Was wir über den 18-jährigen Amokläufer wissen
Winnenden als Vorbild

Ein Aufsteller in den deutschen Nationalfarben vor dem Olympia-Einkaufszentrum. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
24.07.2016
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Ein Kamerateam filmt in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrums an der Stelle, wo der Täter nach den Angaben von Anwohnern gestorben ist. Bild: dpa

Ein 18-Jähriger hat die Menschen in München, in Deutschland und in der ganzen Welt in Schrecken versetzt. Der Schüler, der neun Menschen und dann sich selbst tötete, war scheinbar regelrecht besessen von der Idee eines Amoklauf. Die Details machen fassungslos.

München. Der Amoklauf von Winnenden war sein Vorbild. Nach einem Besuch dort plante er akribisch seine eigene Tat. Am fünften Jahrestag des Breivik-Anschlags setzt er den Plan um. Im Münchener Olympia-Einkaufszentrum feuert er 57 Mal. Eiskalt lädt er mehrfach nach. Neun Menschen sterben. Über einen gefälschten Facebook-Account hat er offenbar sogar versucht, junge Menschen zum Tatort zu locken.

Was treibt einen Menschen zu so einer Tat?

Es ist die Frage, ob sich je ein klares Motiv findet. Die Polizei zeichnet die klassische Karriere eines Amokläufers nach: Er spielte einschlägige "Ballerspiele". Er las das Buch "Amok im Kopf - Warum Schüler töten", das die Psyche der Täter analysiert, befasste sich mit anderen Taten. Er litt an psychischen Problemen. Die Ermittler seien dabei, ein Mosaik herzustellen, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. "Das Bild ist noch lange nicht vollständig."

Wie hat er über Facebook aufgerufen, zum Tatort zu kommen?

Er hat den Account einer jungen Frau gefaked. "Kommt heute um 16 Uhr ins Meggi am OEZ, ich spendiere euch was", wird im Internet nach Screenshots zitiert. Die verstörende Vermutung: Dass er so zusätzlich junge Menschen anlocken wollte. Auf die er wahllos schoss. "Es ist nicht so, dass die Opfer ausgesucht wurden", sagt Steinkraus-Koch.

Warum hatte er es auf junge Menschen abgesehen ?

Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg vermutet: Hass auf diejenigen, die ihr Leben besser meistern als er selbst. "Etwa so: Die kriegen etwas, was ich nicht habe. Die gehören dazu, ich nicht.". Ein Video vom Tatabend zeigt ihn auf einem Parkhausdach. Manche Medien zitieren seine Rufe, er habe sich "gemobbt" gefühlt. Aber ist das kaum zu verstehen. Deutlicher: "Und jetzt muss ich 'ne Waffe kaufen."

Was hatte er für psychiatrische Probleme?

In psychiatrischer Behandlung war er wegen einer Angststörung. Hinzu kam eine depressive Erkrankung. Erst 2015 war er zwei Monate in einer Klinik, danach wurde er ambulant behandelt. Er haben an sozialen Phobien gelitten - Angstzustände, wenn er mit anderen Personen in Kontakt kam. "Wir haben Medikamente gefunden. Die Frage ist, ob sie eingenommen wurden", sagt Steinkraus-Koch. Nicht auszuschließen sei, dass er sie absetzte und so das Krankheitsbild stärker durchkam.

Woher weiß die Polizei, dass er nach Winnenden gefahren ist?

Auf seiner Kamera fanden Ermittler Fotos von dem Besuch vor einem Jahr. "Er hat die dortigen Tatorte besucht und fotografiert", sagt der Präsident des Bayerischen Landeskriminalamtes, Robert Heimberger. "Nach dem Besuch in Winnenden hat er begonnen, sich mit dieser Tat auseinanderzusetzen und eine eigene Tat zu planen." 2009 hatte 17-Jähriger an seiner Ex-Realschule und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst getötet.

Wieso sehen die Ermittler einen Bezug zu den Breivik-Morden ?

Der Tattag war der fünfte Jahrestag. Am 22. Juli 2011 tötete der rechtsradikale Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen. "Zum einen ist es das Datum, zum anderen das Alter der Opfer", die den Bezug zu Breivik nahe legten, sagte Polizeipräsident Hubertus Andrä. Auch Breiviks Opfer waren vor allem Jugendliche. Wie Breivik hatte der Schüler ein Manifest, in dem er sich mit derartigen Taten und seinen Plänen befasste.

Breivik war ein Rechtsradikaler gibt es auch hier eine Parallele?

Die Ermittler sehen keinen politischen Hintergrund. Unter den Opfern sind zwar viele junge Migranten. Das könne aber Zufall sein, sagt Heimberger. In der Gegend lebten einfach viele Zuwanderer.

War der 18-Jährige schon einmal bei der Polizei aufgefallen?

Nicht als Täter. Einmal wurde er Opfer eines Diebstahls und einmal wurde er auf dem Heimweg von der Schule gehänselt. Steinkraus-Koch: "Ob dieses Mobbingereignis aus dem Jahr 2012 die Tat mit beeinflusst hat, wissen wir noch nicht."

Ein Jahr Planung - wie kann es sein, dass niemand Verdacht schöpfte?

Das müssen die Ermittlungen klären. Hier liegt ein Ansatz, wie solche Taten im Vorfeld zu verhindern sein könnten. Klar ist: Sein Zimmer, in dem er das Material zu Amokläufen sammelte, war nicht abgesperrt. Er soll einen Bruder haben und lebte bei den Eltern. Die Angehörigen sind aber nicht vernehmungsfähig. Der Vater hatte sich am Freitag bei der Polizei gemeldet, als ein Video kursierte, das unscharf einen Schützen mit der Waffe im Anschlag zeigt: Das könne sein Sohn sein.

Woher hatte er die Waffe?

Die halbautomatische Pistole Glock Kaliber 9 Millimeter besorgte er im Darknet. Die Seriennummer war weggeschliffen. 57 Mal hat er abgedrückt. Und er hatte noch 300 Schuss Munition im Rucksack. Ob er ein geübter Schütze war, konnte die Polizei bisher nicht sagen.

Was weiß man über sein sonstiges Leben?

Er hatte die Mittlere Schule beendet und besuchte eine Fachoberschule. Laut "Focus online" war er gerade durch eine Prüfung gefallen. Die Ermittler bestätigten das nicht. Um an Geld zu kommen, trug er Zeitungen aus. Er hatte einen deutschen und einen iranischen Pass. In dem Video ruft er: "Ich bin Deutscher."
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