Regensburg müht sich in schwäbischer Glut zu einem 1:0
Jahn besteht Augsburger Hitzetest

Augsburgs Trainer Tobias Luderschmid hat seine U23 ganz gut eingestellt. Für einen Punkt gegen den Jahn reichte es dennoch nicht. Bilder: Göpel/Baumann/Jahn/Herda
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Bayern
08.08.2015
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Augsburgs Trainer Tobias Luderschmid hat seine U23 ganz gut eingestellt. Für einen Punkt gegen den Jahn reichte es dennoch nicht. Bilder: Göpel/Baumann/Jahn/Herda
 
Diplomat zwischen Regensburg und Augsburg: Markus Weinzierl will keine Hassszenen beim Spiel sehen.
 
Die Dinos der Stadien: Nach dem Abbruch des Regensburger Fußballstadions ist das Rosenauer Rund mit der Tartanbahn und den Holzstühlen auf der Haupttribüne einer der letzten Nostalgieorte in Deutschland.

„Ganz leicht, ganz leicht wird es nicht“, singen Element of Crime, hier bei katarischen Temperaturen im Augsburger Rosenaustadion. „Aber ganz leicht, ganz leicht muss es nicht sein“. Jedenfalls nicht jeder Sieg in der Regionalliga. Manchmal reicht auch ein 1:0 beim Tabellenletzten, verdient, aber an manchen Stellen auch glücklich.

Mission erfüllt: Mit einem bescheidenen 1:0 bei der U23 des FC Augsburg bewahrt der SSV als einzige Mannschaft der Regionalliga den Sonderstatus als voller Punktzahlträger – 15 Punkte nach 5 Spielen bedeutet auch schon 4 Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten Wacker Burghausen und sechs Punkte auf den Dritten FC Amberg. Jetzt darf sich die Oberpfalz also tatsächlich auf ein Spitzenderby am Freitag, 19 Uhr freuen.

FCA-Fahne: erst gestohlen, dann zerrissen

Mit den erhofften 15.000 Zuschauern für das Duell Bezirkshauptstadt gegen ehemalige Regierungshauptstadt – ein Titel, den Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny gerne zurückerobern würde – hätte man das altehrwürdige Rosenau-Stadion wenigstens zur Hälfte füllen können. Den Ort, an dem der Jahn dem großen FCA schon einmal schlimme Schmerzen zufügte und einen früheren Aufstieg verhinderte.

Noch immer schwelt der Konflikt zwischen den Fan-Gruppen: Regensburger Augsburg-Hasser zerreißen im Gästeblock eine vor vier Jahren geklaute FCA-Fahne, wie die Polizei mitteilt. Für einige FCA-II-Fans unter den sich im weiten Rund hinter der Tartanbahn verlaufenden 669 Anhängern ist das zu viel. Kurz vorm Anpfiff stürmen sie den Platz, um Krach im Regensburger Block zu suchen. Holla, die Schwabenfee, mit Mühe verhindert die Security einen Zusammenstoß wie beim Ritter der Kokosnuss.

Weinzierl und Philp auf der Tribüne

Da wird auch FCA-Erfolgstrainer Markus Weinzierl ein Stein vom Herzen fallen, der es sich zusammen mit dem ehemaligen Physiotherapeuten Marco Grimm und Flügelflitzer Ronny Philp auf den nostalgischen Holzstühlen der Haupttribüne gemütlich macht, um das Spiel der Nachwuchsmannschaft gegen die Ex aus Regensburg zu verfolgen.

Schließlich ist er ein Botschafter der inzwischen gewachsenen Versöhnung zwischen den Erzrivalen. Und auf dem Platz stehen sich sogar zwei Brüder gegenüber: Regensburgs Innenverteidiger Thomas und Augsburgs Linksverteidiger Bastian Kurz. Beim Anpfiff rumort es noch etwas im Augsburger Blöckle, aber Schiri Markus Huber vom niederbayerischen Kreisligisten SSV Wurmannsquick lässt sich davon nicht beeindrucken.

