Schicksalsstunden für Griechenland

Noch lange nach seinem Vortrag in der Universität Bayreuth diskutiert Professor Nicholas Theocarakis (links) mit Studenten. Bild: paa
Politik BY
Bayern
12.07.2015
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Griechische und deutsche Politiker haben sich nicht mehr viel zu sagen. Immer häufiger dominieren Schuldzuweisungen. Nun starten die Universitäten Bayreuth und Athen ein gemeinsames Projekt. Zum Auftakt spricht in Bayreuth ein Vertrauter von Ex-Finanzminister Gianis Varoufakis.

Rein äußerlich hat Nicholas Theocarakis nichts mit Ganis Varoufakis gemein. Als er den Hörsaal in der Universität Bayreuth betritt trägt er dunklen Anzug, blaues Hemd mit Doppelmanschetten und Krawatte. Die Krawatte nimmt er schnell ab. Der oberste Hemdknopf bleibt geschlossen, obwohl es heiß ist im Saal. Selbst auf den Stufen sitzen Studenten, um den Gast zu hören.

Vertrauter von Varoufakis

Der Professor für Politische Ökonomie und Theorie der Wissenschaftsgeschichte an der Universität Athen ist ein enger Vertrauter des früheren griechischen Finanzministers. Zusammen haben sie Bücher verfasst. Und: Im März holte ihn Varoufakis ins Finanzministerium. Als Generalsekretär für Finanzpolitik führte Theocarakis die Verhandlungen auf Arbeitsebene mit der Euro-Gruppe.

An diesem Freitagabend, vor dem Schicksalswochenende für sein Land und für die Euro-Zone, wirkt Theocarakis müde und tief enttäuscht - und das liegt nicht daran, dass er um 3 Uhr aufgestanden ist, um von Athen nach Bayreuth zu reisen. Im Gespräch mit unserer Zeitung lässt er erkennen, dass er von den Verhandlungen mit der Euro-Gruppe enttäuscht ist. "Diese Leute sind so auf Regeln fixiert." Gleichwohl habe er sich auf persönlicher Ebene gut verstanden. Er kritisiert, dass es auf der Arbeitsebene keinen Verhandlungsspielraum gegeben habe. Selbst wenn dieser auf Regierungschefebene vereinbart worden sei. "Ich denke, jetzt habe ich zu viel gesagt."

"Jenseits der Souveränitätskrise: Eine neue Philosophie und Volkswirtschaftslehre für Europa" ist das Projekt der Universitäten Bayreuth und Athen überschrieben. Gefördert wird es von der Volkswagenstiftung. Es führt Studenten und Professoren beider Länder zusammen. Sie sollen neue Impulse für die Beziehungen zwischen Griechenland und der Europäischen Union liefern.

Der Bayreuther Philosophie-Professor Matthew Braham sagt, das Projekt soll dazu beitragen, dass die Debatten über Auswege stärker als bisher von "Klarheit, wissenschaftlicher Rationalität und gegenseitigem Respekt geprägt sind". Er warnt davor, sich in gegenseitige Schuldzuweisungen zu verstricken. Wie schwer das fällt, zeigt so manche Frage. Etwa wenn der Begriff "unverantwortliche Politik" fällt, um den Athener Kurs zu charakterisieren.

Wichtigste Tage der Krise

"Als das Projekt gestartet wurde", sagt Theocarakis, "habe niemand gedacht, dass ich in den wichtigsten Tagen der Krise eine Vorlesung in Deutschland halten werde". Er macht aus seiner Enttäuschung über das strikte Festhalten an der "Idee der Sparpolitik" keinen Hehl. Der Professor beklagt den "Widerwillen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind". Und er kritisiert, dass die verordnete Medizin "Sparpolitik" nicht wirke, sondern schade. Der Einbruch des Bruttosozialprodukts um 25 Prozent ist nur ein Beispiel, das er anführt.

Opfer für den Vulkan

Er wirkt verbittert, wenn er die Sparpolitik mit einem Menschenopfer vergleicht: Wenn sich der Vulkan mit einer Jungfrau nicht beruhigen lasse, zweifle man, dass sie Jungfrau war, oder opfere zehn weitere. Theocarakis wirbt für das keynesianische Modell, das darauf setzt, die Nachfrage anzukurbeln. Er räumt aber auch Versäumnisse der griechischen Regierungen ein. Sie hätten die guten Zeiten nach dem EU- und Euro-Beitritt, mit hohem Wachstum und niedrigen Zinsen nicht genutzt, um die Fiskalpolitik in Ordnung zu bringen. Und er spricht die marode Steuerverwaltung an, die es nicht nur Reichen in Griechenland erlaube, am Fiskus vorbei ihr Geld zu verdienen.

Theocarakis bezweifelt, dass es Anfang des Jahres in Griechenland eine Erholung gab. "Es gab keine Anzeichen einer Erholung, es sei denn Inflation ist etwas Gutes." Und er versucht damit das Argument zu widerlegen, die Regierung von Alexis Tsipras habe die erreichten Erfolge verspielt. Nach seiner Meinung braucht Griechenland einen neuerlichen Schuldenschnitt, der nachhaltig ist. Der Professor wies allerdings auch darauf hin, dass es schwer sei, damit vor die Parlamente zu treten. Deshalb müsse es eine Umstrukturierung der Schulden geben.

Theocarakis beklagt kulturelle Vorbehalte, dass den Griechen unterstellt werde, sie seien faul. Zugleich betont er: "Es war nicht so, dass die Griechen gesagt haben, gebt uns Geld, wir sind arm." Der Schuldenschnitt sei erfolgt, um deutsche, französische und griechische Banken auf Kosten der Steuerzahler zu retten. Dazu sei das Wort "Solidarität" verwendet worden. Inzwischen ist Theocarakis in die Verhandlungen mit der Euro-Gruppe nicht mehr eingebunden, obwohl er weiter sein Amt im Finanzministerium ausübt. Seine Ablösung im April wurde als Teil der Entmachtung von Varoufakis durch Tsipras verstanden. Seit dem Referendum vor einer Woche ist Varoufakis nicht mehr im Kabinett.

Ablehnung der Regierung

Theocarakis spricht davon, dass die Zurückweisung der letzten Offerte vor dem Referendum auch erfolgt sei, weil es einigen Leuten nicht gefalle, dass in Athen eine linke Regierung an der Macht sei. Auf die Frage, wo er sein Land in 2 Jahren und in 20 Jahren sehe, antwortet er: "Wenn alles gut läuft, und es ein Abkommen gibt, das Griechenland nicht noch tiefer in die Rezession treibt, geht es uns in 20 Jahren vielleicht besser."
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