Fußball
Bayern ohne Pep

Der eingesprungene Chilene: Torschütze Arturo Vidal (rechts) demonstrierte gegen Benficas Andreas Samaris die südamerikanische Variante eines mustergültigen Tacklings. Bilder: dpa (4)
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Bayern
06.04.2016
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"So nicht, mein Freund." Bayern-Trainer Pep Guardiola redete wild gestikulierend auf Flügelflitzer Douglas Costa ein, der gegen Benfica kaum offensive Akzente setzen konnte.

Stark angefangen - stark nachgelassen: Die Spieler des FC Bayern München setzten im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals alles daran, die mediale Einschätzung von Gegner Benfica Lissabon als Freilos gründlich zu widerlegen.

München. Thomas Müller sah sich nach der x-ten Frage bemüßigt, etwas Grundlegendes klarzustellen: "Wir haben das Spiel gewonnen. Zu Null." In der Tat drängte sich dieser Umstand unmittelbar nach dem mühseligen 1:0 gegen die Portugiesen nicht unbedingt auf. Die Iberer beklatschten sich auf den Rängen und auf dem Spielfeld, während die Münchener Kicker doch etwas bedröppelt vom Feld schlichen.

Die Frage, ob denn Benfica vorgeführt hätte, wie man gegen das System Guardiola zu spielen hätte, quittierte Müller mit einem Lächeln: "Die haben 0:1 verloren. Kann mir nicht vorstellen, dass die jetzt glücklich nach Hause fahren." Um sogleich in Richtung der Medien zu schießen: "Und außerdem wart ihr es doch, die im Vorfeld immer von einem Freilos gesprochen haben. Der Trainer und wir haben immer vor der defensiven Qualität Lissabons gewarnt." Zwei kompakte Viererketten, mit den beiden Schränken Jardel und Victor Lindelöf in der Innenverteidigung, stellten die Bayern vor große Probleme. Dass Benfica offensiv vor allem auf lange Bälle in Richtung der beiden groß gewachsenen Spitzen Jonas und Kostas Mitroglou operierte, hatte Guardiola schon im Vorfeld richtig analysiert.

Aufstellung korrigiert


Weshalb er dann trotzdem die Miniatur-Verteidiger Joshua Kimmich, David Alaba, Juan Bernat und Philipp Lahm aufbot, erschloss sich nicht jedem. Erst nach einer Stunde korrigierte er die Anordnung, indem er den kopfballstarken Javi Martinez für den technisch versierteren Kimmich ins Abwehrzentrum beorderte. "Wir haben es nach dem frühen Treffer versäumt, ein zweites Tor nachzulegen", analysierte Kimmich im Anschluss. In der Tat startete das bajuwarische Ensemble furios. Präzise getretene Diagonalbälle von Lahm oder Arturo Vidal in den Rücken der portugiesischen Außenverteidiger André Almeida und Eliseu stürzten Benfica von einer Verlegenheit in die nächste. Besonders Rechtsverteidiger Almeida hatte in den Anfangsminuten große Orientierungsprobleme - zu oft drehte ihn die linke Flügelzange aus Franck Ribéry und Bernat um die eigene Achse. Der Franzose und der Spanier waren es auch, die den einzigen Treffer der Partie mustergültig vorbereiteten. Der Chilene Vidal nickte eine Bernat-Flanke schon nach 109 Sekunden zur Führung ein. Daraufhin war auf der Pressetribüne mehrfach die Rede von "Schützenfest" und "klare Angelegenheit".

Dazu kam es nicht, weil die Bayern ab der 20. Minute den Fuß vom Gas nahmen und von ihrer Spielweise abrückten. Costa und Ribéry verzettelten sich auf den Flügeln zu sehr in Einzelaktionen und die Fehlpassquote von Müller und Thiago im Zentrum war für ein Champions-League-Viertelfinale viel zu hoch. "Wir waren zu unkonzentriert und trafen zu oft die falsche Entscheidung", gab sich Robert Lewandowski selbstkritisch. Besonders sein Fehlpass in der Nachspielzeit bei der "Mutter aller Torchancen" ließ ihn selbst in der Mixed-Zone noch die Haare raufen. Nach einem genialen Pass von Vidal standen Lewandowski und Lahm mutterseelenallein vor Benficas Keeper Ederson. Doch das Abspiel des Polen auf seinen Kapitän war derart fahrig und unpräzise, dass es als Exempel für den gesamten Auftritt der Bayern an diesem Abend herhalten muss. "Philipp war so frei, aber vielleicht muss ich es auch einfach selber machen", haderte der beste Torschütze der Fußball-Bundesliga (25 Treffer) mit sich.

Andere Kaliber


Die Europapokal-Arithmetik schreibt Auswärtstreffern besondere Bedeutung zu. Dass Benfica Lissabon keines gelang, war auch Manuel Neuer zu verdanken. Der Nationaltorwart rettete in der 55. und 63. Minute zweimal bravourös gegen Nicolas Gaitan und Jonas, Benficas besten Stürmer (30 Tore in 28 Ligaspielen). Zudem ließ der griechische Angreifer Mitroglou in vielversprechenden Situationen internationales Format vermissen, als er aus kürzester Distanz am Ball vorbei trat oder deutlich verzog. Messi, Ibrahimovic oder Ronaldo werden mit derartigen Freiräumen nicht so gnädig umgehen. Und solche Kaliber würden in einem möglichen Halbfinale auf die Bayern warten. Dass die Fans Benfica trotz aller Beteuerungen nur als Zwischenstation auf dem Weg in die nächste Runde sehen, wurde deutlich, als die zwischenzeitliche Führung von Atlético Madrid gegen Barça auf der Anzeigetafel aufleuchtete und lauter Jubel aufbrandete. Und was sagte Trainer Pep Guardiola zum Auftritt seiner Mannschaft? Er war "sehr, sehr zufrieden" mit der Leistung, weil Benfica eine "super, super Mannschaft" sei. Dennoch müsse seine Elf beim Rückspiel in Portugal am Mittwoch, 13. April, "sehr, sehr hart arbeiten", um die nächste Runde zu erreichen. Das Resultat ist sicher nicht die schlechteste Ausgangslage, doch wenn es mit dem ganz großen Coup klappen soll, muss eine sehr, sehr deutliche Leistungssteigerung her. Ansonsten droht den Bayern auch im dritten Guardiola-Jahr auf europäischer Bühne eine große, große Enttäuschung.

Die treuesten der treuen Bayern-Fans in der Südkurve nutzten den ausreichend vorhandenen Leerlauf der Begegnung zu einer Watschn für Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge. Dessen Äußerungen zur Zukunft des europäischen Vereinsfußballs mit Setzliste, Superliga und Wildcard kommentierten sie auf einem überdimensionalen Banner: "Hört's auf mit dem Schmarrn!" Und der Absicht, den Spielplan der Bundesliga der englischen Premier League etwa mit Montagsspielen anzupassen, entgegneten die Bayern-Fans: "Dein Kaffee ist bald englischer Tee, und der schmeckt nicht!" Eine Anspielung auf Rummenigges Aussage, man müsse dem Fernsehen "ein Stückchen mehr Zucker in den Kaffee werfen".
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