Analyse: So nutzen die Bundestagsabgeordneten aus der Oberpfalz Facebook, Twitter & Co.
Aktiver Bürgerdialog im Netz

Über 95 Prozent der 631 Bundestagsabgeordneten haben mindestens ein Profil in den sozialen Netzwerken. Bild: dpa
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Bayern
13.02.2015
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Von Martin Fuchs

Die deutsche Politik ist im Internet und insbesondere in den sozialen Netzwerken angekommen. Noch nie gab es so viele Politiker, die ihre Positionen twitterten, auf Facebook aktiven Bürgerdialog betreiben oder via Google-Hangouts mit ihren Wählern Videochats veranstalten. Doch wie nutzen die Abgeordneten aus der Oberpfalz Social Media? Eine Analyse.

Über 95 Prozent der 631 Bundestagsabgeordneten haben mindestens ein Profil in den sozialen Netzwerken (Link zum Bericht). Lediglich 29 Parlamentarier verzichten aktuell auf diesen Kanal und kommunizieren ausschließlich auf dem klassischen Weg.

Den Regierungsbezirk Oberpfalz vertreten acht Abgeordnete in Berlin, sechs von der CSU und zwei von der SPD. Sechs von ihnen sind im Web 2.0 mit Präsenzen vertreten (Link zur Übersicht). Dies entspricht 75 Prozent und liegt somit weit unter dem Durchschnitt des gesamten Bundestages. Marianne Schieder (SPD) und Reiner Meier (CSU) verzichten auf die Nutzung von Social Media. Selbstverständlich ist ein Profil auf Facebook oder Youtube im Jahr 2015 kein Muss für einen Bundespolitiker.

In meinen Augen ist der Verzicht aber fast fahrlässig. Knapp 800.000 Bürger aus der Oberpfalz sind online, davon nutzen über 600.000 Social Media (Link zum Social-Media-Atlas 2014) und immer mehr informieren sich im Netz und in den Netzwerken über Politik. Eine BITKOM-Studie aus dem Bundestagswahlkampf 2013 ermittelte, dass sich bereits über 60 Prozent der Wähler im Internet über politisches Geschehen informieren (Link zum Bericht), via Social Media taten dies damals bereits 35 Prozent der Gesamtbevölkerung und 55 Prozent der bis 29-Jährigen. Diese Zahlen dürften zwei Jahre später nochmals gestiegen sein.

Albert Rupprecht, Uli Grötsch, Philipp Graf von und zu Lerchenfeld, Barbara Lanzinger, Karl Holmeier und Alois Karl sind in sozialen Netzwerken präsent (von links oben). Reiner Meier und Marianne Schieder sind dort nicht aktiv.

Dies zeigt sehr deutlich, dass sich das Informationsverhalten der Bürger in den letzten Jahren elementar verändert hat. Für politisch Aktive ist es wichtig, auch im Netz eine digitale Marke zu sein und sich – ähnlich wie im analogen Leben – digitale Communties (Gemeinschaften) aufzubauen. Zum einen können Politiker so einen eigenen unabhängigen Medienkanal etablieren, der es ihnen ermöglicht, direkt zu kommunizieren und ihre Ideen, Aktivitäten und Postionen an den Bürger zu bringen.

Zudem bieten sie so ein niedrigschwelliges Kontaktangebot und können auf einfache Weise die Bürger auch zwischen den Wahlen an sich binden. Die Erfahrung vieler Politiker zeigt, dass immer weniger Menschen analoge Bürgersprechstunden oder politische Diskussionen im Wirtshaus zur politischen Meinungsbildung nutzen. Dies liegt zum einen an der immer mobiler werdenden Gesellschaft, die es Arbeitnehmern nicht mehr immer erlaubt, um 18 Uhr zu Veranstaltungen zu kommen oder sich stärker parteipolitisch zu engagieren. Zum anderen liegt das aber auch an der Abnahme parteipolitischer Bindungen.


