Jahn Regensburg nach 1:2 in Schweinfurt vor Verlust der Spitzenposition
Tabellenführung versaubeutelt

Augen zu und durch: Marvin Knoll kann die Pleite auch nicht verhindern. Bilder: Sascha Janne
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Bayern
27.11.2015
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Augen zu und durch: Marvin Knoll kann die Pleite auch nicht verhindern. Bilder: Sascha Janne
 
Hochzufrieden nach dem 2:1-Sieg: S05-Trainer Gerd Klaus.
 
Klar Herz und Mut und Charakter, all das kann man den Jung-Jahnlern nicht absprechen. Aber bei Platz 13 in der Rückrundentabelle, Tendenz fallend, braucht's auch viel Mut und Herz und Charakter, um das Steuer wieder rumzureißen.

So, jetzt dürfte es der SSV endgültig geschafft haben, die Tabellenführung zu verschweinbeuteln: Mit einem 1:2 vor 1100 Zuschauern beim Tabellenvorletzten aus Unterfranken gibt der Jahn gleich zwei Mannschaften Gelegenheit, vor der Winterpause vorbeizuziehen: Dann erfüllt sich Christian Brands Prophezeiung – die Welt gehe nicht unter, wenn man von Platz 2 im Frühjahr mit frischen Kräften wieder voll angreife.

Man kann nur hoffen: Wer immer den Jahn dann aufs Schlachtfeld führt, möge mehr aus dieser Mannschaft herausholen. Denn was Regensburg auch bei dieser Auswärtspleite wieder zeigte, lässt nur eines zu: fremdschämen.

Klaus: Als Letzter nicht entlassen

Wer immer es sein wird, Gerd Klaus wohl kaum, denn der sitzt nach viel Kritik in der Vorrunde nach acht Punkten aus vier Spielen in der Rückrunde wieder fest im Sattel: „Ich brauch grad mein Kollegen anschau’n, der is Dabellenführer und wird endlassn“, macht der Franke einen Vergleich auf. „Wir waren Dabellenledzda und ich wurd' ned endlass’n. Aber des liegd dann glaub ich auch am Präsidendn, dass wir einen wahnsinnig guden Präsidendn ham, der dann auch einmal einen Weidblick had.“

Das Spiel habe seine Mannschaft hochverdient gewonnen, auch dank seiner Ansage vor dem Spiel: „Ich hab‘ zur Mannschafd gesagd, wir sind in der Rückrunde Fünfda, der Jahn ist 13., deshalb müss’ma auch gewinnen.“ Mit das Beste seit langem habe sein Team gespielt, sei folgerichtig mit 2:0 in Führung gegangen. „Ich glaub‘, wir hädd'n da auch noch zwei gude Chancen g‘habd, um das Ergebnis noch höher zu schrauben.“ In der zweiten Halbzeit habe die Kraft „leider nimmer so gelangd, wie wir uns des vorgestelld ham“. Der Jahn sei immer stärker geworden: „Is ja auch a sehr sehr gude Mannschafd und ich denk wir ham uns dann mit unserm Kampfgeisd belohnd.“

„Das tut den Leuten hier gut“

Kleinlaut kommentiert Christian Brand die letzte Niederlage als Jahn-Trainer, die Fortsetzung des Auswärtsfluchs. Dem Bitteren etwas Angenehmes abgewinnen – zumindest für den Gegner: „Dem Gerd und seinen Jungs Glückwunsch, ich glaub‘, das tut den Leuten hier gut und auch dem Verein.“ Ja, fein, auch den Regensburgern dort und dem Jahn hätte die vorauseilende Verteidigung der Tabellenführung gut getan. Aber das Kompliment geht eben an den Gastgeber: „Die haben das super gemacht, haben aufopferungsvoll gekämpft und alles reingehauen.“

Was lief diesmal wieder schief? „Ja, wir haben bei zwei Standardsituationen ganz schlecht verteidigt. Die Zuordnung war eigentlich klar.“ Dabei habe man natürlich gewusst, wie Schweinfurt spielt, habe auf Video alles angeschaut, wie viel Herz und Mut und Courage die reinhauen würden. Schon komisch. Der Weg vom Wissen zum Können ist ein langer. „Klar, wir waren feldüberlegen, spielüberlegen, hatten öfter den Ball“, wollte Brand beobachtet haben. Aber nach dem Anschlusstor „haben wir’s einfach nicht geschafft, auf das zweite Tor noch zwingender zu spielen.“ Die Folge: „Der Gegner hat das gut verteidigt und am Ende dann auch 2:1 gewonnen.“

Drei Mann fehlten im Vergleich zum 5:0

Einmal mehr darf man darauf hinweisen: Allen Verletzungen zum Trotz steht immer noch eine Startelf auf dem Platz, die nominell und buchhalterisch in der Lage sein sollte, in der Amateurliga eine dominierende Rolle zu spielen – allemal beim Vorletzten, den Regensburg in der Hinrunde mit 5:0 nach Hause schickte. Im Vergleich mit der Siegerelf vom Juli fehlen gerade mal drei Mann: Hein, Odabas und Ziereis. Das Looser-Team heute: Philipp Pentke hinter der Viererkette mit Trettenbach, Kurz, Knoll und Hofrath. Davor Markus Palionis und Sven Kopp auf der Doppelsechs. Kolja Pusch als Back-up vor Sturmspitze Jann George – mit freundlicher Unterstützung der Flügelzange Uwe Hesse auf der rechten Seite und links André Luge.

