Der Jahn will sich bei Krisen-Aschaffenburg nicht erneut blamieren
Bommer stachelt Viktoria an

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Bayern
06.11.2015
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Wann tritt bei der Viktoria der Bommer-Effekt ein? Der gebürtige Aschaffenburger stachelt und stichelt, um seine Mannschaft heiß zu machen.
 
Das Verletzungspech blieb dem Jahn treu: Wichtige Spieler wie Kolja Pusch und Oli Hein fehlen. Jann George, Danny Schöpf und André Luge kommen erst allmählich wieder in Form.

Der nächste Gegner hätte gerne die Sorgen, die den leicht angefressenen Tabellenführer plagen: Viktoria Aschaffenburg kommt auch mit dem neuen Trainer, dem alten Bekannten Rudi Bommer, nicht in die Gänge. Nach zuletzt drei Niederlagen ist der Tabellen-16. am Samstag, 14 Uhr, im eigenen Stadion gegen Jahn Regensburg nicht allzu euphorisch.

„Ein Team aus der unteren Tabellenhälfte sollte auch mal fähig sein, an einem guten Tag für eine faustdicke Überraschung zu sorgen“, stachelt Rudi Bommer deswegen sein verschüchertes Team an – Stichwort Rain am Lech, Regensburgs erstes Regionalliga-Waterloo. „Solche Erfolgserlebnisse vermisse ich bei der Viktoria“, doziert der gebürtige Aschaffenburger. „Spiele gegen Favoriten gehen eigentlich immer so aus, wie sie sollten.“ Um die gewünschte „Sensation“ zu gestalten, muss Bommer aber auch noch ackern, um eine schlagkräftige Truppe auf den Raureif im Stadion Am Schönbusch zu bekommen.

Polarisierer Mokthari mit dabei

„Ich bin mir sicher, dass elf Mann auf dem Platz stehen werden“, beweist Bommer schwarzen Humor. Außer dem Langzeitverletzten Fabian Galm fällt Abassin Alikhil wegen Gelbrot aus. Zudem stehen Fragezeichen hinter den angeschlagenen Stefan Steigerwald, Jan Biggel und Sascha Wolfert.

Mit dabei ist ein Mann, der in seiner besten Zeit in Regensburg polarisierte wie kein Zweiter: Das damalige Supertalent Youssef Mokhtari ging seinerzeit mit einem lauthals schmimpfenden Fan, der sich über sein Phlegma beklagte, auf Tuchfühlung und sagte cool: „Wenn ich besser wäre, würde ich in der Bundesliga spielen.“ Der 36-Jährige konnte beim 0:3 gegen Ingolstadt aber noch keine Akzente setzen.

Regensburgs Halbzeitbilanz

Bei der Pressekonferenz in Regensburg bietet sich vor dem ersten Rückspiel Gelegenheit, zu einer etwas tiefschürfenderen Zwischenbilanz – Aufarbeitung kritischer und neuralgischer Punkte, Erklärungsansätze, warum kleine Rückschritte noch kein Scheitern beinhalten.

Personalsituation: Klar, der SSV verfügt über einen der teuersten Kader der Liga. Dennoch, vom Bayernluxus ist man weit entfernt. „Ich möchte überhaupt nicht jammern“, setzt Jahn-Trainer Christian Brand das Lob vor die Bestandsaufnahme, „weil die Mannschaft ist ja gut.“ Aber: „Grob gesagt haben wir 15 oder 16 gestandene Spieler, von denen der ein oder andere noch mit Verletzungsgeschichten zu tun hat, wenn ich den André Luge sehe, den Jann George, der hat seit September kein Spiel mehr gemacht.“ Danny Schöpf habe lange nicht gespielt, ebenso Thomas Paulus. „Ganz zu schweigen von denen, die sowieso die ganze Zeit fehlen.“ Und dann säßen fünf U23 Spieler auf der Bank. „Wenn Sie überlegen, wen ich in Nürnberg eingewechselt habe, Andreas Jünger, U23, Martin Tiefenbrunner von Anfang an, seit diesem Jahr im Kader.“

Auch vor der Abfahrt nach Aschaffenburg muss der SSV wieder einige Ausfälle verkraften: Thomas Kurz ist nach Gelbrot gesperrt, Oli Hein wie natürlich auch Sebastian Nachreiner und Andi Geipl sind noch verletzt. Kolja Pusch könnte vielleicht auf der Bank sitzen, Thomas Paulus konnte bereits wieder ein paar Minuten spielen.

