Nach 0:4-Blamage in Aschaffenburg: Regensburg braucht Plan B
Jahn in brandgefährlicher Situation

Schaffen die große Überraschung: Viktoria Aschaffenburg war schon beim 2:3 in Regensburg nah dran am Favoritensturz. Ein 4:0 des Tabellen-16. hätten aber selbst größte Optimisten nicht erwartet. Bilder: Herda/dpa
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Bayern
07.11.2015
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Schaffen die große Überraschung: Viktoria Aschaffenburg war schon beim 2:3 in Regensburg nah dran am Favoritensturz. Ein 4:0 des Tabellen-16. hätten aber selbst größte Optimisten nicht erwartet. Bilder: Herda/dpa
 
Durften sich zurecht freuen: die Fans in Aschaffenburg.
 
War diesmal der Platz zu klein, zu nass, zu düster - diese Tribüne steht allerdings nicht in Aschaffenburg.

827 Zuschauer sehen Rudi Bommers herbeigesehnte Sensation: Den höchsten Saisonsieg von insgesamt nur vieren gelingt Viktoria Aschaffenburg mit 4:0 gegen einen körperlosen und geistesabwesenden Spitzenreiter aus Regensburg. Jetzt muss beim Jahn endlich Schluss sein mit dem lenorweichen Schönreden.

Es gibt gute Gründe, nicht nach jeder Niederlage den Teufel an die Wand zu malen. Geduld, Kontinuität, Verlässlichkeit sind vor allem für Vereine, die nicht mal schnell ein paar Millionen in den schnellen Erfolg investieren können, ratsame Begleiter. Und von außen betrachtet würde es niemand verstehen, einen Trainer in Frage zu stellen, dessen Mannschaft nach dem ersten Tag der Rückrunde mit vier Punkten Vorsprung Tabellenführer ist.

Plan wieder übererfüllt?

Bei näherer Betrachtung wird es für Christian Brand aber allerhöchste Zeit, sein Orwellsches Neusprech zu überdenken. Nach fünf sieglosen Auswärtspartien, davon drei Niederlagen, klingt es nach Politbüro, wenn er immer nur die positiven Ansätze bejubelt und die Stärke der Gegner hochjubelt. Das zum Real Madrid hochgequatschte Nürnberg, Gegner vom Dienstag, verliert heute gegen den Tabellenletzten Schweinfurt zu Hause mit 0:1. Und auch wenn bei der U21 des Club gegen den Jahn drei Profis am Platz standen – früher gelangen gegen die kleinen Bayern auch klare Siege, obwohl Thomas Müller oder Luca Toni mit von der Partie waren. Wer zum Teufel ist Kutschke?

Gegen Viktoria Aschaffenburg erreicht die Mannschaft den Tiefpunkt der bisherigen Saison – aber das ist kein singulärer Ausrutscher. Die desolate 0:4-Klatsche hat sich vielmehr bei den vergleichbar blutleeren Auftritten in Rain (1:2), Schalding-Heining (0:0), Memmingen (1:1) und Nürnberg (1:3) angekündigt. Und, Christian Brand, nein, man darf da auch mal widersprechen: Das Spiel in Nürnberg war nicht nur deshalb schon „gut“, weil der SSV 20 Minuten Gas gegeben hat. Und auch der späte Ausgleich der Memminger war nicht unverdient. In allen diesen Spielen ist es nicht gelungen, dem Team eine Einstellung einzuimpfen, die Vorentscheidung um die Meisterschaft unbedingt erzwingen zu wollen.

Rohrkrepierer statt volles Rohr

Vor der heutigen Vorstellung konnte man zurecht eine Reaktion auf die noch einigermaßen nachvollziehbare 1:3-Niederlage im Grundig-Stadion erwarten: Spieler und Trainer wussten, dass alles andere als ein klarer Sieg beim kriselnden Aufsteiger eine herbe Enttäuschung sein würde. Wer „volles Rohr“ ankündigt und einen Rohrkrepierer liefert, darf sich nicht wundern, wenn Unruhe im Umfeld entsteht.

Ja, Herr Brand, wir wissen, was Sie entgegnen werden: „Was ist denn passiert?“, der Jahn bleibt Spitze, man kann nicht jedes Spiel gewinnen, auch ein unterfränkisches Huhn findet mal ein Korn, die Saison war kräftezehrend, die Verletztenliste lang – aber die ist auch bei anderen Teams, allen voran in Aschaffenburg lang. Und es ist ein Irrtum zu glauben, dass konkrete Kritik in der Sache, ein Zeichen für Realitätsverlust in Folge ungewohnter Euphorie sei.

