Sobotka will auch das Zimmer sehen, in dem 1938 das Münchener Abkommen unterzeichnet wurde
Bayerisch-tschechische Annäherung auf historischem Terrain

Horst Seehofer (links) und Bohuslav Sobotka beim Besuch des NS-Dokumentationszentrums. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
10.03.2016
31
0

Von Jürgen Umlauft

München. Für Bohuslav Sobotka ist sein erster offizieller München-Besuch eine Reise zurück zu einem der bittersten Momente in der Geschichte seines Landes. Es war der ausdrückliche Wunsch des tschechischen Ministerpräsidenten, jenen Raum zu besichtigen, in dem im September 1938 fremde Mächte über das Schicksal der damaligen Tschechoslowakei entschieden. Im Führerbau am Königsplatz unterzeichneten die Staatschefs Großbritanniens, Italiens und Frankreichs auf Druck Adolf Hitlers das Münchener Abkommen und gaben damit grünes Licht, das Sudetenland dem Deutschen Reich einzuverleiben. Sobotka steht noch sichtlich unter dem Eindruck des historischen Ortes, als er an der Seite von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer aus dem heute als Hochschule für Musik und Theater genutzten Nazi-Bau wieder auf die Straße tritt. "Damals wurde ein demokratisch-humanistischer Staat in der Mitte Europas in der Hoffnung geopfert, den Frieden in Europa zu erhalten", blickt er zurück. Und zwar ohne das betroffene Land an den Gesprächen zu beteiligen. Die EU, ergänzt er dann, werde zwar oft kritisiert, aber wenn man sich die Ereignisse von damals vergegenwärtige, erkenne man, welchen Stellenwert Frieden und Demokratie hätten.

Es ist ein beeindruckendes Plädoyer für das gemeinsame Europa. Seehofer und Sobotka haben das schon vorher am Nachmittag beschworen, da allerdings klingt es noch wie eine Floskel. Beide betonen, dass nur eine gemeinsame europäische Lösung die Flüchtlingskrise lösen könne. Das sagt Angela Merkel auch, und meint doch etwas anderes als das abgestimmte Schließen nationaler Grenzen. Zwischen die Regierungschefs aus München und Prag scheint aber kein Blatt Papier zu passen. Überhaupt fällt auf, wie harmonisch Seehofer und Sobotka auftreten. Gerade fünf Jahre ist es her, dass Seehofer begann, das lange wegen der Vertreibung der Sudetendeutschen belastete bayerisch-tschechische Verhältnis auf Normalität zu trimmen. Sobotka bestreitet seinen München-Besuch demonstrativ mit einer Anstecknadel am Revers, auf der die bayerische und die tschechische Fahne zu sehen sind. Zu einer "echten Freundschaft" hätten sich die Beziehungen entwickelt, bekräftigt Seehofer, Sobotka gibt das Kompliment zurück. Die beiden lassen sich nicht einmal durch drängende Fragen nach der wenig ausgeprägten Bereitschaft Tschechiens, Flüchtlinge aufzunehmen, auseinanderdividieren. Sie ignorieren das knifflige Thema einfach konsequent.

Posselt findet's gut


Sobotka besucht auch die Gedenkstätte für die "Weiße Rose" an der Münchener Universität und er nimmt sich Zeit für das neue NS-Dokumentationszentrum, das auch dem Münchener Abkommen den historischen erforderlichen Platz einräumt. Gut findet das auch der Sprecher der Sudetendeutschen, Bernd Posselt. Solche symbolische Gesten seien "ganz wichtig für die Aussöhnung". Dann schüttelt er Sobotka ganz selbstverständlich die Hand.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.