Verstärkungen: Angesichts wiederkehrender Engpässe – gegen eine mit Profis gespickte Mannschaft wie Nürnberg habe man eben nur mit voller Batterie eine Chance – bleibe das Thema Verstärkungen natürlich auf der Tagesordnung beim Austausch zwischen Brand und Sportchef Christian Keller: „Wir haben das Glück, dass wir im selben Haus wohnen“, scherzt der Trainer, „und der läuft mir schon immer aus dem Weg, wenn er mich sieht, da weiß er schon, was kommt – dann versucht er durch den Keller abzuhauen.“

Im Ernst: Beide seien sich einig, dass Handlungsbedarf bestehe. „Wir wissen natürlich auch, wie unser Kader ist.“ Manchmal sei das bei all der Euphorie vielleicht auch ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Aufarbeitung der Pleite in Nürnberg

Natürlich seien die Spieler enttäuscht gewesen, weil sie ziemlich viel inverstiert hätten in das Spiel. Das Match sei extrem eng gewesen. „Und dass es ein Spieler wie Stefan Kutschke entschieden hat, da sieht man einfach auch die Qualität – die gelbrote Karte gegen Thomas Kurz hat er provoziert, einen Elfmeter hat er rausgeholt, den hat er selber verwandelt.“ Gegen eine Mannschaft in der Besetzung von Nürnberg am Dienstag, müsse man hundert Prozent abrufen: „Da dürfen wir uns keine Fehler erlauben, wenn der Gegner mit Spielern kommt, die einfach gut sind, die Zweitliga- oder Bundesliga-Erfahrung haben wie hinten der Kollege Kerk, Petrák und auch der Stefan Kutschke, haa, das sind natürlich schon richtige Kaliber.“

Roger Prinzen im Recht: Brand kenne Prinzen aus der Schweiz, „das ist ein richtig guter Typ. Und der Club, der hatte ein Ziel, der wollte uns schlagen – allein, wenn man die Terminansetzung dieses Spiels sieht, an einem Dienstagabend, einen Tag, nachdem die Profis gespielt haben, dann ist ja klar, worauf so was hinausläuft.“ Und Brand sage auch ganz ehrlich: „Wenn ich Trainer beim Club bin, dann mache ich das ganz genauso, dann versuche ich, alles zu mobilisieren.“ Betrachte man dann die Punktebilanz des Club II ohne die Profis, dann relativiere sich das Ganze wieder. „Klar profitieren die von der Situation, dass die Spieler oben keine Rolle mehr spielen. Das müssen wir hinnehmen.“

Zu wenig abgebrüht: Kann man Thomas Kurz einen Vorwurf machen? Schließlich war seine gelbrote Karte eine Schlüsselszene im Spiel. „Das Foul von Stefan Kutschke ist bei neutraler Betrachtung eine rote Karte“, bringt Brand die Situation vorher ins Spiel, „weil er mit beiden Beinen auf den Mann springt, das muss der Schiedsrichter natürlich sehen, wenn man bei den Regeln bleibt, ganz egal, was der Spieler Kurz danach macht.“ Dass sich Kurz dann so echauffiert habe, habe auch Brand überrascht. „Er hat mir einen Tag später erklärt, woher das kam, weil er sich vor zwei Jahren in einer ähnlichen Situation im Training sehr sehr schwer verletzt hat.“