Doch mit dem Fußballspielen auf Schnee haben’s die Oberpfälzer genauso wenig wie zuvor im feuchtkalten Aschaffenburg oder in der gespenstisch-leeren Grundig-Arena. Schweinfurt mit dem ersten Tempovorstoß, ein romanischer Torbogen, der sich fast zum 1:0 ins Netz senkt (6.). Keeper Pentke ahnt schon, was da heute auf ihn zukommt, entsprechend staucht er zusammen, was sich vor ihm eine Abwehr schimpft. Wie kann das sein, dass Grün-Weiß da schon wieder so frei Schalten und Walten kann?

Rutschiges Terrain

Nach zehn Minuten die erste halbe Torannäherung der nachtblauen Regensburger: Pusch flankt von rechts auf Palionis, aber der Kapitän ist halt kein Torjäger – die Kugel flippt gemächlich Richtung Tor wie ein Baseballübungswurf und wird folgerichtig weggeschlagen (10.). Auf der anderen Seite sieht das Ganze schon wesentlich dramatischer aus: Pentke kann die erste Ecke der Unterfranken gerade so eben noch vor Johannes Bechmann wegboxen (11.).

Schon besser: Palionis nach starker Balleroberung im Mittelfeld auf Pusch, der abzieht – knapp drüber (12.). Nach einer Viertelstunde hat der Tabellenführer immerhin mehr Ballbesitz und wirkt bemüht, das Spiel zu gestalten. Hoppla, da wäre Christian Brand beinahe ausgerutscht – die Trainerbank, ein Schleudersitz, und auch daneben rutschiges Terrain. Man hat’s nicht leicht als Teamchef sine spe. Aber auch für die Akteure kein leichtes Spiel: Nach Palionis‘ Steilvorlage für George, der nicht schaltet, rutschen zwei Schweinfurter weg – da wäre der Deutschamerikaner allein auf weitem Schneebrett gewesen (21.).

Abwehrjahnsinn

Was für ein Abwehrwahnsinn: Aus der Jahn-Ecke resultiert ein Schnüdel-Konter, der zur Ecke mit Torjubel führt: Kevin Fery zu schnell für die hüftsteifen Oberpfälzer, Luge gerade noch mit dem Bauernspitz dran – aber nach der guten alten Regel, drei Ecken gleich ein Tor, lässt die sprungfaule SSV-Hintermannschaft Marco Janz hochsteigen – und Pentke ist gegen den platzierten Kopfball chancenlos (25.), 1:0 für das Team, dessen Urahne Fritz Stöcklein 1920 den schnürlosen Fußball erfand und damit den Schnüdel, eben den abgebundenen Ball, den Garaus machte (aus dem Lexikon unnützen Wissens).

Vor dem Tor dieser genialen Balloptimierer muss Regensburg dagegen schon froh sein, wenn Stürmer George nur knapp verpasst – etwa die Hereingabe Hesses, nachdem der endlich mal links durch ist und flach hereinpasst (32.). Doppelgelb in den nächsten zwei Minuten: Erst mag Kopp seine Strafe für ein taktisches Foul im Mittelfeld nicht wahrhaben (34.). Dann sieht Michael Krass den Karton, weil er beim Kopfball mit dem Ellenbogen in Hofraths Gesicht herumfuhrwerkt (36.).

Nächstes Unterfranken-Waterloo

Gute Freistoßposition für die Gastgeber: Pentke hält den Aufsetzer aus 20 Metern zentral sicher (38.). Wie war das nochmal von wegen Abwehr? Der Jahn lässt sich vom Vorletzten auskontern, als sei der Gegner das Gladbach der 1970er Jahre: Tom Jäckel geht steil, schlägt einen Haken und scheitert frei vor Pentke (42.). Beim bräsigen Spielaufbau haut Steffen Krautschneider dazwischen, zieht ab, Pentke rettet mit den Fäusten (44.).

Aber gedanklich sind die Blauen nicht die Schnellsten. Der Ball flippert durch den Strafraum, Jäckel schaltet am fixesten und drischt den Ballon unter die Querlatte (45.) – 2:0 noch vor der Pause, bahnt sich da das nächste Unterfranken-Waterloo an?

