Regensburgs dritter Anlauf bei vermeintlichem Außenseiter
Jahn will Memmingen „voll bespielen“

Gegen den FCB II musste Christian Brand kaum mehr coachen. Er tat es trotzdem. In Memmingen soll die Mannschaft wieder das Gaspedal voll durchtreten. Bilder: Herda/dpa/Göpel/FC Memmingen
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Bayern
15.10.2015
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Gegen den FCB II musste Christian Brand kaum mehr coachen. Er tat es trotzdem. In Memmingen soll die Mannschaft wieder das Gaspedal voll durchtreten. Bilder: Herda/dpa/Göpel/FC Memmingen
 
Co-Trainer Harry Gfreiter, der Memmingen-Experte.
 
Memmingens Trainer Thomas Reinhardt will, wie so viele seiner Kollegen, eine Überraschung.

Der Teufel steckt nicht nur im Detail, sondern auch im Allgäu. Die kommen immer so harmlos daher, Kluftinger lässt grüßen, und dann rauben sie dem Jahn die Punkte – wie Rain am Lech. Noch dazu neigt der SSV dazu, es den Bayern im Stolpern gleichzutun. Klein-München blamierte sich bei Greuther-Fürth (2:3), Regensburg muss es am Freitag, 19.30 Uhr, in Memmingen erst mal besser machen.

„Wir freuen uns auf ein Heimspiel gegen so eine traditionsreiche Mannschaft wie Jahn Regensburg“, trägt Memmingens Trainer Thomas Reinhardt wenig Überraschendes zum Spieltag bei. „Es wird für uns eine riesige Herausforderung, aber wir wollen alles geben, um möglichst für eine Überraschung zu sorgen.“ Auch wenn der Allgäu-Airport dazu einlädt: Abheben sollte bei Regensburg keiner, bevor die Ernte eingefahren ist.

Der ältere Fan erinnert sich beim Gedanken an die Bayernliga-Mannschaft schlechthin noch an gefühlte hundert 0:0-Pannen. Immerhin, die jüngere Statistik spricht für den SSV: Den letzten Schwabenstreich gab‘s am 6. April 1996 (3:1 für Memmingen). In der Saison 2006/7 setzte sich Regensburg mit 3:1 und 4:1 durch.

Harrys Jugendjahre

Ob Harry Gfreiters intime Kenntnisse aus der idyllischen Oberschwaben-Stadt weiterhelfen? „Memmingen war zu Hause vor 20 Jahren schon eine Hochburg“, erinnert sich der Schütze eines 40-Meter-Tors an seine aktive Zeit in der D- und C-Jugend, ehe er zum FC Augsburg wechselte. Des einen Freud, des anderen Leid: Während man sich beim Jahn noch die Fäuste reiben kann über den Ausrutscher des Hauptkonkurrenten, rauft man sich in Memmingen die Haare – Fürth II rückt dadurch dem Tabellen-14. (15 Punkte, davon 13 zu Hause) auf die Pelle. Die Schwaben müssen also langsam liefern, um nicht in arge Nöte zu geraten.

Und Jahn-Trainer Christian Brand weiß: „Die sind sehr heimstark, physisch robuste Jungs, die geben keinen Zentimeter preis auf ihrer Sportanlage – das wird einmal mehr eine schwierige Aufgabe.“ Klar, in den Köpfen weiß jeder, wie das Spiel zu gewinnen ist: „Wir müssen viel zwingender spielen als in den vergangenen zwei Auswärtsspielen, müssen jede Woche wieder neu zeigen, dass wir zurecht Tabellenführer sind.“

„Unsere Power ausspielen“

Aber das forderte der Coach auch vor den weniger ruhmreichen Matches: „Wir haben zweimal Auswärtsspiele so erlebt, dass es nicht optimal lief“, gibt Brand zu. Aber: „Ich glaube ja, dass die Mannschaft auch in Rain am Lech und in Schalding-Heining gewinnen wollte, das ist nur nicht immer so einfach.“ Ihm selber gehe es da vor allem um die Haltung: „Wenn ich dann das Spiel am Freitag gegen die Bayern sehe und zuvor Schalding-Heining, da muss ich sagen, ,Jungs, da ist dann schon noch ein bisschen Luft nach oben‘.“

