsordnung ablehnt, der bietet keine Gewähr, ordnungsgemäß mit Waffen umzugehen", erklärte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Mittwoch. Angesichts des schweren Vorfalls im mittelfränkischen Georgensgmünd kündigte Herrmann an, die Gruppierung "noch intensiver" zu überwachen und konsequent unter die Lupe zu nehmen. Vor allem gehe es darum festzustellen, welche "Reichsbürger" gefährlich sein könnten. Dazu gehöre auch die sorgfältige Überprüfung, welche "Reichsbürger" im Besitz von Waffen seien, sagte Herrmann. "Unser Ziel ist, allen "Reichsbürgern", die legal eine Waffe besitzen, ihre Waffenerlaubnisse zu entziehen."

Polizist verstorben


Ein sogenannter "Reichsbürger" hat bei einer Razzia im mittelfränkischen Georgensgmünd auf Polizisten geschossen und vier Beamte verletzt, einer von ihnen verstarb an seinen Verletzungen. Der 32 Jahre alte Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) sei operiert worden, sagte Herrmann in Roth. Konnte aber nicht gerettet werden.

Gegen den 49-Jährigen, der das Feuer auf die Beamten eröffnet hatte, als sie am Morgen in sein Haus eindrangen, wurde zunächst wegen versuchten Mordes ermittelt. Bei dem Mann handelt es sich um einen Jäger, der 31 Lang- und Kurzwaffen zunächst legal besaß. Von den Behörden wurde er aber nicht mehr als zuverlässig eingestuft. Deshalb sollten ihm seine Waffen entzogen werden. Zuvor hatten die Behörden seinen Jagdschein und seine Waffenbesitzkarte als ungültig erklärt.

Ein SEK-Beamter erlitt bei der Schießerei einen Durchschuss am Oberarm, zwei weitere Polizisten wurden durch Glassplitter verletzt. Der Täter wurde festgenommen. Ein Haftantrag wegen versuchten Mordes sei gestellt; der 49-Jährige werde am Donnerstag dem Ermittlungsrichter vorgeführt, sagte Oberstaatsanwältin Anita Traud am Mittwoch.

Auch die Bundesregierung will ihre Einschätzung der Gruppierung überprüfen. Der "erschreckende Vorfall" werde sicher Anlass sein zu schauen, ob die bisherigen Bewertungen Bestand hätten, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.

Sofort Feuer eröffnet


Der 49-jährige Täter, der zuletzt keiner Arbeit nachging, sei den Behörden bislang nicht aufgefallen, sagte der Rother Landrat Herbert Eckstein: "Bei dem Mann war seitens des Verfassungsschutzes so nichts feststellbar." Früher habe er eine Schule für Kampfsport betrieben. Erst als der Mann im Sommer Kontrolleure von seinem Grundstück verwies, die die ordnungsgemäße Aufbewahrung seiner Waffen überprüfen wollten, entschlossen sich die Behörden zu dem Zugriff. Weil bekannt war, dass er eine Vielzahl von Waffen in seinem Haus hatte, wurde das SEK zur Unterstützung angefordert.

"Der Täter war im ersten Stock und eröffnete sofort von oben das Feuer", berichtete der Polizeipräsident von Mittelfranken, Johann Rast. Die Beamten erwiderten das Feuer. Der Täter habe eine Schutzweste getragen und mit einer Kurzwaffe auf die Polizisten geschossen. "Wie viele Schüsse insgesamt fielen, ist noch unklar", sagte Rast.

Es reicht, Bürger - Zeit, dass sich die Demokratie wehrt!Kommentar von Jürgen Herda

Der Grat zwischen harmloser Spinnerei und blutigem Ernst ist schmal. Das Phänomen ist nicht neu: Eine sonderbare Allianz von Verschwörungstheoretikern, Esoterikern und Rechtsextremen erklären die Bundesrepublik Deutschland zur GmbH, zählen die Federn des Bundesadlers, um Anomalien zu entdecken und erklären das Grundgesetz und sämtliche Behörden für illegitim.

Die Motive der vielen Splittergruppen - vom rechtsextremen Deutschen Kolleg um Horst Mahler über betrügerische Germaniten und die kommissarische Reichsregierung bis zum Königreich Deutschland des Esoterikers und Kochs Peter Fitzek - reichen von schlichter Bereicherungsabsicht über religiöse Sektiererei bis zu irren Rassenthesen des ehemaligen RAF-Terroristen Mahler. Sein Ziel: das deutsche Volk aus der "Knechtschaft" einer "jüdischen Weltverschwörung" zu befreien.

Es ist kein Zufall, dass die "Reichsideologen" auch Zuspruch von den Wutbürgern der Pegida erhalten. Die aggressive Ablehnung des demokratischen Deutschlands passt ausgezeichnet zum Feindbild all derer, die für Pleiten, Pech und Pannen die ganze Welt, nur nicht selbst verantwortlich machen.

Hasstiraden gegen alles, was nicht in ein völlig aus der Zeit gefallenes borniertes, völkisch-nationales Sündenbock-Denken passt, bereiten das Klima für Übergriffe auf die Feindbilder: Fremde, Politiker, Umweltschützer, Feministen, Homosexuelle, Gutmenschen. Dass sich da der durchgeknallte Reichsbürger Wolfgang P. im Recht fühlt, um sich zu ballern, wenn ihn Vertreter des verhassten "Regimes" entwaffnen wollen, überrascht kaum mehr. Es reicht, Wutbürger! Der Staat muss jetzt zeigen, dass er sehr viel reeller ist, als sich die Reichsbürger das wünschen.
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