Digitaler Wahlkampf in Amerika
Wir wissen, wen du wählst

Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München, diskutiert mit Julius van de Laar über Big Date und Wahlkampf on den USA. Bild: Fabian Norden
Politik
Bayern
28.02.2016
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Der damals 25-jährige Julius van de Laar (rechts hinten) zusammen mit dem damaligen demokratischen Bewerber Barack Obama (links) bei einer Wahlkampfveranstaltung im Jahr 2007. Archivbild: dpa
 
Der Kommunikationsberater Julius van de Laar. Bild: Fabian Norden

Wir wissen, wen du wählst. Und: Wir wissen, was wir tun müssen, damit du zur Abstimmung gehst. Utopie? Nicht in Amerika. Dort heißt es längst: Wahlgeheimnis Bye-bye.

München. Julius van de Laar ist Barack Obamas Mann der ersten Stunde. Der Deutsche hat dazu beigetragen, dass der ehemalige Senator aus Chicago seit bald acht Jahren als 44. Präsident der Vereinigten Staaten im Weißen Haus regiert. Es war die Aufgabe des gebürtigen Heidelbergers im Jahr 2012 in Ohio, einem Bundesstaat in dem sich Republikaner und Demokraten traditionell ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, junge Wähler davon zu überzeugen, Barack Hussein Obama zu wählen. Und es ist geglückt.

Das Erfolgsrezept: Zehntausende enthusiastische Helfer. Und: Daten, Daten und nochmals Daten. Heute werden in den USA noch mehr Daten genutzt, als vor vier und acht Jahren. Hatten die Obama-Leute rund 20 000 Datenpunkte je Wähler, greifen Mitarbeiter von Ted Cruz im gegenwärtigen Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur auf nicht weniger als 50 000 Datenpunkte je Wähler zurück, berichtet die "Washington Post".

Daten zur Wähleranalyse


Die Quellen: Die öffentlichen Wählerverzeichnisse, aus denen auch die Parteipräferenz hervorgeht und ob und wie oft der Betreffende gewählt hat. Daten über das Konsumverhalten, den Autobesitz, die Vorlieben für Essen und Kleidung und vieles mehr. Und natürlich Social-Media-Anwendungen, wie Facebook. Das Netzwerk nutzten die Obama-Wahlkämpfer in den Jahren 2008 und 2012 nicht nur zum Datensammeln, sondern auch, um Helfer zu mobilisieren und um Wahlkampfbotschaften zu verbreiten. Die Cruz-Kampagne entwickelte dazu eigens eine Smartphone-App.

"Daten mobilisieren nicht, aber die Botschaften", sagt van de Laar im Gespräch mit Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München. Diese Botschaften müssen nicht vom Wahlkampfteam kommen, sie können Wähler auch durch Bekannte, Freunde oder Angehörigen erreichen. So schreibt Pamela Rutledge, Direktorin des "Media Psychology Research Centers", auf dem "Media Psychology Blog", dass im Wahlkampf 2012 rund 30 Prozent der Internetnutzer berichtet hätten, sie wären über Social-Media-Netzwerke von Angehörigen, Freunden und anderen Kontakten aufgefordert worden, für Obama zu stimmen. 20 Prozent hätten andere aktiv dazu aufgefordert und 22 Prozent hätten ihre Wahlentscheidung gepostet.

Beratung für Amnesty


Van de Laar und Filipovic bestritten vor einer Woche die öffentliche Abendveranstaltung der Tagung "Die Macht der strategischen Kommunikation" des Netzwerks Medienethik an der Jesuiten-Hochschule. Der Kampagnen- und Strategieberater van de Laar berät heute von Berlin aus Unternehmen, Parteien und Non-Profit-Organisationen - aber nur solche, für deren Sache er sich begeistern könne, macht er deutlich. Als Klienten zählt er auf seiner Homepage unter anderem Amnesty International, WWF, Greenpeace und Change.org auf. Zwischen den Obama-Wahlkämpfen unterstützte er 2009 die Sozialdemokraten im Bundestagswahlkampf. 2010 war er Leiter der deutschen Sektion der Kampagnen-Organisation Avaaz.

