Spionage-Prozess: Angeklagter laut Gutachter voll schuldfähig
Keine psychischen Störungen

Politik BY
Bayern
23.02.2016
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München. Der ehemalige BND-Mitarbeiter, der wegen jahrelanger Spionage für den amerikanischen Geheimdienst CIA vor Gericht steht, ist nach Ansicht eines Gutachters voll schuldfähig. Es gebe keine Hinweise auf relevante psychische Störungen, die die Schuldfähigkeit beeinträchtigen würden, sagte der Psychiater Henning Saß am Montag vor dem Münchener Oberlandesgericht (OLG). An der "Übersichtsfähigkeit" des Angeklagten und dessen Fähigkeit, die Bedeutung von Regeln und die Verantwortlichkeit für sein eigenes Handeln zu erkennen, gebe es keinerlei Zweifel, betonte Saß.

Die Bundesanwaltschaft wirft Markus R. Spionage für die CIA und auch den russischen Geheimdienst vor, konkret: Landesverrat, die Verletzung von Dienstgeheimnissen und Bestechlichkeit. Zwischen 2008 und 2014 soll der gelernte Bürokaufmann rund 200 teils streng geheime Dokumente des Bundesnachrichtendienstes (BND) weitergegeben und dafür Geld kassiert haben. Zudem soll er sich dem russischen Geheimdienst angedient haben. Seit November 2015 steht er deshalb vor Gericht.

Urteil am 17. März


Auf Landesverrat steht eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr. In besonders schweren Fällen liegt die Strafe bei mindestens fünf Jahren und reicht bis lebenslang. In der kommenden Woche sollen die Plädoyers beginnen. Das Urteil will das OLG am 17. März sprechen. Saß verwies auf bereits bekannte körperliche Beeinträchtigungen bei Markus R., etwa ein leichtes Zittern, die möglicherweise auf einen Impfschaden zurückzuführen seien. Deshalb verbrachte er als Kind viel Zeit in einer Klinik. Möglicherweise habe dies dazu beigetragen, dass Markus R. zu einem Einzelgänger geworden sei. Saß beschrieb den Angeklagten als scheu, still, introvertiert und gehemmt. All dies seien aber nur leichte Besonderheiten "und keinesfalls deutlich pathologische Persönlichkeitsmerkmale", betonte der Psychiater. Saß berichtete zudem von einem Wunsch nach Abwechslung, Abenteuer und Nervenkitzel beim Angeklagten in dessen "etwas ereignisarmem Leben". Mit seiner Spitzel-Tätigkeit habe er sein mangelndes Selbstwertgefühl wohl etwas kompensieren können, so Saß.

Hang zu Flunkerei


Markus R. selbst hat seine Taten eingeräumt und diese mit Frust, Langeweile, Unterforderung und Unzufriedenheit an seinem Arbeitsplatz beim BND begründet - und mit "Nervenkitzel" und "Abenteuerlust". Saß bescheinigte Markus R. einen "gewissen taktischen Umgang mit der Wahrheit". Beispielsweise habe er einer Freundin von einer posttraumatischen Belastungsstörung nach einem Afghanistan-Einsatz berichtet - wo er aber nie war. Saß bezeichnete dies als einen Hang zu Aufschneiderei und Flunkerei.
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