Viel Kluges über Verhalten in der Sonne

Jahn-Coach Christian Brand wusste vor dem Spiel viel Kluges über das Verhalten in der Sonne zu dozierten – viel trinken, die Sonne meiden. Was er übersah: Dunkelblau ist nicht gerade ein Sonnenreflektor. Zudem muss er außer Wastl Nachreiner heute auch noch Ali Odabas ersetzen. Thomas Kurz rückt in die Innenverteidigung, Youngster Kevin Hoffmann darf dafür ins Mittelfeld. Vor Pentke sehen wir also eine Viererkette mit Hein (von rechts), Palionis, Kurz und Hofrath. Marvin Knoll auf der 6 sichert die Aktionen von Hoffman ab, der mit Kolja Pusch interagiert. Vorne dürfen Jann George, Uwe Hesse und Markus Ziereis ihr Schussglück versuchen.

Wie schnell kann der Favorit hier dem grünen Euro-Liga-Nachwuchs den Schneid abkaufen? Pentke ist nach verunglücktem Kopfball von Kurz zur Stelle (2.). Der junge Wilde auf Regensburgs Seite dreht schon mal auf: Hoffmann im Augsburger Strafraum gegen zwei Punktsieger, scheitert aber am dritten Mann (4.). Anfangsdevise der erneut runderneuerten Jahn-Defensive: Lasst Philipp Pentke Praxis sammeln, egal wie – schon wieder muss er mit Fußabwehr eingreifen (5.).

Mehr Ballbesitz, wenig Aufregung

Nach zehn Minuten besinnt sich der Jahn seiner spielerischen Vorteile: Pusch schickt Hofrath über links, seine Flanke wird gerade noch weggeputzt (9.). Same procedure über links, Hofrath hoch auf George, der Probleme mit der Ballannahme hat (11.). Dann beteiligt sich auch Knoll am Spielaufbau, langer Ball auf Oli Hein, der auf Hoffmann zurücklegt – knapp daneben (14.). Knoll kickt die erste Ecke von rechts zunächst auf Yannick Oettls Fäuste, der 18-jährige Unterhachinger ist nominelle Nummer 3 der ersten Mannschaft –Hesse mit langem Ball zurück in den Strafraum, Pusch zielt links neben den Pfosten (19.).

Gut, da ist schon eine standesgemäße Überlegenheit in puncto Ballbesitz, Spielaufbau und Torannäherung auf dem verdorrten Rasen zu sehen – aber noch wehrt sich der Außenseiter auf Augenhöhe. Rechtsverteidiger Raphael Framberger hat viel Platz, das kennt man ja. Im Zweifel für den Gegenspieler, einfach mal laufen lassen, der wird schon nichts anstellen. So muss Kurz zum Eckball klären, der folgenlos bleibt (22.). Der Schiri sieht die hängenden Zungen der Spieler und entscheidet auf Trinkpause (28.). Hat Christian Brand zwischen den Schlucken aus der Wasserflasche erfrischende Einfälle? Immerhin, Goalgetter Ziereis findet sich kurz darauf unverhofft mit dem Ball allein vorm FCA-Keeper, lasst den stehen, stellt sich dabei aber auch selbst den Winkel zu und schiebt vorbei – so nah war Tor Nummer 4 (30.).

Hitze macht schläfrig

Man kennt das ja, Hitze macht schläfrig, nicht umsonst dösen die Mittelmeeranrainer in der Siesta. Das eröffnet Chancen für fleißige Schwaben: Pentke faustet mit dem letzten Handschuhfetzen Frambergers Flanke vor einem fliegenden Augsburger weg. Orkun Tugbay nimmt die Kugel direkt und legt sie flach am Kasten vorbei (33.). Durchschnaufen! Es ist kein Gegner so schwach, dass man ihn im Schlaf vernascht.

