Jahn Regensburg reicht bei 1860 II Kokocinskis Eigentor
Sie kratzten aber bissen nicht

"Never ending" Jubel: Erst das 3:1 gegen den FC Bayern, jetzt ein 1:0 auf Giesings Höhen. München liegt dem SSV Jahn im Jahr 2015. Bilder: Göpel/Baehnisch/Herda/dpa
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Bayern
06.09.2015
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"Never ending" Jubel: Erst das 3:1 gegen den FC Bayern, jetzt ein 1:0 auf Giesings Höhen. München liegt dem SSV Jahn im Jahr 2015. Bilder: Göpel/Baehnisch/Herda/dpa
 
Das kann doch einen Palle-Schädel nicht erschüttern: Kapitän Markus Palionis wieder an Bord.

Da sind es wieder 8: So viele Punkte beträgt der Abstand auf Platz 2, den sich Bayern München 2 (zwei Spiele weniger) und Burghausen teilen. Spitzenreiter Jahn Regensburg verpasste bei den kleinen Löwen vor gut 2000 Zuschauern eine vorzeitige Entscheidung. So musste der Gast das knappe 1:0 (15.) durch ein Eigentor des Münchener Kapitäns Michael Kokocinski etwas mühsam über fast 95 Minuten retten.

Christian Brand ist einfach ein Besserwisser: Mit seiner Prognose, die Junglöwen würden ihre überschüssigen Energien bisweilen wild und ungestüm in die Waagschale werfen, sollte er Recht behalten. Die Babyblau-Weißen kratzten und zwickten, schonten weder Freund noch Feind – was sich beim kuriosen Eigentor ihres Klassensprechers Koko bewahrheitete:


13. Minute: Kokocinski, als erfahrener Leit-Löwe aus Rosenheim zurückgeholt, versucht es aus 18 Metern – sein Schuss wird zur Ecke abgefälscht.
15. Minute: Kokocinski, der vorne fast das 1:0 macht, schiebt nach einem Missverständnis mit Torwart Michael Netolitzky die Kugel zum 0:1 ins eigene Tor.

So ist das eben, wenn pubertierende Wildkatzen raufen: Da tut man sich selber schon mal mehr weh als dem Gegner. Und die Jahnelf mit der Aufstellung von der ersten Punkteteilung gegen Bayreuth – Oli Hein, Thomas Kurz, Markus Palionis, Marcel Hofrath und Marc Lais vor Keeper Philipp Pentke und hinter Uwe Hesse, Marvin Knoll, Kolja Pusch, Jann George und Markus Ziereis – hätten den Übermut der Giesinger Katzengang noch deutlich schmerzhafter bestrafen können. Allein Goalgetter Ziereis hatte einem Hattrick auf den Füßen.

Palles Schädel hat ausgebrummt

Kein Thema mehr beim Anpfiff ist Markus Palionis‘ Brummschädel, den er sich beim Zusammenprall am Donnerstag gegen die Bayern zugezogen hatte – so sieht er zunächst freche Giesinger Raubtierchen ihre Krallen ausfahren – Flanke von Nico Karger, der sich über links durchsetzt, Pentke faustet den Ball mit einer Hand weg. Karger setzt nach, spielt flach nach innen, Kurz klärt mit Grätsche (8.).

Pusch versucht das Spiel der Gäste zu ordnen, kombiniert sich mit George durch die Defensive der Gastgeber. Ein Einwurf gelangt über Umwege zu Ziereis, der an der Strafraumgrenze abzieht – rechts neben den Pfosten (12.). Drei Minuten später dann die besagte Schlüsselszene: Kokocinski fühlt sich in der Rückwärtsbewegung bedrängt von George, kalkuliert wohl auf einen riskanten Doppelpass mit seinem Keeper und schlenzt das Ding stattdessen in den eigenen Kasten. Tore schießen leicht gemacht, 1:0 für den SSV (15.).

Jahn verpasst nachzulegen

Jetzt sieht’s so aus, als könnte der Spitzenreiter den Sack mit den fauchenden Kätzchen schon in der ersten halben Stunde versenken. Ziereis legt im Sechzehner für Hofrath auf, Netolitzky mit starker Reaktion, Ziereis verfehlt im Nachschuss (18.). Der Torjäger gefällt sich in der Servicerolle: Feiner Pass auf Pusch, der allein vor dem Löwentor an dessen Hüter scheitert (20.). Die geschockten Hellblauen nur mit seltenen Kontern: Florian Pieper mit ungehindertem Spurt auf der rechten Seite, Karger verpasst die Flanke (25.).

Gefahr droht den Regensburgern nur bei eigenen Schlampereien: Hofrath legt beim Einwurf für den Gegner auf, flotter Sturmlauf in den Strafraum, ein fallender Löwe, aber kein Pfiff (33.). Auf der anderen Seite sorgen Knolls Eckstöße für Verwirrung: Die erste Flanke vom Fähnchen köpft Richie Neudecker über den Kasten. Beim zweiten verschätzt sich Keeper Netolitzky, aber wo ist der einschussbereite Regensburger (38.)?