Die Messlatte setzen sich die Spieler jede Woche selber – und nach einem Spiel wie gegen die Bayern liege die natürlich hoch. „Wir müssen immer voll an die Grenze gehen. Ich erwarte einfach, dass man diese Gegner immer, immer voll bespielt – nur dann können wir unsere Power ausspielen, und dann gibt es nicht so viele offene Fragen, wer das Spiel gewinnt.“ Das sei ein Prozess, den die Mannschaft durchlaufen müsse – in Schalding-Heining sei das schon ein bisschen besser gewesen. „Und jetzt muss halt auch der nächste Schritt kommen.“

Ersatz fürs Kopfballungeheuer

Großes Rätselraten über die Aufstellung brach bei der Pressekonferenz nicht aus. Gut, „für Oli Hein, das neue Kopfballungeheuer, müssen wir einen finden, der sich da so reinschraubt wie der Oli am vergangenen Freitag“, kichert Brand ins Mikrofon. Denn der kleine Ausgleichsriese ist ja nun mal Gelb-gesperrt. Kein Problem, findet sein Chef: „Optionen gibt es genügend, da kann der Martin Tiefenbrunner ins Team rutschen.“ Oder man versuche es vorne mit dem Michi Faber oder dem André Luge.“ Der Rest ist Routine: „Ansonsten spielen die üblichen Verdächtigen.“

Zwischen Stamm und Nachrückern sehe er dennoch kein riesiges Gefälle: „Wir haben einige Jungs aus der U23 dabei, die brauchen einfach Zeit.“ Wenn sich Spieler verletzten, rückten die automatisch in den Fokus. „Der Kevin Hoffmann hatte zu Beginn relativ häufig gespielt, jetzt hatte er so ein kleines Tief auch körperlich, was auch völlig normal ist.“ Und auch wenn sich Brand im Sturm nach zuletzt eher mageren Resultaten Alternativen wünscht, kann er sich in der Frage nur wiederholen: „Wir machen da keine Schnellschüsse. Wenn ein Stürmer kommt, dann muss er auch wirklich weiterhelfen können.“

Stellengesuch: „Tabellenführer, volles Stadion, begeistert, sucht ...“

Dass dies bisher an mangelnder Attraktivität des Vereins gescheitert sein könnte, glaubt Brand eher nicht: „Wenn ich Spieler wäre, würde ich einfach mal hierher kommen.“ Die Vision: „Ich seh‘ das Stadion, ich seh‘ den Tabellenplatz, ich seh‘ die Begeisterung.“ Dritte Liga, schön und gut, aber wenn er zwischen einem Verein wie Regensburg oder einem x-beliebigen Drittliga-Verein, der vielleicht nur vor 3000 oder 4000 Zuschauern seine Heimspiele absolviere, wählen müsste: „Ja, dann würde ich mich vielleicht auch schon mal für Regensburg entscheiden.“ Aber wirklich.

Obwohl Brand das nicht immer beeinflussen könne, was die Spieler so dächten: „Es geht immer auch ein wenig ums Geld, und es ist natürlich einfach so, dass die Drittligavereine eine stärkere monitäre Kraft haben als wir hier in Regensburg.“ Aber man bedenke auch die Perspektive: „Klar, wir sind jetzt hier 2015/16, wir sind Tabellenführer in der Regionalliga – natürlich ist es unser Ziel, am Ende ganz oben zu stehen.“ Und was dann darüberhinaus passiert? „Puuh, da ist noch lange hin.“

Zu wenig bissig?

