20 Minuten Fußball zu wenig: Jahn verliert in Unterzahl beim Club II
Heute ist der Jahn ein Depp

Die Schlüsselszene: Thomas Kurz muss beim Stand von 1:1 mit Gelbrot vom Platz. Bilder: Martin Koch/Herda/dpa
Sport BY
Bayern
03.11.2015
107
0
 
Alles richtig gemacht: Club-II-Trainer Roger Prinzen brachte fünf Profis und den Jahn zum Fall.
 
Tausend und ein paar Zerquetschte: Für die U21 des Club ein Zuschauerrekord, für die Regensburger Gäste ein Frustabend.
 
Eine der wenigen Offensivaktionen der roten Gäste in der zweiten Hälfte.

Zuschauerrekord in Nürnberg, die Aktion halber Preis für Kartenbesitzer von der gestrigen Zweitliga-Nullnummer, zeigt moderat Wirkung – 1017 Seelen zittern im weiten Rund des Grundig-Stadions in der Hoffnung auf mehr Tore als am Vortag. Und der Zweitliga-gespickte Nachwuchs liefert: 3:1 gegen Regensburg, Platz 2, Abstand auf 4 Punkte verkürzt.

Die Diskrepanz zwischen rhetorischem Schein und dem Sein auf dem grünen Rasen lässt sich kaum übersehen: Auch das vierte Auswärtsspiel in Folge kann der Spitzenreiter nicht gewinnen – ganz im Gegenteil: viertes Spiel, zweite Niederlage. Das ist schon ein kleiner Trend. Da mag Jahn-Coach Christian Brand zu Recht sagen, es sei anmaßend zu glauben, man könne in dieser Liga jeden schlagen. Aber es ist vor allem das Wie, das die gut 300 Regensburger Fans hier im fränkischen Nasskalt verärgert.

In dieser Form wackelt die 1

20 Minuten kontrolliert Regensburg das Spiel, geht verdient mit 1:0 in Führung. Und dann reicht eine schöne Kombination der Jung-Clubberer, um die vermeintlich so erfahrene Jahn-Elf völlig aus der Bahn zu werfen. Nach dem Ausgleich der Nürnberger sind die Oberpfälzer nur noch Staffage. Selbst wenn man dem Gast krasse Fehlentscheidungen des Schiedsrichters (allerdings auf beiden Seiten) und ein überzogenes Gelbrot gegen Thomas Kurz zugute hält – der SSV in dieser Form wird sich schwer tun, den Aufstiegsplatz zu halten.

„Ja, furchtbar, nicht, viermal nicht gewonnen auswärts und trotzdem immer noch Erster“, reagiert der Trainer nach dem Spiel etwas dünnhäutig. „Ja, was ist los? Ich glaube, das war heute ein gutes Spiel. Es ist natürlich so, dass die anderen Mannschaften schon auch was können, und heute war‘s ein enges Spiel und die Waagschale ist halt für den Club auf die Seite gefallen, und deshalb haben wir das Spiel verloren.“ Klar habe die Mannschaft gewusst: „Wenn man heute gewinnt, ist der Abstand groß. Aber ich glaube nicht, dass es heute ein Problem auf dem Platz gab.“ Man habe einige Entscheidungen falsch getroffen. „Wenn man die Fehler macht und trifft auf den Club, die nutzen das halt aus.“

Klar, mit Kolja Pusch und Oli Hein fehlen wichtige Akteure – aber mit Philipp Pentke als Bank im Tor, Martin Tiefenbrunner für Hein, Markus Palionis, Thomas Kurz und Fabian Trettenbach in der Kette, Marc Lais auf der 6, Marvin Knoll und Daniel Schöpf mit dem Auftrag, Marcel Hofrath, Uwe Hesse und Markus Ziereis in Szene zu setzen, steht auch nicht gerade eine B-Elf auf dem Rasen. Dazu kommen Thomas Paulus und Jann George als Hoffnungsträger auf der Bank.