Lob für den jungen Hoffmann, der unter gleichmäßig pomadigen Jahn-Kollegen mit etwas mehr Spiellust heraussticht: Spielverlagerung auf Palionis, der das Leder Richtung Fata Morgana eines Tores zimmert, das da oben am Himmel geflirrt haben muss (38.). Beste Chance, die Tradition der späten Tore fortzuführen: Hesse verarscht einen Gegenspieler, legt sich die Kugel am Elfer zurecht und tritt ins Leere, weil noch ein langes Bein in die Quere kommt (45.).

Zur Abwechslung das frühe Tor

Es muss nicht immer der Last-minute-Treffer sein: Statt der üblichen Gemütlichkeit nach der Pause, legt der SSV einen Blitzstart hin: langer Ball aus dem Mittelfeld, Öttl verschätzt sich, der Ball rollt aufs leere Tor zu – aber was ein richtiger ein letzter Mann ist, der rettet eben auf der Linie (47.). Aber dann, aber dann Ecke von Pusch, Palionis feiert wieder seine Körpergröße ab und wuchtet das Ding an den Pfosten – den Abpraller zaubert George – halb Fallrück-, halb Seitfallzieher zum 0:1 in den Maschen (49.). Er kann’s also doch, wenn er nicht zu viel Zeit zum Nachdenken hat.

Ruppiges Interludium: Erst fällt Pusch Maik Uhde, der behandelt werden muss (52.). Dann die Revanche der Augsburger, Grätsche gegen Hein an der Strafraumgrenze, Gelb für Arif Ekin (56.). Pusch setzt den Freistoß an die Mauer. Der Jahn ist jetzt dran, Hesse kurbelt an, der Pass in die Mitte, aber außer Ziereis und George rutschen auch noch zwei Augsburger am Ball vorbei (62.).

Pentke auf der Suche nach einer Aufgabe

Wer zu spät kommt, den bestraft der Schiri: Missverständnis zwischen Hein und Palionis, Palle muss scheren und bekommt Gelb – Freistoß 20 Meter halblinks vorm Jahn-Tor: Das war gar nichts. Wär‘s nicht so heiß, müsste sich Philipp Pentke aufwärmen. So aber beschäftigt er sich selbst mit Ausflügen an die Mittellinie – da NSA und BND hier nachlässig sind, können wir nicht sagen, welche Ratschläge er für die Kollegen in petto hat.

Vielleicht diesen: Hein macht das Spiel schnell auf Hesse, der wunderbar auf Pusch durchsteckt, aber ein Augsburger blockt die Kugel weg (65.). Zeit für den Wechsel: Martin Tiefenbrunner läuft für Kevin Hofmann auf – Brand wird doch nicht das 0:1 verwalten wollen? Von wegen, schöner Flankenwechsel auf Hesse, Tiefenbrunner turnt an der gegnerischen Eckfahne rum, aber seine Flanke ist zu weit – immerhin eine weitere Ecke für Pusch (66.).

Pennpause der Regensburger

Kurz erstickt den Konter im Ansatz, leitet den nächsten Angriff ein, aber Ziereis zielt weit drüber (67.). Vorentscheidung oder Wende, wenn, dann ist jetzt dazu der richtige Zeitpunkt. Ein weiter Ball auf Hesse, der wird arg bedrängt – und der wilde Chima Okoroji aus England sieht Gelb (69.). Der Freistoß kommt allerdings viel zu ungenau, weshalb sich Augsburg bis zur Ecke durchspielen kann – das ist nicht der Sinn der Sache.

Sie versuchen ja, den Sack zuzumachen: Hesse steckt auf Knoll durch, der hängenbleibt (71.). Pusch auf Hofrath über links, der’s mit einem Schuss versucht – naja, kann man mal versuchen, der Himmel ist geduldig (72.) Und die zweite Trinkpause. Diesmal nimmt der FCA Impulse aus der Wasserflasche mit ins letzte Viertel: weiter hoher Ball vom eingewechselten Richter in den Strafraum, keiner beachtet das weiter, zum Glück ist Pentke auf dem Posten (77.). Da ist sie wieder, die Pennpause der Regensburger: erst der starke Lupfer von Thiel, dann der starke Schuss, schließlich die starke Reaktion von Pentke (78.).