Einstweilen tut das Team gut daran, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen. Etwa mit der Kritik des Kaptitäns nach dem Bayreuth-Remis: „Es fehlt uns oft die Bissigkeit, Chancen zu verhindern“, bemängelte Markus Palionis. „Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison.“ Brand kann‘s nicht ganz nachvollziehen: „Ich sehe das nicht als unser Hauptproblem.“ Es habe schon Spiele gegeben, „wo wir gar nichts zuließen – gegen Illertissen, 1860 oder zu Hause gegen Schweinfurth.“ Wenn man angreife und angreife, komme eben auch mal der Gegner vors Tor.

Dass Leistungsträger wie Uwe Hesse etwas schwächelten, sei auch kein Beinbruch: „Ansonsten fand ich die Mannschaft ausgeglichen gut“, bilanziert er das Bayern-Erlebnis. „Vor allem in der zweiten Halbzeit haben wir den Gegner an die Wand gedrückt – ich glaube nicht, dass das in dieser Saison noch einer Mannschaft gelingt.“ Nach dem Video-Studium sei er beeindruckt gewesen, mit welcher Wucht die Mannschaft aufgetreten sei: „Das ist auch fürs Selbstbewusstsein extrem wichtig, dass die Jungs sehen, hej, wenn wir den Hebel umlegen, wenn wir mal richtig aufs Gaspedal drücken, dann wird‘s einfach für alle schwierig.“ Das nächste Ziel: „Dass das von Anfang an geht.“

Alles dreht sich

Fast surreal beschreibt Christian Brand die Atmosphäre: „Das ausverkaufte Stadion ist schon gut, aber wenn man da an der Linie steht, man nimmt da nur – wie kann man sich das vorstellen? – alles dreht sich relativ schnell, und man sieht die einzelnen Köpfe nicht, sondern man sieht eine Mischung aus Farben, man sieht ganz ganz viele Farben drumherum und es ist so ein Flirren in der Luft.“ Super-Stimmung und Spitzenspiel passten einfach zueinander: „Ich dachte, wow, die Jungs, die drücken jetzt echt das Gaspedal durch und sie hören nicht auf, sie hören einfach nicht auf mit dem Druck.“

Die eigentliche Herausforderung: Nach so einem Spiel wieder am Boden ankommen. Das 2:3 der Bayern in Fürth beweise, wie schwierig das sei: „Das Spiel gegen uns hat relativ viel Kraft gekostet, sowohl physisch als auch psychisch.“ Und dann sei die Liga eben auch unberechenbar, weil es immer wieder veränderte Rahmenbedingungen gebe: „Mal spielt Nürnberg plötzlich mit dem Andi Wolf in der Innenverteidigung und Greuther-Fürth lässt fünf Profis auflaufen.“

„Macht im Allgäu“ vs. Bäff

Mit einem vollen Haus rechnet trotz des hohen Gastes nach zuletzt eher lauem Besuch in der Arena an der Bodenseestraße keiner. Aber immerhin: Aus Regensburg haben sich einige Fanbusse angekündigt, die rund 200 motivierte Gästeanhänger mitbringen. Und vor dem Spiel möchte Kevin Prinz mit der FCM-Hymne „Die Macht im Allgäu“ nochmal den Anspruch der Schwaben gesanglich unterstreichen. Gut, dass Regensburg mit Bäffs Jahn-Song dagegenhalten kann.

Viele fragen sich, ob Josef Piendl nach Bob Dylan der zweite Singer-Songwriter ist, der für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird – mit einem Text der das ganze Spannungsfeld von regionaler Identität und familiärer Zerrissenheit umreißt: „Ich lieb die Donau, ich lieb den Dom, ich lieb den SSV, den Stolz der Region – lieb meine Kinder und meine Frau, doch am meisten lieb ich den SSV.“ Hier fällt unseres Erachtens die lyrische Grundstimmung der Allgäu-Hymne doch ab:

„Wir sind die Macht im Allgäu – FCM
Mit unsern Fans gemeinsam – FCM
Wir geben nie auf – wir gehn mit der Zeit
Für diesen Moment – zu allem bereit
Wir sind die Macht im Allgäu – FCM.“