Verunsicherung nach dem Attenta
Gegen den Hass

Personenschützer Andreas Schmidt steht zwei Tage nach dem Anschlag in Ansbach am Ort des Geschehens. Der Sicherheitsmann hat am Sonntag noch versucht, den Attentäter zu reanimieren, ohne zu wissen, wer er ist. Bei dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag sind insgesamt 15 Menschen verletzt worden. Bild: dpa
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Bayern
27.07.2016
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In Ansbach herrscht nach dem Attentat eines Syrers Verunsicherung. Flüchtlinge und ihre Helfer sind verschreckt. Und ein Sicherheitsmann kann nicht mehr schlafen.

Ansbach. Bis zum Moment der Bombenexplosion muss es ein fröhlicher Sommerabend gewesen sein. Weizengläser mit abgestandenem Bier und halb geleerte Weißweingläser stehen auch am zweiten Tag nach dem mutmaßlich islamistischen Attentat des Syrers Mohammad D. noch auf den Biertischen im Außenbereich von "Eugens Weinstube". Daneben liegen Spielkarten. Einen Meter weiter explodierte am Sonntagabend die Bombe. Ansbacher haben vereinzelt Blumen am Tatort abgelegt. Aus einem Fenster über der Gaststätte hat jemand ein Laken mit einer Friedenstaube gehängt. "Meinen Hass bekommt ihr nicht", steht auf einem Schild neben einer Blume.

Aus einem zersprengten Schaukasten eines Fotografen blicken lachende Menschen von Porträtbildern. Darunter sind noch Blutflecke zu sehen. Kreidezeichnungen der Spurensicherung zeigen, wo der Attentäter tot lag. "Ich habe noch probiert, ihn zu reanimieren. Da wusste ich noch nicht, wer er ist", berichtet Andreas Schmidt. Er war am Sonntag als Sicherheitsmann im Einsatz.

Für Ansbacher unfassbar


Sein Kollege Pascal Böhm, der den Festivaleingang unmittelbar neben dem Tatort bewachte, gibt mehr als einem Dutzend Kamerateams aus aller Welt Auskunft über seine Eindrücke. Er habe nur seinen Job gemacht, betont der 25-Jährige. Der mutmaßliche Attentäter habe zwar nicht versucht, aufs Festivalgelände zu kommen. "Er ist mir aber aufgefallen, weil er mich lange beobachtet hat und hier ständig auf- und abgelaufen ist", sagt Böhm. "Ich dachte, er wartet vielleicht auf Freunde. Mit einem Attentat rechnet ja niemand." Nun könne er nicht mehr schlafen, sagt er. Die rund 40 000 Ansbacher können es kaum fassen, dass sich in ihrer Stadt ein solcher Anschlag ereignet hat. An einen echten, unmittelbaren Bezug zur Terrormiliz Islamischer Staat können und wollen viele nicht glauben. "Das war doch ein Spinner. Sich selbst mit dem Video aufnehmen und dabei Bekenntnisse abgeben, das kann jeder. Und der IS bekennt sich zu allem", sagt ein Passant. "Sowas brauchen wir hier nicht", schimpft ein anderer und wird kurz darauf ausfällig gegenüber Angela Merkel, der Flüchtlingspolitik und Flüchtlingen überhaupt. Und wie geht es jenen, die sich für die 644 Flüchtlinge in dem Städtchen stark machen? Bei der Caritas wird auf offizielle Homepage-Statements verwiesen. Der Veranstalter eines Flüchtlingscafés blockt sofort ab und legt verschreckt auf. Fehlen noch die Worte - oder wollen die Ehrenamtlichen den Sonntag bloß so schnell wie möglich vergessen? Viele Ansbacher hatten sich eigentlich gefreut, dass mit den Flüchtlingen nicht nur neue Gesichter, sondern auch neue Kulturen und Sprachen in die Kleinstadt kamen.

"Nie unsicher gefühlt"


Die Flüchtlingshilfe ist sehr engagiert. "Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt je unsicher gefühlt", sagt eine Helferin, die regelmäßig in eine der Unterkünfte geht und mit den Flüchtlingen Deutsch sprechen übt. Auch sie möchte keinen Namen von sich in der Zeitung stehen haben. Durch ihr Engagement habe sie zu einigen Flüchtlingen einen guten Kontakt aufgebaut: "Die waren selbst sehr betroffen vom Anschlag und haben sich danach von dem Täter distanziert. Ihnen war sofort klar, dass der Anschlag für sie alle nicht gut sein wird." Dass nun die Rechten Zulauf bekommen, ist ihre Angst. Am Vorabend hat es in Ansbach schon eine spontane Versammlung von Rechten gegeben. Dazu aufgerufen wurde auf Facebook. Doch es kamen fast doppelt so viele Gegendemonstranten.

Mehrere Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak demonstrieren am Dienstag für Frieden. Am Tatort sprechen sie mit Journalisten und halten Schilder hoch: "Wir liefen vom Mord weg, weil wir friedlich leben wollen", "Wir sind Menschen wie ihr" und "Meine Religion ist Liebe" steht auf den Plakaten. "Wir sind Muslime, keine Terroristen", sagte ein junger Flüchtling. Eine Deutschlehrerin, die die Gruppe begleitet, berichtet, dass die Flüchtlinge seit dem Anschlag Angst hätten, auf die Straße zu gehen. "Sie wollen nicht durch ihr Aussehen als Terroristen abgestempelt werden", sagt Franziska Schmidt. "Sie wollen damit ausdrücken, dass sie immer freundlich gestimmt waren und sind."
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