Letzte bemerkenswerte Szene vor dem Pausenpfiff: Ein Löwe steigt ein paar Meter vorm 16er arg ungestüm gegen Jann George ein – der Stürmer muss behandelt werden und wenige Minuten nach Wiederanpfiff passen (47.).

Ziereis schont die Ex-Kollegen

Was ist da los mit dem sonst so eiskalten Vollstrecker? Hat Ziereis Mitleid mit den alten jungen Kollegen? Kurz nach dem Wechsel lässt er das gesamte Viererkettchen stehen, zielt und trifft den Innenpfosten (48.). Fabian Trettenbach macht sich inzwischen bereit, um den angeschlagenen George zu ersetzen (49.).

Es ist wieder Zeit für das beliebte Päuschen nach der Pause: Neudecker ist von drei Jahn-Spielern nicht zu beeindrucken, Palionis klärt (54.). Hein macht vor, was Konsequenz bedeutet und kassiert zu Recht die Gelbe (57.). Auch Palionis hält jetzt massiv dagegen. An der Eckfahne lässt sich der Abwehrtank vom wieseligen Karger nicht veräppeln und drischt den Ball nach vorne (60.).

Endstation Netolitzky

Viel Leerlauf auf beiden Seiten: Der SSV will den Ball verständlicherweise in den eigenen Reihen halten – Kombination über Hein, Hesse und Knoll auf der rechten Seite, Pass nach innen, Keeper Netolitzky ohne Probleme (63.). Fabi Trettenbach holt die Ecke – Pusch scharf in die Mitte, Hein aus der zweiten Reihe schießt den Löwenkeeper warm (64.).

Regensburg etwas mehr am Drücker, aber ohne zwingende Aktionen:

Hofrath rödelt über links bis zur Grätsche von Emanuel Taffertshofer (69.)
Flanke Hofrath über alle Köpfe hinweg (72.)
Freistoß Knoll fast bis zur Eckfahne auf Hesse, Flanke auf Pusch abgefangen (73.).
Beste Chance vor der Schlussphase: Ein Konter landet bei Hofrath, der zieht volley ab,
wieder Endstation Netolitzky (76.).

Prekären Dreier an der Eckfahne verteidigt

Auch wenn’s nicht so aussieht, der Dreier bleibt prekär, so lange keiner den Korken draufmacht. Die Löwen blasen zum letzten Gefecht – und der bislang geduldige Jahn-Coach bringt frische Kräfte: Daniel Schöpf ist fit genug für ein Viertelstündchen anstelle von Kolja Pusch, dem heute ein wenig der letzte Biss fehlte (83.). Und Thomas Paulus gibt sein Punktspiel-Debut für den angeschlagenen Knoll (86.).

Was haben die Münchener noch in petto? Florian Pieper versucht Kurz vergeblich im 16er zu verladen. Stattdessen muss Regensburgs Torgarantie Nummer 1 nun endgültig für klare Verhältnisse sorgen: Wieder das Duell mit Netolitzky, diesmal versucht er ihn zu umkurven – es bleibt beim Versuch (87.).

Wenn’s an diesem kühlen Sonntag schon mit dem Toreschießen nicht klappen will, dann zumindest mit dem Verhindern – die letzten Minuten machen es sich die Regensburger an der gegnerischen Eckfahne gemütlich. Und nach 95 Minuten glaubt auch Schiedsrichter Steffen Mix (Abtswind) nicht mehr an den Sinn seines Projekts und macht dem Spiel ein Ende.

Bierofka: „Zu viele Aussetzer“

Zu Richard Rodgers und Oscar Hammersteins „You’ll never walk alone“ laufen die siegreichen Gäste zum starken Anhang, der noch mal richtig Stimmung macht hier auf Giesings Höhen, wo der SSV Jahn schon manch bittere Pille schlucken musste – die legendären x:7 in der Ära von Günter Bortner etwa oder die unglückliche Auftaktniederlage in der Zweitligasaison, als Abde Amachaibou kurz vor Schluss den Elfer vergeigte.

„Wir haben zu viele Aussetzer gehabt und es zu oft mit der Brechstange probiert”, attestiert Trainer Daniel Bierofka Regensburg nach dem Abpfiff einen verdienten Sieg. Und bei den Siegern alles eitel Sonnenschein? Acht Siege, ein Unentschieden, null Niederlagen, über den Output kann man sicher nicht meckern, das weiß auch der doppelte Christian:

Ein „ordentlicher Auftakt, mehr nicht“ (Keller),
„Für mich ist ganz klar, dass Bayern die beiden Spiele gewinnen wird und dann sind es tatsächlich noch zwei Punkte – alles andere ist eine extrem verzerrte Momentaufnahme.“ (Brand)

Zurückhaltung tut auch Not, solange man sich gegen Gegner mit – bei allem Respekt für die ausgezeichnete Jugendarbeit der Bundesligisten – überschaubaren Qualitäten wie den kleinen Löwen so schwer tut, aus eigener Kraft für klare Verhältnisse zu sorgen.

Am kommenden Samstag, 14 Uhr, gegen den TSV Buchbach (15./9.) hat der SSV Jahn beim ersten Heimspiel am Nachmittag Gelegenheit, wieder einmal einen qualitativen Klassenunterschied anzudeuten.