Ringen um Sterbehilfe

Auf dem letzten Weg nicht alleine sein: Menschen im Hospiz erleben dies. Im Hospiz des Juliusspitals in Würzburg hilft ein Buch bei der Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen. Bilder: dpa (2)
Politik BY
Bayern
14.11.2014
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Es ist der definitiv letzte Weg eines Menschen. Im Hospiz wird gestorben. Das ist hart für die Todkranken und ihre Familie. Aber das geht entgegen der landläufigen Meinung auch ohne Schmerzen - und manchmal erfüllt das Hospiz sogar Extrawünsche. So wie in Würzburg.

Für die Sterbenden in ihrem Hospiz setzt Sibylla Baumann gern alles in Bewegung. Vor drei Wochen hat sie sogar ein Pony ins Haus holen lassen und damit einem 81-Jährigen seinen letzten Wunsch erfüllt. Er wollte seine Pferde noch einmal sehen. Doch der Krebs war schon so weit fortgeschritten, dass er das Hospiz des Würzburger Juliusspitals nicht mehr verlassen konnte. Und so kam das Pferd eben zu ihm. "Das Pony war schneeweiß. Seine zehnjährige Enkelin brachte es zu ihm ins Zimmer. Direkt ans Pflegebett. Er war so gerührt. Das sind auch für uns extrem berührende Momente", sagt Hospizleiterin Baumann. Gut eine Woche später ist der Mann gestorben.

Der letzte Wunsch

Baumann und ihr Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, Sterbenden ihre letzten Tage so angenehm wie möglich zu machen. Dazu gehört nicht nur das Erfüllen der Grundbedürfnisse und ihrer letzten Wünsche - wenn möglich. "Das Wichtigste ist die Achtsamkeit. Das ist das Grundelement der Hospizarbeit, und zwar dem Gast, den Angehörigen und auch dem eigenen Team gegenüber", sagt Baumann. Sie spricht von den Hospiz-Bewohnern als Gästen - voller Respekt und Wertschätzung. Die meisten Sterbenden wünschten sich in ihren letzten Tagen vor allem Ruhe. "Dabei geht es nicht unbedingt um die Ruhe im klassischen Sinne. Die Wenigsten wollen allein sein. Sie wollen vielmehr Frieden finden." Und das natürlich im besten Fall ohne Schmerzen. Dass in der Gesellschaft Sterben oft mit qualvollen Schmerzen verbunden wird, ärgert die Hospizleiterin. Denn die Behandlung der Schmerzen gehört im Hospiz zur Tagesordnung.

Drei Wochen lang

"Hier wird nicht qualvoll gestorben. Das gibt es nicht." Etwa 90 Prozent der Hospizbewohner leiden unter den Spätfolgen von Krebs. Das bedeutet auch, dass die Pflegerinnen viele Symptome lindern müssen. "Schmerzen, Atemnot, Erbrechen, Übelkeit, Panikattacken, Angst - es sind die klassischen Symptome, die wir medikamentös behandeln. Und den Rest behandeln wir durch Zuwendung", sagt Baumann. Die Lebensqualität soll bis zum Schluss hoch gehalten werden. "Manchmal sitzen wir auch einfach nur am Bett unserer Gäste und schweigen." Es geht aber auch um Wahrhaftigkeit, sagt sie. "Es ist hier nicht die Zeit, jemandem irgendetwas vorzuspielen." Durchschnittlich drei Wochen lang wird ein Hospizbewohner betreut.

Unterstützt wird das Hospizpersonal durch ehrenamtliche Helfer wie Anneliese Reichelt. In Bayern gibt es etwa 8600 davon, deutschlandweit sollen es mehr als 100 000 sein. Die 67-jährige Würzburgerin hat den Mann mit dem weißen Pony in seinen letzten Monaten begleitet. "Wir haben viel geredet, gelacht und uns sogar richtig angefreundet", erinnert sie sich. "Man ist einfach für die Patienten da, unterhält sie, hört zu, lenkt sie ab, hält ihre Hand." Aber manchmal komme auch sie an ihre Grenzen, wenn beispielsweise der Geruch des Sterbenden kaum zu ertragen ist.

Das Würzburger Hospiz mit seinen zehn Betten ist alles andere als ein trister Ort voller Leiden. Es ist ein Ort der Stille, liebevoll eingerichtet, zurückhaltend aufmunternd dekoriert. Sternenhimmel im Pflegebad, ein Klavier im Aufenthaltsraum, hier und da bequeme bunte Sessel. Die Zimmer sind wohnlich und fast wie ein Hotelzimmer eingerichtet. Vor weniger als eineinhalb Jahren wurde das Hospiz eröffnet. In Deutschland gibt es mehr als 200 solcher Einrichtungen. In Bayern sind Dienste für Sterbende dem Hospiz- und Palliativverband zufolge flächendeckend vorhanden und gut vernetzt.

Verbandsgeschäftsführer Erich Rösch geht davon aus, dass die Sterbehilfe-Debatte im Bundestag das Thema Hospiz- und Palliativversorgung verständlicher macht. "Es gibt einen großen Aufklärungs- und Informationsbedarf bei den Politikern, um zu erkennen, dass es keine Sterbehilfe braucht", sagt er. "Sterben ohne Qualen geht auch ohne ärztlich assistierten Suizid."

Spenden erforderlich

Zwischen 20 und 25 Prozent ihrer Gesamtkosten müssen die Hospize durch Spenden finanzieren. Den Rest übernehmen die Kranken- und Pflegekassen. Die Familie des Pferdebesitzers aus Unterfranken war nach dem Tod ihres Vaters so dankbar für die Unterstützung im Hospiz, dass sie für die Beerdigung um Spenden statt Kränze bat. "Was das Personal hier geleistet hat, war wunderbar, man kann es nicht genug wertschätzen. Etwas Besseres hätte uns gar nicht passieren können", sagt Roland Lannig, einer der beiden Söhne, rückblickend.
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