Korrektur des Betriebsunfalls

Anders als offenbar von der Bank aus wahrgenommen, hielt sich die Euphorie auch bei knappen und durchaus glücklichen Siegen wie dem 3:2 beim Hinspiel gegen Aschaffenburg in Grenzen – und es ist keine naive Erwartung, dass der nach Bayern II teuerste Kader der Liga mit zahlreichen zweit- und drittliga-erfahrenen Spielern, Meisterschaftsfavorit sein dürfte. Vielmehr betrachtete der Teil der Fans, der nicht erst seit Neubau des Stadions die Jahn-Entwicklung verfolgt, schon den Abstieg völlig zu Recht als Betriebsunfall, der schleunigst korrigiert werden muss.

Auch aus dieser Perspektive ist es freilich immer noch verständlich, nicht nach jedem Rückschlag alles in Grund und Boden zu reden. Es ist sogar Trainerpflicht, dafür zu sorgen, dass die Mannschaft auch nach Niederlagen mit Selbstbewusstsein auftritt. Deshalb fällt die Kritik auch nach keineswegs berauschenden Auftritten bislang moderat aus. Aber so sehr man das blaue Auge nach den letzten Ergebnissen auch zudrückt, ein 0:4 in dieser Liga gegen diesen Gegner fällt aus der Reihe – das ist nicht mehr unter Ausrutscher abzuhaken. Da muss dem Schüler mit dem Vermerk „Vorrücken gefährdet“ im Zwischenzeugnis endlich der Ernst der Lage vor Augen geführt werden: Wer das jetzt nur laufen lässt, verspielt den Kredit, den Vorsprung Dank unsteter Leistungen der Konkurrenz und die einmalige Chance, den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen.

Genug Erfahrung auch ohne Hein & Co

Es muss gegen den Tabellen-16. der Regionalliga auch mal ohne Oli Hein, Kolja Pusch und Thomas Kurz gehen. Mit der erwarteten Aufstellung – Philipp Pentke, Fabian Trettenbach, Markus Palionis, Thomas Paulus, Marcel Hofrath, Marc Lais, Marvin Knoll, Daniel Schöpf, Uwe Hesse, Markus Ziereis und Jann George – stehen genug Erfahrung und Klasse am Platz, um einen Aufsteiger in Bayerns höchster Amateurklasse klar zu dominieren. Der Jahn läuft im Heimoutfit mit roten Hosen und weißen Trikots zunächst auf den gut vertretenen Gästeblock zu.

Aschaffenburg versteckt sich nicht, schließlich fordert Viktoria-Coach Rudi Bommer heute eine Überraschung. Aus dem aussichtsreichen ersten Freistoß der Gastgeber entwickelt sich ein Konter, Markus Ziereis ist unterwegs in die gegnerische Hälfte – am vorletzten Mann bleibt er hängen (3.). Pentke spielt unter Druck als Neuer-Double zum Gegner, der vertändelt (6.). Seitenwechsel von Ziereis auf Hesse, aber Viktoria-Keeper Nemanja Saula locker zuvor am Ball (8.). Regensburgs erster Abschluss nach 10 Minuten: George bekommt das Leder im Strafraum, sein Schuss eine gute Körperlänge daneben.

Mit der ersten Chance in Führung

Das Doppelpasspaar Ziereis und Hesse im zweiten Anlauf – wieder zu ungenau (12.). Auch Fabian Trettenbach noch nicht mit der Konzentration einen Zen-Mönchs: Unbedrängt schiebt er die Kugel ins Seitenaus (14.). Hesse spitzelt den Auswurf Saulas weg, bekommt den Ball aber nicht unter Kontrolle (17.). Dafür reicht Aschaffenburg eine Chance, um in Führung zu gehen: Simpler Ball in den Regensburger Strafraum, Aufschrei, weil Hofraths Einsatz nach Hand riecht, die Jahn-Verteidigung wieder einmal abgelenkt und Salvatore Bari schiebt die flache Hereingabe zum 1:0 (18.) ins Netz.

Wo sind jetzt hier die Entwicklungsschritte jedes einzelnen Jahn-Spielers zu bewundern, die Jahn-Trainer Christian Brand bei jeder PK beschwört? Es kommt noch schlimmer: Erneut Bari, der allein auf Pentke zusteuert, der Jahn-Keeper rettet in letzter Not. Fast das 0:2 nach einer knappen halben Stunde bei einem Gegner, der die letzten drei Spiele verlor, zuletzt mit 0:3 gegen Ingolstadt II.