Schwieriger Auftritt des Schiris: Und auch an der zweiten Situation sei wieder der „raffinierte Hund Kutschke“ beteiligt gewesen: „Er fädelt ein, der Thommy ist mit den Gedanken vielleicht noch bei der ersten Situation, wobei man auch klar sagen muss, das Foul ist eine gelbe Karte, das zur gelbroten Karte führt.“ Auch der Elfmeter für Nürnberg sei korrekt gewesen. „Es gab dann die eine oder andere Entscheidung vom Schiedsrichter, wo man sagen muss, ja puuh, schwieriger Auftritt an dem Abend von dem Kollegen.“ Wie man damit besser umgehen könne? „Ich habe Thommy und den Kollegen gesagt, dass wir da abgezockter sein müssen. Da muss man sich halt auf eine andere Situation gedulden und die Rechnung begleichen, immer im Rahmen des Erlaubten, aber da kann der Gegner schon auch mal spüren, dass man da ist.“

Taktik und Kritik: Dass Brand nach Gelbrot für Kurz mit Jann George für Tiefenbrunner offensiv wechselte, war eine Überraschung. „Wenn wir in der gleichen Grundordnung weitergespielt hätten, dann hätten die immer lange Bälle auf den Stefan Kutschke gespielt, weil das schwer zu verteidigen ist, weil er sehr sehr groß ist – und das wollte ich unterbinden.“ Durch Druck auf den Ballführenden habe der Club in der Folge die Chancen „auch nicht so herausspielen“ können – „bis auf eine Situation, die dann zum Elfmeter führt, wo wir uns nicht so gut verhalten haben.“ Man habe aber „nicht so sehen“ können, „dass wir mit zehn Leuten gespielt haben“.

Man habe gezeigt, dass man mithalten könne und „es waren ganz ganz viel richtig gute Sachen dabei, wobei man sagen muss, dass wir gerade an den Außenpositionen offensiv und vorne zu wenig Druck entfacht haben auf die Nürnberger Abwehr.“ Das müsse gegen Aschaffenburg viel besser werden.

Aschaffenburg fightet und beißt

„Ich hab sie in Unterhaching gesehen“, sagt Brand, „das war ein ordentlicher Auftritt, wobei man sagen muss, dass Aschaffenburg da in den letzten 30 Minuten die Kraft ausgegangen ist.“ das Spiel gegen Ingolstadt sei extrem unglücklich gelaufen, „weil sie schon nach 27 Minuten in Unterzahl gespielt haben“. Ingolstadt habe das gut ausgenutzt.

„Nichtsdestotrotz ist Aschaffenburg sehr sehr unangemehm zu spielen, die haben immer sehr viel Fan-Unterstützung, das ist eine Mannschaft, die richtig fighten und beißen kann und die momentane Konstellation ist natürlich für die Viktoria schwierig. Sie sind nach dem letzten Heimspiel auf Wiedergutmachung aus.“

Volles Rohr beim Restprogramm

„Es ist eine kräftezehrende Saison und wir müssen jetzt die vier Wochen, die noch zu spielen sind“, fordert der Trainer, „volles Rohr geben, nochmal alles raushauen.“ Man sei nach wie vor dabei, „uns in spieltaktischer, spieltechnischer Hinsicht zu verbessern, den Entwicklungsprozess voranzutreiben bei jedem einzelnen“. Und die Spieler hätten gegen einen Gegner wie Nürnberg auch mal die Chance gehabt zu sehen, wie das sei, „wenn ich gegen einen gestandenen Bundesligaspieler spiele oder Zweitligaspieler – in welcher Relation ist denn da meine Leistung?“

Darüber habe er lange mit Markus Ziereis gesprochen: „Da spielt er bei uns vorne mit seiner Geschichte und beim Club jemand wie der Stefan Kutschke. Da hat er auch gesagt, ,ja aus so einem Spiel kann ich natürlich unheimlich viel mitnehmen und unheimlich viel dazulernen‘.“ Wer hätte das gedacht, dass der Rodinger beim Bewundern der kleinen Clubber mehr lernt als in seiner Zeit als Zweitligastürmer beim FSV Frankfurt oder den Löwen. Die Zeiten, sie ändern sich.