Fußball
Klopp-Show erst zur Nachspeise

Obwohl seine Blinddarm-Operation noch keine zwei Wochen her ist, schonte sich Jürgen Klopp an der Seitenlinie nicht. Die mäßige Leistung seines FC Liverpool ließ ihn mehrmals vulkanartig explodieren. Bilder: dpa (5)
Sport
Bayern
19.02.2016
2054
0
 
Englands Nationalstürmer Daniel Sturridge ging gegen FCA-Abwehrchef Ragnar Klavan mehrmals zu Boden. Der Este hielt die Augsburger Beton-Abwehr konsequent zusammen.
 
Wir wollten kein Gegentor kassieren, das ist uns gelungen. Wir wollten gewinnen, das hat nicht ganz geklappt. Aber uns reicht in Liverpool jetzt ein Unentschieden.

Zugegeben: Das Duell zwischen dem FC Augsburg und dem FC Liverpool in der Zwischenrunde der Europa-League bot, bei allem Einsatz der Gastgeber, fußballerisch eher Magerkost. Dafür entschädigte ein klopp'scher Leckerbissen bei der Pressekonferenz.

Augsburg. So etwas hatte der FC Augsburg selbst beim Gastspiel des FC Bayern München am vergangenen Sonntag nicht erlebt. Der Pressekonferenz-Raum platzte aus allen Nähten. Und das aus einem einzigen Grund: der erste Auftritt von Kult-Trainer Jürgen Klopp in Deutschland seit seinem Wechsel auf die Insel zum FC Liverpool. Dutzende TV-Kameras, unzählige Fotografen, zahlreiche britische Journalisten und sogar Reporter aus Klopps schwäbischer Heimat warteten auf den Ex-Dortmunder nach dem torlosen Remis im Hinspiel im Sechzehntel-Finale der Europa-League.

Das Fachpersonal war sich uneins, wie es um Klopps Laune bestellt sein würde: zufrieden ob der guten Ausgangslage für das Rückspiel nächsten Donnerstag, oder mürrisch ob der doch sehr dürftigen Vorstellung seiner Pfund-geschwängerten Star-Truppe. Die PK geriet dann auch zu einer dieser Shows, denen Klopp seinen Kultstatus verdankt. Ein genialer Schachzug der Augsburger Geschäftsstelle war es, Klopp zu Beginn eine große Breze zu reichen, die er im Vorfeld als landestypisches Muss für seine Spieler auserkoren hatte. "Ich bin natürlich nicht superglücklich über unsere Performance, wir können besser spielen, aber wir haben auswärts kein Tor kassiert - und das galt schon immer als oberste Priorität in der Europapokal-Arithmetik", sagte Klopp in fließendem Englisch. Er antwortete immer in der Sprache, in der ihm eine Frage gestellt wurde.

Als ein britischer Reporter wissen wollte, warum Liverpool denn nicht besser gespielt hätte, verdrehte Klopp erstmals die Augen. "Ich habe immer wieder den Eindruck, ihr britischen Journalisten zollt der Bundesliga zu wenig Respekt. Mal eben nach Augsburg fahren, dort 5:0 gewinnen und dann ein bedeutungsloses Freundschafts-Rückspiel an der Anfield Road? Das ist realitätsfern. Ihr solltet mehr Bundesliga schauen. Ach geht ja nicht, weil ihr ja ständig Premier League schauen müsst", antworte er augenzwinkernd. So langsam kam Klopp in Fahrt. Zur Zielscheibe seiner situationsbedingten Pointen geriet der Dolmetscher. Angesprochen auf den 2:0-Sieg seiner ehemaligen großen Liebe Borussia Dortmund gegen den FC Porto, sagte Klopp: "Sie stehen ja quasi schon mit einem Bein in der nächsten Runde, aber, und jetzt bin ich gespannt wie du das übersetzt, in Porto hängen die Trauben bekanntlich sehr hoch."