Die 20 guten Minuten

Erste Ecke für den Jahn nach Schöpfs Schuss aus 16 Metern (3.): Knoll kurz auf Hesse, zurück – aber alles zu kurz. Nächste Ecke nach Hofraths Annäherung. Schöpf auf Hofrath, Knolls Direktabnahme knapp drüber (5.). Der Jahn tut etwas mehr und wird dafür belohnt: Danny Schöpf wird im 16er umgerissen und schiebt den fälligen Elfer gleich selbst flach rechts unten ins Netz, 0:1 (13.).

Erstmals Gefahr vor dem Jahn-Tor: Pentke hebt die Flanke über die Latte – erste Ecke für den Club: scharfe Hereingabe, Chaos im Strafraum. Gleiche Szene wenig später, erneut scharfe Händlmayer-Ecke, wieder keine Übersicht und Glück für den Jahn (20.). Dann die Chancen, um das Spiel vorzeitig zu entscheiden: Schöner Wechsel auf Hofrath nach rechts, der zieht am 16er-Eck ab, aber der starke Prager Patrick Rakovsky ist gerade noch mit den Fingerspitzen am Ball (26.). Trettenbach versucht‘s aus 20 Metern, wieder starke Reaktion von Rakovsky (30). Und schließlich Hofrath auf Schöpf, der in bester Position frei vergibt (32.).

Horror-Viertelstunde für den Jahn

Was dann passiert ist unfassbar: Zwei gute Kombinationen der Nürnberger über Zweitliga-Youngster Sebastian Kerk (21) bringen das gesamte Spielsystem der Regensburger zum Einsturz – der Rotschopf darf frei flanken, jener Stefan Kutschke (26), der sich zurück in die erste Mannschaft des Club klagen möchte, und sich seit seiner Degradierung bei der 2. Mannschaft fit hält, verpasst, aber Ivan Knezevic schiebt am zweiten Pfosten unbehelligt zum 1:1 ein (34.).

Nach Fehlpass von Kurz knallt nämlicher Knezevic die Kugel knapp drüber (39.) – noch nicht mitbekommen? Dem Jungen sollte man keinen freien Auslauf geben! Die gesamte Mannschaft des Tabellenführers schwimmt, der Club darf sich warmschießen: Der semmelblonde Kasache Willi Eveseev (23), ebenfalls Zweitliga-Perspektivspieler, scheitert an Pentke (41.). Knesevic hat rechts alle Zeit der Welt für die flache Flanke, Palionis zerrt an Kutschke, der fällige Elfmeterpfiff bleibt aus (43.).

Und noch einmal die Jungfranken: Lattenknaller von Dennis Lippert, dem 19-jährigen gebürtigen Weidener, nach Flanke vom Knesevic (45.). Letzte Warnung vor der Pause: Schuss von Knezevic aus 16 Metern vom eigenen Mann geblockt (47.).

Es wird nicht viel besser

Dem Bock von Marc Lais folgt der lange Ball auf Kutschke, der auf Kurz prallt. Freistoß für den Jahn, Gelb für beide, weil sich Regensburgs Langer zu temperamentvoll beschwert (50.). Mal eine gute Flanke von Hofrath, Hesse direkt aus spitzem Winkel, aber abseits (52.). Dann versucht Kerk den Elfer nachzuholen, der den Nürnbergern verwehrt wurde – er fädelt ein, bleibt aber unbestraft (55.).

Trettenbach schickt Schöpf in die Spitze – der lässt sich abdrängen und bringt die Kugel nicht mehr unter Kontrolle (58.). Völlig maßlos: Erstes Foul von Kurz, als er seinem Gegenspieler in die Hacken läuft – Schiri Thomas Berg zückt Gelbrot nach dem Mecker-Gelb neun Minuten zuvor (59.). Christian Brand lässt sich nicht aus dem Konzept bringen: Für Tiefenbrunner bringt er die Offensivkraft Jann George (60.). Trettenbach wechselt nach rechts in die Viererkette, Lais an die Seite von Palionis, Hofrath eine Stelle nach hinten. George scharrt vorne neben Ziereis mit den Hufen.

Georges Anfangswirbel

Und das macht er zu Beginn gar nicht schlecht: In Unterzahl zeigt der Jahn mehr von dem Speed, von dem Brand bei der PK so geschwärmt hat, als mit elf Mann in der Schlussphase der ersten Halbzeit. Comebacker George zeigt sich in Spiellaune – leider trifft er den Ball aus zehn Metern halblinks nur mit dem Schienbein, da wäre mehr drin gewesen (64.).