George fast mit dem Doppelpack

Hesse macht’s richtig, leitet den Konter ein, Ziereis schießt aus der Hüfte ans Außennetz – er hätte mehr Zeit gehabt, um mehr draus zu machen (80.). Ecke Pusch von links, weit in den 16er, Kopfball Palionis, Verlängerung von George – das 2:0? Kein Tor, wohl wegen Fouls beim Kopfball abgepfiffen (82.). Comeback von Fabian Trettenbach, der für George kommt. Hofrath rückt nach vorne. Und auch Ziereis hat die Chance auf seinen nächsten Treffer verspielt – er weicht Bayernliga-Kicker Andreas Jünger (83.). Augsburg bemüht sich um eine Schlussoffensive, aber mehr als ein überhasteter Abschluss weit drüber springt nicht heraus.

Trette treibt an, geht selber in den 16er – das war einer zu viel. Da ist jetzt viel Unruhe im Spiel, der Drittligaabsteiger sollte so ein Spiel besser kontrollieren können. Hesse fängt den Ball ab, Jünger wird gelegt – Gelb für Rieder. Das bringt Zeit. Freistoß zwei Meter vorm 16er Eck, Pusch zirkelt die Kugel in den 16er, keiner zu Hause. Tiefenbrunner mit dem zweiten Ball, zu weit. Und dann geht noch Jünger links vorbei, und verhaspelt sich – ruhig, Brauner (88.)!

Pentke rettet die drei Punkte

Meine Güte, da ist die Riesenchance zum Ausgleich: Ekin aus drei Metern, aber Pentke reagiert klasse (90.). Hektische letzte Minuten: Ein Freistoß segelt durch den Jahn-Strafraum, Abstoß. Jünger auf Pusch, schöner Seitenwechsel auf Trettenbach, Übersteiger, Aus. Öttls schneller Abstoß verfehlt den einzigen Stürmer vorne. Noch ein taktisches Foul von Pusch, Gelb auch für ihn (91.). Augsburg kommt noch mal über rechts, Kurz mit einem Querschläger, aber Pentke hat den Ball.

Der Konter läuft, Okoroji steigt überhart gegen Pusch ein und sieht Gelbrot (92.). Knoll legt den Freistoß auf Palionis zurück, weit auf Hesses Kopf – Einwurf. Letzte Aktion: Pusch in die Wolken und dann ist auch schon Schluss (94.). Und siehe da, Trainer Christian Brand entwickelt sich immer mehr zum Orakel von Conti: Während sein SSV den Pflichtsieg unter Dach und Fach bringt fackelt der FC Bayern nach zwei Unentschieden im dritten Anlauf Aufsteiger TSV Rain mit 7:2 ab.
Fahnen-Nachspiel im Tunnel
Erst die zerrissene Fahne, dann auch noch verloren, Grund genug für eine größere Gruppe FCA-Fans, im Pferseer Tunnel den Regensburger Provokateuren aufzulauern. Bereitschaftspolizei aus Königsbrunn und Dachau, eigentlich für einen Einsatz bei einer Demo von Neonazis angefordert, behielten die Wutfans im Auge, bis der Zug mit den Regensburgern abgefahren war.

Eine Aufregung um eine Fahne, ausgerechnet am Tag des Augsburger Friedensfestes - es gibt wichtigeres als bedruckte Stofffetzen: Regionaldekan Josef Zerndl rief zur Solidarität mit Flüchtlingen auf. Die Religionen sollten gemeinsam dazu beitragen, "dass Grenzen unter uns überwunden werden". Das sollte vielleicht auch mal zwischen Augsburg und Regensburg gelingen.