"Dreamland"


Er lehnte sich zurück, blickte grinsend in die Journalisten-Schar und schielte zum Übersetzer. Als der dann etwas von "Dreamland" murmelte, in dem sich Dortmund jetzt befände, unterbrach ihn Klopp: "What? Die Trauben hängen hoch heißt ,Dreamland'?" Der Brite entgegnete, dass er das Sprichwort nicht kenne und ob Klopp es nicht selbst übersetzen wolle. "Ja keine Ahnung, ich weiß das nicht, das ist dein Job. Aber es bedeutet, dass es für Dortmund in Porto noch sehr schwierig werden kann", antwortete Klopp. "It's gonna be a very difficult job for Dortmund", sagte darauf der Dolmetscher, woraufhin ein typischer, lauter Klopp-Lacher schallendes Gelächter unter den Journalisten auslöste. Ein Reporter aus Klatten, Klopps baden-württembergischer Heimat, erlaubte sich eine "emotionale Frage", wann der Exil-Liverpooler denn wieder einmal in seiner Heimat anzutreffen wäre. "Sehr emotionale Frage", entgegnete Klopp breit grinsend. Wenn es wieder einmal so weit ist, besuche er seine Mutter und Schwestern und keine Journalisten. "Aber das kann noch dauern, so viel wie wir derzeit unterwegs sind." Daraufhin beendete Klopp die Fragerunde und murmelte beim Rausgehen noch kopfschüttelnd "Dreamland", während er genüsslich sein Brezen-Geschenk aß.

Klopp'sche Pointe


Ihm folgte Augsburgs Trainer Markus Weinzierl nach, der voll des Lobes für seine Mannschaft war: "Wir haben eine hervorragende Ausgangslage für das Rückspiel erreicht. Wir wollten kein Gegentor kassieren, das ist uns gelungen. Wir wollten gewinnen, das hat nicht ganz geklappt. Aber uns reicht in Liverpool jetzt ein Unentschieden. Auch wenn wir natürlich wissen, dass dort die Trauben hoch hängen." Wieder schallendes Gelächter im Medienraum, der schon nicht mehr so brechend voll war, wie noch zu Klopps Ausführungen.

Wir wollten kein Gegentor kassieren, das ist uns gelungen. Wir wollten gewinnen, das hat nicht ganz geklappt. Aber uns reicht in Liverpool jetzt ein Unentschieden.Augsburgs Trainer Markus Weinzierl

Einziger Wehmutstropfen aus Augsburger Sicht war die Verletzung von Raul Bobadilla, der nach 22 Minuten mit einer Oberschenkelblessur vorzeitig vom Feld musste. Gerade im Hinblick auf das so wichtige Spiel am Sonntag gegen das Bundesliga-Schlusslicht Hannover 96 (Anstoß: 17.30 Uhr) wäre ein Ausfall des gefährlichsten Angreifers nur schwer zu kompensieren. Die Partie gegen den englischen Traditionsverein machte einmal mehr deutlich, wo beim FCA der Schuh drückt. Obwohl Liverpool mit Mahmadou Sakho und Kolo Touré zwei semi-bewegliche Innenverteidiger der Marke "Türsteher" aufbot, verwehrten sie dem Augsburger-Offensiv-Quartett Tobias Werner, Alexander Esswein, Halil Altintop und Caiuby (spielte nach Bobadillas Ausfall in vorderster Reihe) mit simplem Stellungsspiel den Zutritt zum Strafraum.

Teures Trio


Eine einzige gefährliche Offensivaktion in den ersten 45 Minuten von Werner verdeutlichte das Dilemma. Vor allem weil Liverpool von klopp'schem Power-Fußball Dortmunder Prägung so weit entfernt war, wie Augsburg vom Meistertitel in der Bundesliga. Zwar verteidigte der Underdog leidenschaftlich und Abwehrchef Ragnar Klavan hielt den Defensiv-Verbund lückenlos zusammen. Doch der fehlende Mut, schneller umzuschalten und zielstrebiger Richtung Torabschluss zu spielen, könnte im Rückspiel noch teuer zu stehen kommen. Was soll da erst Jürgen Klopp sagen? Sein Sturm-Trio Roberto Firmino, Daniel Sturridge und Philippe Coutinho ist zusammen so viel wert, wie der gesamte Kader der bayerischen Schwaben.

Und während Augsburg eben wie ein Tabellen-14. der Bundesliga spielte, hob sich Liverpool davon während der gesamten Spielzeit nie deutlich ab. Für den FCA war es das bisher größte Spiel der Vereinsgeschichte. Das war im Umfeld deutlich zu spüren und die Fahnen-Choreographie über alle Tribünen hatte Champions-League-Format. Dagegen vermittelten Liverpools Kicker den Eindruck, als sei der Augsburg-Trip für sie eine lästige Pflichtaufgabe inmitten einer wahren Wulst an Spielen (Premier League, FA-Cup, Carling Cup, Europa-League). Wenn sich diese Vorzeichen bis zum Rückspiel nicht ändern und die Weinzierl-Elf mit mehr Mut im Angriffsspiel auftritt, dann muss Augsburg das Motto der internationalen Premiere "In Europa kennt uns keine Sau" bald ändern: "Jetzt kennt uns jede Sau."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.