Wo stammt der Axt-Attentäter von Würzburg wirklich her? [Aktualisierung]
Ermittler: Axt-Angriff in Zug mit islamistischem Motiv

Polizisten stehen in der Nacht zum Dienstag neben dem Regionalzug. Ein junger Afghane hat Reisende angegriffen. Bild: dpa
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Bayern
19.07.2016
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Beamte durchsuchen das Gelände nach Spuren. Der Angreifer war im Freien erschossen worden. Bild: dpa
 
Ein Karte zeigt die Orte des Geschehens. Grafik: dpa

Würzburg/Kabul. Der Axt-Angriff in einem Regionalzug bei Würzburg hat nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler einen islamistischen Hintergrund. Der 17-jährige Täter aus Afghanistan habe sich an Nicht-Muslimen rächen wollen, die seinen Glaubensbrüdern Leid angetan hätten, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager am Dienstag. Bei dem Angriff am Montagabend waren fünf Menschen verletzt worden, zwei von ihnen schwebten noch in Lebensgefahr. Unter den Opfern waren eine Familie aus Hongkong und eine Passantin.

Der auf der Flucht erschossene junge Mann sei mit dem vorgefassten Entschluss in den Zug gestiegen, ihm unbekannte "Ungläubige" umzubringen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hatte nach wenigen Stunden das Attentat mit fünf Verletzten für sich beansprucht. Zudem wurde ein Bekenner-Video veröffentlicht, das den mutmaßlichen Attentäter vor der Tat zeigen soll. Ein möglicher Auslöser für den Angriff im Zug könnte die Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan gewesen sein. Am vergangenen Samstag habe der 17-Jährige davon erfahren. Dies habe großen Eindruck auf ihn gemacht und ihn nachhaltig verändert, sagte Lothar Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt. Der junge Mann habe danach sehr viel telefoniert. Mit wem, sei noch unklar, das Handy müsse noch ausgewertet werden. Es gebe keine Beweise, dass der Täter sich bereits vor seiner Einreise am 30. Juni 2015 als Flüchtling nach Deutschland radikalisiert habe, so Ohlenschlager. Auch seien konkrete Verbindungen zur IS-Miliz nicht belegt, selbst wenn der Angreifer wohl Sympathien für die Terrorgruppe gehabt habe.

Mit "Allahu akbar"


Während der Tat habe er mehrmals "Allahu akbar" ("Gott ist groß") gerufen, so LKA-Ermittler Köhler. Auf dem Handy-Notruf einer Zeugin, der von der Polizei aufgezeichnet worden sei, sei dieser Ausruf "deutlich zu verstehen", sagte Ohlenschlager. Die Zeugin war eine Mitarbeiterin eines Heims für Asylbewerber, die den 17-Jährigen erkannt habe. Er wohnte seit kurzem bei einer Pflegefamilie. In seinem Zimmer dort wurde ein Block mit einem IS-Symbol gefunden sowie einer Textpassage, die wohl ein Abschiedsbrief an seinen Vater ist. Darin beklagte sich der Jugendliche "über Ungläubige und Taten, die diesen Ungläubigen zuzurechnen sind".

Vor allem eine Passage untermauere die Vermutung, dass die Tat mit einer islamistischen Überzeugung in Verbindung gebracht werden müsse. Der Jugendliche habe an seinen Vater geschrieben: "Jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann und bete für mich, dass ich in den Himmel komme." Am Dienstag veröffentlichte das IS-Sprachrohr Amak zudem im Internet ein Video. Darin bekennt sich ein junger Mann zum IS, der der spätere Attentäter sein soll. "Ich bin ein Soldat des Islamischen Staates und beginne eine heilige Operation in Deutschland." Zunächst waren die Ermittler nicht sicher, ob das Video den Attentäter aus dem Regionalzug zeigt. Das Bundesinnenministerium erklärte: "Die sorgfältige Auswertung dauert an."

Unbeschriebenes Blatt


Bisher sei der 17-Jährige strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten, erklärte der LKA-Ermittler in Würzburg weiter. Er sei "polizeilich ein völlig unbeschriebenes Blatt" gewesen, so Köhler. Auch die Nachrichtendienste hätten ihn nicht registriert. Der Jugendliche sei ein gläubiger Muslim gewesen, der aber nicht regelmäßig in die Moschee gegangen sei.