Angefangen hat alles in South Carolina, wegen van de Laars Begeisterung für den Demokraten Obama und weil Verletzungen den Traum des Deutschen von einer Basketballerkarriere als NBA-Profi zerstörten. Bereits 2004 hatte van de Laar an der "Furman University", wo er Politik- und Kommunikationswissenschaft studierte, einen Studenten-Club zur Unterstützung Obamas gegründet. Später sollte er einen Auftritt für den Demokraten organisieren, und wurde ab 2007 Mitarbeiter im vielgepriesen Obama-Wahlkampfteam.

Es gehe darum, eine Geschichte zu erzählen, sagt van de Laar. Und: So einen Visionär wie Obama gebe es nur alle 50 Jahre. Doch bei aller Begeisterung, die der heute 33-Jährige für Obama versprüht, machen seine Antworten deutlich, wie in amerikanischen Wahlkämpfen Big Data, Data-Mining und Micro-Targeting über den Erfolg entscheiden. Aus den Daten ermittelte das Obama-Team einen Score-Wert zwischen 0 und 100. Ein Wert von 20 und kleiner bedeutete, diese Person wählt nicht Obama. In der Zentrale gab es fünf Dutzend Daten-Experten, die Modelle entwickelten. Und: "Alles wurde getestet."

"Geld ist knapp, Zeit ist knapp. Am Ende des Tages zählt Effektivität", sagt van de Laar. Seine Aufgabe war die gezielte Ansprache derjenigen, die wahrscheinlich nicht wählen gehen, aber Obama wählen würden, wenn sie zur Abstimmung gingen. Zu dieser Gruppe zählten im Jahr 2012 in Ohio Latinos und junge Afro-Amerikaner Über die Datenanalysen wurden die Personen ermittelt, und wie sie im Einzelnen angesprochen werden sollten. Wähler, von denen sie wussten, dass sie als Republikaner registriert waren, wurden wegen geringer Erfolgsaussichten nicht angesprochen. Auch Wähler, die als Demokraten registriert waren und jedes Mal wählen gegangen waren, wurden nicht besonders angesprochen. Man setzte darauf, dass diese ihre Wahlentscheidung nicht ändern.

Daten mobilisieren nicht, aber die Botschaften.Julius van de Laar, Kommunikations- und Strategieberater und ehemaliger Mitarbeiter des Obama-Wahlkampfteams

In den vier Tage vor der Wahl klopften rund 21 000 Freiwillige an 850 000 Haustüren in Ohio. Sie hatten 350 000 Kontakte. Am Ende hatte Obama 103 000 Stimmen Vorsprung in Ohio, die zweite Amtszeit für den ersten Afro-Amerikaner im Weißen Haus war gesichert.

Herdentrieb ausnutzen


Und was sagt man an der Haustür? Heiligt der Zweck die Mittel? "Ich bewege mich hier auf Eierschalen", antwortet van de Laar mit Blick auf die Ethikexperten im Hörsaal. Er bietet zwei mögliche Sätze an: "Ich habe heute schon an 150 Haustüren geklopft, und kaum jemand will Obama wählen. Es kommt deshalb besonders auf Ihre Stimme an." Oder: "Ich habe heute schon an 150 Haustüren geklopft, und alle wollen abstimmen gehen und Obama wählen. Gehen sie auch und wählen sie Obama."

Das ist das, was van de Laar als den Kontext verändern bezeichnet. Der Mensch sei ein soziales Wesen. "Wir wollen teilhaben." Mit dieser Antwort kann jeder darauf schließen, welchen Satz Wahlkämpfer bevorzugen. Die Amerikaner werden es bis 8. November an der Haustür und in den sozialen Medien noch mehrfach erleben.
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