Ruhige Proteste in München - keine Zwischenfälle rund um Schloss Elmau
Fast 35.000 Menschen demonstrieren gegen G7-Gipfel

Die Demonstration von G7-Kritikern findet unter dem Titel "TTIP stoppen, Klima retten, Armut bekämpfen" statt. Foto: dpa
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Bayern
04.06.2015
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Es werden immer mehr: Fast 35 000 Menschen haben nach jüngsten Angaben in München friedlich gegen den anstehenden G7-Gipfel protestiert. Vor allem das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP stand in der Kritik. Zu größeren Zwischenfällen kam es nicht bei dem bunten Protest. Auch rund um Schloss Elmau blieb alles friedlich.

Die Band Rainer von Vielen gibt den Takt vor: «Empört Euch! Denn diese Welt, sie gehört Euch.» Bei der Protestdemonstration in München gegen den G7-Gipfel ist das eine Parole, bei der tausende Menschen begeistert mitsingen. Laut, bunt, fröhlich und engagiert sind die gut 35 000 Menschen, die in der bayerischen Landeshauptstadt ihrem Unmut über Globalisierung, Kapitalismus, Großkonzerne oder das geplante Freihandelsabkommen TTIP Luft machen. Und über das von der Öffentlichkeit fast vollständig abgeschirmte Treffen sieben wichtiger Industrienationen auf Schloss Elmau. Doch bei aller Wut - sie bleiben friedlich. «Die Gewalt geht von denen aus, die ein ganzes Areal absperren, die Demonstrationsfreiheit einschränken», ruft einer der Organisatoren in die Menge.

Auffallen mit fantasievollen Verkleidungen

Unter sengender Sonne drängen sich die Menschen am Stachus, viele in fantasievollen Verkleidungen. Grün-gelbe Maiskolben leiden unter manipulierten Genen, Bienen sinken zu Boden, benebelt von tödlichen Insektengiften. «Aus Solidarität mit den Tieren, die ein schweres Leben haben werden aufgrund der hohen Pestizidbelastung», erklärt Ute, die als Schmetterling eigens aus Wien angereist ist. Eine Nürnbergerin hält tapfer im plastikbraunen Hasen-Ganzkörperfell aus, inklusive Ohrenkapuze und Riesenzähnen. Sie verurteilt Genmanipulationen und starke Düngung. «Die Bienen sterben, andere Tiere sterben für uns Menschen. Das ist nicht gut», stellt sie fest. Und eine braun-weiß-gestreifte Biene erklärt: «Die Bienen sind wichtig für uns. Wenn die Bienen sterben, stirbt der Mensch vier Jahre später.»

"Ernte statt Ende"

Andere kämpfen für politische Anliegen, gegen Kapitalismus, für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik oder gegen die ungleiche Verteilung von Geld («Stoppt die gierigen 7»). Während Politiker wie der Bundesfraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter, oder der Linken-Politiker Klaus Ernst auf dem Podium vor allem gegen TTIP und andere Handelsabkommen wettern, versucht sich eine Gruppe Äthiopier Gehör zu verschaffen. Ihr Anliegen: «Keine Diktatoren», skandieren sie lautstark. Dazwischen Menschen in bunten Ponchos. Eine Gruppe fällt besonders auf: Sie haben sich als Sensenmänner verkleidet und eine Hälfte ihrer Gesichter mit Totenköpfen bemalt. «Ernte statt Ende», so ihr Schlachtruf, mit dem sie für die Rechte von Kleinbauern eintreten, gegen Großplantagen und mächtige Exportunternehmen. Bei der Abschlusskundgebung am späten Nachmittag wurde noch der Globalisierungskritiker Jean Ziegler als Redner erwartet.

Deutliche Worte findet auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die zum Haberfeldtreiben aufruft, einem rituellen Feldgericht in Bayern, mit dem die Landbevölkerung früher gegen die Obrigkeit aufbegehrte. «17 000 Polizisten brauchen's, um die Politiker vor den Demonstranten zu schützen, dabei täten doch im Schloss die größeren Banditen sitzen», ruft ein Landwirt mit schmutzig-schwarz gefärbtem Gesicht. «Is wahr?», fragt er gleich darauf unter ohrenbetäubendem Kuhglockenläuten und zustimmendem Jubel.

Abkühlung bei G7-Gipfel

Doch vielfältige Anliegen hin oder her - unter der Hitze haben alle zu leiden. Das trifft auch die Polizisten, die in schwarzer Kampfmontur und mit weißen Helmen unterm Arm den Demonstrationsweg säumen. Für sie gibt es Versorgungsstände mit Wasserflaschen. Und auch die Demonstranten werden nicht vergessen. Gegen Ende des Demonstrationsweges dreht die Feuerwehr einen Hydranten auf. Klares Wasser sprudelt in einem kühlen Strahl nach oben - und sofort bildet sich eine riesige Traube an durstigen Menschen. Sie füllen Wasserflaschen, lassen ihre Kleidung nass spritzen und genießen den kurzen Moment der Erfrischung, bevor sie weiterziehen.

So einträchtig ist die Demonstration, dass sogar die Polizei davon angetan ist. «Es ist ein schöner, bunter Zug. Es ist alles friedlich. Das ist schön zu sehen», lobt der Sprecher des Polizeipräsidiums München, Wolfgang Wenger. Keine Spur von randalierenden Autonomen - München macht seinem Ruf als blitzsaubere Stube Deutschlands alle Ehre, die am Vormittag bei den Fronleichnamsprozessionen sogar noch von Weihrauchschwaden und Kirchenliedern durchzogen war. Ein friedliches Anti-G7-Fest - auch für die Organisatoren Ehrensache, wie einer von ihnen während der Demo erklärt: «Wir wollen ja gerne eine Urkunde haben von der Polizei, wie toll wir das gemacht haben.»