Marvin Knoll mal mit dem Standard aus 30 Metern – da wähnte er Keeper Rakowsky zu weit vorm Kasten, aber da muss schon alles passen aus dieser Entfernung (65.). Dynamische Aktion von Trette, der sich durchwühlt, aber den Abschluss verpasst (70.). Ecke Nummer 6 für den Jahn: Aber außer dem Kanter-Eckenverhältnis nichts Zählbares auf dem Konto.

Der Elfer im dritten Anlauf

Dämlich verliert Spiele: Ungeschickte Grätsche von Marc Lais im 16er und dann ist er im dritten Anlauf fällig, der Elfer für Nürnberg: Kutschke zielt ins rechte untere Eck, 2:1 (78.). Schiri Berg aus Landshut inzwischen mit einer Leistung zum Kopfschütteln: gelbe Karte für Ziereis wegen Meckerns. Fingerspitzengefühl sieht anders aus. Brands Reaktion: Er schickt Jünger und Paulus für Hesse und Schöpf ins Rennen – optimistisch, mit einem erneuten Umbau hier noch was reißen zu können (80.).

Und so kommt es auch – statt Ausgleich die Vorentscheidung: Der vor fünf Minuten für den Torschützen Kutschke eingewechselte Vitalij Lux marschiert locker in den 16er und verlädt Pentke zum 3:1 (83.). Markus Ziereis mit seiner ersten Chance: Am 16er freigespielt von George scheitert er an Rakovsky (86.). Die zweite Saisonniederlage hat sich der SSV selbst zuzuschreiben – aber Schiedsrichter Berg reiht sich blendend ein: Nach klarem Foul an Jünger im Strafraum, zieht der 35-Jährige nochmals Gelb gegen Palionis, weil er sich nachvollziehbar über den ausbleibenden Pfiff erzürnt (87.).

Kein Selbstläufer in Aschaffenburg

Zum Schluss hätte es noch schlimmer kommen können: Erst bekommt beim Konter keiner mehr den Fuß in den Querpass, dann knallt Lux eine Flanke unkontrolliert drüber (92.). Das Resümee: Die U21 mit vielen Ü23-Profis gewinnt ohne Meisterleistung auch in der Höhe verdient. Für den SSV Jahn wird in dieser Auswärtsform die nächste Partie am Samstag, 14 Uhr, bei der abstiegsgefährdeten Viktoria aus Aschaffenburg (16./15 Punkte) kein Selbstläufer – schon das 3:2 beim Saisonauftakt in der Arena war zäh genug.

Dennoch gibt sich Brand nach dem Spiel optimistisch: „Wir werden uns kurz schütteln, das Spiel analysieren und in Aschaffenburg wieder volle Power nach vorne spielen.“ Ein paar Schlüsselmomente seien heute ausschlaggebend gewesen: „Zunächst haben wir gut gespielt in den ersten 35 Minuten, haben verdient geführt. Dann waren wir nicht ganz aufmerksam beim 1:1, bei der Gelb-Roten Karte haben wir es nicht gut gemacht und beim Elfmeter, der dann kurz danach kam, auch nicht.“

„Müssen uns nicht entschuldigen“

Es war der Abend der gereizten Trainer: Trotz des überraschend klaren 3:1 mißfiel Roger Prinzen die Frage nach fünf eingesetzten Profispielern: „Es ist so, dass wir uns nicht entschuldigen müssen, habe ich das Gefühl, für den Sieg – es sind immer wieder Spieler bei uns dabei bei der U21.“ Mit Ondřej Petrák, Stefan Kutschke und Willi Eveseev hätten drei Jungs auf dem Platz die Möglichkeit gehabt und auch angenommen, sich über die U21 in den Profikader zu spielen.

„Die Mannschaft ist nach 20 Minuten richtig wach geworden, hat das Spiel sehr aktiv gestaltet und hat in diesen 25 Minuten meines Erachtens in dieser Saison die beste Leistung abgerufen. Das war ein Genuss, ihnen zuzuschauen“, lobt Prinzen.