Systemwechsel beim Jahn

Jonas Sonnenberg und Michael Faber für Kopp und Luge – der junge Wolfsburger Sonnenberg darf als Azubi neben Palionis in die Innenverteidigung. Rechts soll nun wieder Hesse verteidigen – hat ja schon gegen Ingolstadt so toll geklappt … Und vorne möchte Ex-Stürmer Kurz den Ziereis markieren. Soweit die Theorie. Was sehen wir in der Praxis? Erst einmal Schweinfurts Gewaltschuss fast vom Mittelkreis, der Pentke überrascht – es fehlt nicht viel und der Keeper rutscht mit der orangenen Christbaumkugel in den Kasten (48.).

Der Einstand von Lehrjunge Sonnenberg suboptimal: Vorlage für den Gegner, aber Capo Palionis hat aufgepasst (50.). Kurz ist offensiv ein Gewinn: Balleroberung im Mittelfeld, schlussendlich die Kugel an Georges Hühnerbrust – der missglückte Drehschuss sorgt nicht für Panik im 05er-Strafraum (55.). Und noch einmal Kurz, der für Turbo-Hofrath ablegt – die Grätsche lässt Marcel abheben und Schiri Florian Badstübner auf den Punkt deuten. Elfer für den Jahn, fast wie im Hinspiel, aber mit völlig anderen Vorzeichen.

Grusel-Verteidigung bei Kontern

Kurios: Pusch blickt zur Bank – bekommt er dort Empfehlungen für den Elfer? Gut, wenn die keinen Zettel mit Julian Schneiders häufigsten Flugbahnen parat haben, dann eben Mitten ins Glück, 2:1 Anschlusstreffer (58.). Schweinfurts Coach Gerd Klaus reagiert, bringt Daniel Diroll für Jäckel. Was der Jahn auch nicht kann: Konter verteidigen – wie übt man so was? Eskortservice bis zur Eckfahne, Krautschneider flankt in den Strafraum, keiner will sich unhöflich Bechmann in den Weg stellen – der aber knallt unbedrängt drüber (66.).

Die Einwechslungen bisher nicht gerade ein Glücksgriff: Sonnenberg rauscht am Ball vorbei (68.), verursacht einen blöden Freistoß an der Eckfahne – Pentke holt die Flanke runter (76.). Und auch Raithel führt sich mit einem überflüssigen Foul ein. Na gut, die nicht Eingewechselten machen es auch nicht besser. As time goes by, haben die Grünen alle Zeit der Welt: Michael Krämer tritt den Ball weg und sieht Gelb – Freistoß 25 Meter halbrechts, Pusch auf Trettenbach – Abstoß (76.).

Leise rieselt die Schneeuhr

Auch der nächste Anlauf bruchstückhaft: Trettenbach auf Knoll, der weiter zu Hesse und futsch die Rutsch (80.). Der Schnee rieselt durch die Sanduhr, Florian Wenninger verabschiedet den Kollegen Kleinhenz ausführlich (70.). Jetzt fängt auch noch Pentke mit Sperenzchen an, lupft die Kugel über den anrauschenden Stürmer, was beinahe zwar nicht ins Auge aber Tor geht (71.). Ob Fabian Raithel jetzt der richtige Mann ist, um die Kastanien für George aus dem Feuer zu holen (72.)?

Kurz zu Faber, ein Grüner rutscht mit Ball und Mann über die Grundlinie. Faber am Boden – das dauert. Hesses schwächlicher Einwurf auf des Gegners Kopf (85.). Meine Herren, jeder Konter der Schweinfurter ist gefährlicher als dieses Rumgemurkse der Regensburger: Pentke rettet gegen Krautschneider, der die Kugel aus acht Metern nicht in das Loch zimmern kann, das der Torschreiner groß genug angelegt hat (87.).

Spieglein, Spieglein im Netz

Hirnrissig: Der SSV hudelt und nimmt mit falschem Einwurf Zeit von der Uhr – ist denn schon wieder Weihnachtsgeschenk? Noch drei Minuten, um die nächste große Blamage abzuwenden: Kurz immerhin mal im Strafraum, aber daneben (90.). Armselig, mit welchen Mitteln sich der Tabellenführer hier wehrt – mit keinen. Schluss, Aus, Vorbei, nichts mit tröstlich. Augen zu und durch diesen kalten Winter.

Und bevor jetzt sogar der Spiegel falsche Schlüsse wie folgenden zieht, sollte nicht der Präsident allein, sondern eine ganz große Mehrheit ganz schnell für ganz viel Klarheit sorgen: „Im Sommer diesen Jahres hatten Unbekannte auf einer großen Werbetafel in der Innenstadt nach einem neuen Jahn-Geschäftsführer gesucht“, schreibt Bertholt Schindler auf spiegel.de noch korrekt, „um wörtlich: aus dem ,Keller raus‘ zu kommen.“ Dann aber wird’s BILDhaft: „Die Initiatoren kommen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus Vereinskreisen, was verdeutlicht, wie tief die Gräben sein müssen, die sich durch den Verein ziehen.“