Jahn wie beim Hornberger Schießen

Jetzt endlich mal in die andere Richtung: Ziereis versucht vergeblich, an eine ungenaue Hofrath-Flanke heranzuhechten (25.). Jann George mit dem überfälligen Forechecking – wo bleibt das volle Rohr, das vom Regensburger Trainer versprochen wurde? Nach einer halben Stunde hat der abstiegsgefährdete Gastgeber das Spiel weitgehend im Griff – man darf gespannt sein, ob angesichts dieser eklatanten Auswärtsschwäche das Stadion Am Schönbusch als uneinnehmbare Bastion verklärt wird.

George und Hesse kombinieren sich über die gesamte Breite des Platzes, bringen Hofrath ins Spiel, der von der Grundlinie flankt – der geblockte Ziereis kommt nicht ran (35.). Zum ersten Mal blitzt das Genie von Youssef Mokthari im Mittelfeld auf: feiner Pass auf den italienischen Stürmer, die Fahne geht sehr spät hoch, abseits (39.). Und wenn die Regensburger mal im gegnerischen Strafraum sind, stellen sie sich an wie beim Hornberger Schießen: Viermal bolzen die Rot-Weißen die Kugel aufs Tor, doch mehr als Aschaffenburger Körperteile treffen sie dabei nicht.

Ein kleiner Italiener zerlegt die Abwehr

Ein Italiener beschäftig die gesamte Oberpfälzer Abwehr: Bari ist von der Möchtegern-Drittligaabwehr nicht zu halten. Palionis zu spät, das sieht dann aus, als ob ein Bulldozer in die Parade fährt – keine gute Idee im Strafraum, zurecht Elfmeter, den Kapitän Simon Schmidt ins rechte untere Eck legt, 2:0 (45.). Bodenlose Leistung – wenn hier in der zweiten Hälfte nicht eine Mannschaft aus der Kabine kommt, die gewillt ist, den Boden umzuackern, sollte sich Christian Brand ganz schnell einen neuen Text für die anschließende PK zurechtlegen. Ein erneutes Schönreden hätte dann honeckereske Züge.

Ob bei 0:2 Tiefenbrunner die richtige Karte für George ist? Die Alternativen auf der Bank halten sich in Grenzen, aber fragen wird man dürfen: Bei 1:1 in Nürnberg und zehn Mann offensiv wechseln, bei 0:2 defensiv – unkonventionell ist nicht immer erfolgversprechend. Und dann braucht der frische Tiefenbrunner gleich mal die Hilfe von Paulus und Pentke, um sich aus einer Notlage zu befreien (50.). Bari im 16er, Palionis steht wie eine Slalomstange, die 9 zieht ab, der Ball rauscht unter der Latte zum 3:0 (52.) – das ist schockierend.

Bommer hat Mitleid

Wechselgesang der Heimfans, im Regensburger Block Totenstille selbst bei der ersten (!) Jahn-Ecke, nach der Paulus fast abschließen kann (57.). Klasse Idee von Paulus – er haut Lekaj um und sieht Gelb – man darf gespannt sein, welche Erklärung er bei einem möglichen Gelbrot später parat hat.

Brand nimmt Schöpf raus und bringt Andi Jünger – der als zweiter Stürmer neben Ziereis noch retten soll, was wohl nicht mehr zu retten ist. Erster Haken in den Strafraum, Kullerchen zum Einstieg (65.). Bommer hat Mitleid mit dem Jahn: Tosender Beifall für Geburtstagskind Bari, der bereits zu seiner Party darf (65.). Und beim Jahn soll Michael Faber Fabelhaftes leisten, während ein enttäuschender Hofrath duschen geht (70.).

Die Jungen überfordert

Spott für Jahns Tiefenbrunner: Saula pariert Palionis Kopfball nach einer Ecke, dem Regensburger Abwehrspieler rutscht der Abpraller über den Spann (73.). Die Jungen völlig überfordert: Jünger springt ein Einwurf meterweit vom Fuß (75.). Bei Viktoria reicht ein Angriff – Aschaffenburg hat sich seit der Vorentscheidung vornehm zurückgehalten. Aus purer Langeweile marschieren die Unterfranken mal wieder nach vorne, da greift keiner ein im Strafraum, Roberto Desch mit dem 4:0 (79.).

Auch die letzten zehn Minuten ziehen sich zäh dahin wie flüssiger Teer – auch das 5:0 war noch drin. Nach dem Schlusspfiff beginnt die Aufarbeitung. Zwei Sonntagsspiele in der Conti-Arena gegen Ingolstadt und Unterhaching und ein Auswärtsspiel beim Vorletzten Schweinfurt – das sind drei Top-Chancen, um zu dokumentieren: Wir haben verstanden! Alles andere wird unschönen Debatten in der Winterpause Vorschub leisten.