Wo stammt der Axt-Attentäter von Würzburg wirklich her?


Ist der Axt-Attentäter von Würzburg vielleicht gar nicht Afghane? Inzwischen gibt es Zweifel an der Herkunft des 17-jährigen Flüchtlings. Eine Spurensuche in Pakistan, Afghanistan und mithilfe des Videos, das der junge Mann aufgenommen hat.

In Deutschland kommt die Vermutung auf, der Zugattentäter von Würzburg könne Pakistaner sein. Wieso?

Unter Berufung auf Sicherheitskreise hatten Medien berichtet, dass es Zweifel an der Herkunft des 17-jährigen Flüchtlings gebe. Man habe zum Beispiel ein pakistanisches Dokument in seinem Zimmer gefunden. Demnach könnte der junge Mann sich als Afghane ausgegeben haben, um in Deutschland leichter Asyl zu bekommen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass der Attentäter Pakistaner war und sich nur als Afghane ausgegeben hat?

Das passiere durchaus, heißt es aus dem pakistanischen Innenministerium. Jährlich verließen rund 500 000 Pakistaner ihre Heimat, um in einem anderen Land in besseres Leben zu finden. Viele würden sich mit Hilfe von Menschenschmugglern auch nach Europa durchschlagen. Allerdings werden Pakistaner dort grundsätzlich als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen und schnell wieder zurückgeschickt (rund 90 000 Pakistaner allein im Jahr 2014). Weil in Afghanistan wieder Krieg herrscht und Flüchtlinge von dort ein höheres Schutzbedürfnis haben, werden afghanische Asylanträge öfter befürwortet. Es ist für Pakistaner leicht, sich als Afghanen auszugeben, weil in den Nachbarländern teilweise die gleichen Sprachen gesprochen werden.

Gibt es auch Gegenargumente zu der Pakistan-Theorie?

Viele Afghanen besitzen pakistanische Dokumente, zum Beispiel weil sie eine Weile in Pakistan gelebt haben. Der junge Attentäter könnte sich dort als Flüchtling aufgehalten haben. Viele Millionen Afghanen sind in den vergangenen Jahrzehnten vor Krieg nach Pakistan geflohen. Derzeit leben immer noch rund 1,5 Millionen registrierte und geschätzt eine Million unregistrierte Afghanen dort. Im Frühjahr stammten bis zu 20 Prozent der afghanischen Flüchtlinge in Europa aus den Flüchtlingslagern im Iran oder in Pakistan.

Was lässt sich aus dem Video des Axt-Attentäters über seine Identität sagen?

Der Attentäter spricht eine der beiden Haupt-Landessprachen Afghanistans, Paschtu. Diese Sprache wird auch in Pakistan gesprochen, vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan. Sprache und Vokabular des Videos scheinen aber eher auf eine afghanische Herkunft zu deuten. Die Indizien: Der Akzent klingt ostafghanisch, als stamme der junge Mann zum Beispiel aus Laghman oder Nangarhar; letzteres grenzt an Pakistan. Außerdem ist sein Paschtu recht rein. Viele pakistanische Paschtunen mischen Urdu-Vokabeln (Urdu ist die Landessprache Pakistans) und englische Worte in ihre Sprache. Afghanische Paschtunen mischen bisher kaum mit anderen Sprachen.

In dem zwei Minuten und 20 Sekunden dauernden Video sind die einzigen Nicht-Paschtu-Worte «airport» und «target» und «Fawj» für Armee in Urdu. Einige arabische Vokabeln werden tagtäglich auch in afghanischem Paschtu verwendet.

Welche Reaktionen gibt es in Pakistan und Afghanistan?

Aus dem pakistanischen Außenministerium heißt es am Mittwoch, man sei sich bewusst, dass es Fragen zur Identität des Mannes gebe. Man habe aber noch keine offizielle Bitte um Ermittlungen erhalten. In Afghanistan heißt es auf vielen Webseiten und in Medien, der Akzent des Mannes sei pakistanisch. Für das Land ist das nicht untypisch: Es gibt eine Tendenz, Pakistan für Probleme verantwortlich zu machen.
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