Acht Abgeordnete vertreten die Oberpfalz in Berlin. Sechs von ihnen sind im Web 2.0 mit Präsenzen vertreten. Screenshot: Martin Fuchs

Das Internet ermöglicht es den Bürgern, sich zeitunabhängig, schnell und umfassend zu informieren und sich an Diskussionen zu beteiligen. Ein weiterer Vorteil von sozialen Netzwerken liegt zudem in deren Funktionsweise. Auch wenn man sich nicht für Politik interessiert, kommt man zum Beispiel bei Facebook zwangsläufig mit ihr in Kontakt: Dadurch, dass die eigenen Freunde politische Inhalte posten, Kommentare auf Partei- und Politikerseiten liken oder kommentieren, werden diese Inhalte ungefragt im eigenen Profil angezeigt (Zieh-Effekt) und erreichen somit auch politisch weniger Interessierte. Kein anderes Medium leistet diese Art der politischen Information und schafft dadurch ungewöhnlich hohe Reichweiten. Teilweise sind Reichweiten von mehreren Millionen Bürgern möglich, auch mit kleinen Fan- und Freundeskreisen, wie das Beispiel von MdB Profil Lars Castellucci (SPD) (Link zum Bericht "Wie Lars Castellucci auf Facebook Millionen Bürger mit Fakten erreichte") eindrucksvoll zeigt.

Gerade Nichtwähler informieren sich noch stärker als Wähler über das politische Geschehen online. Wenn man diese Bürger also wieder für Politik und Demokratie begeistern möchte, wäre eine zunehmende Kommunikation in den sozialen Netzwerken empfehlenswert. Nicht erst seit dem Aufkommen von Bewegungen wie Pegida, deren Anhänger sich von der Politik nicht mehr vertreten fühlen, muss Politik dahin gehen, wo die Bürger sind und genau dort Politik erklären und aufzeigen, wie beispielsweise politische Entscheidungen zu Stande kommen. Es reicht im Jahr 2015 nicht mehr aus, „nur“ inhaltlich zu arbeiten. Politik und deren Entstehung muss erläutert, erklärt und aktiv kommuniziert werden.

Die Abgeordneten der Oberpfalz



Screenshot: Facebook

Das beliebteste Netzwerk unter den sechs in Social Media aktiven Oberpfälzer Abgeordneten ist Facebook. Alle sechs Politiker sind mit einem Profil beim größten deutschen Netzwerk (28 Millionen Mitglieder) vertreten. Fünf mit einem privaten Profil und zwei mit einer für Politiker geeigneteren Fanseite: Albert Rupprecht und Uli Grötsch (Facebookseiten von Albert Rupprecht und Uli Grötsch). Zum Vergleich: Im gesamten Bundestag nutzen 93 Prozent der Volksvertreter Facebook. Durchschnittlich haben die Oberpfälzer Abgeordneten 1700 Freunde, die meisten hat mit aktuell 2204 Philipp Graf von und zu Lerchenfeld von der CSU (Facebookseite von Philipp Graf von und zu Lerchenfeld). Die durchschnittliche Fan-Anzahl liegt bei 1160.

Facebook: Wie unterscheiden sich Seiten von persönlichen Profilen?Seiten und persönliche Profile sind bei Facebook unterschiedlich aufgebaut und haben unterschiedliche Intentionen. Im Hilfebereich bei Facebook werden die Unterschiede kurz und verständlich erklärt: https://www.facebook.com/help/217671661585622

Wichtig zu wissen: Bin ich mit einem persönlichen Profil befreundet, kann ich die Updates des Profils lesen - und derjenige kann womöglich auch meine (privaten) Einträge bei Facebook sehen. Habe ich dagegen eine Seite abonniert, kann nur ich deren Updates sehen, die Seite / deren Betreiber aber nicht meine, außer ich poste mit der Einstellung "öffentlich sichtbar".



Screenshot: Facebook

Besonders erfreulich ist, dass alle genannten Parlamentarier das Netzwerk selbst aktiv nutzen, also kontinuierlich Postings veröffentlichen, sich an Diskussionen in den Kommentaren beteiligen und Aktuelles aus dem Politikerleben veröffentlichen. Was mir allerdings noch fehlt, ist die aktive Einbindung der Freunde und Fans. Offene Fragen und das aktive Einholen von Rückmeldungen zu aktuellen Diskussionen und Positionen finden so gut wie gar nicht statt.

Doch gerade diese Form der Meinungsforschung finde ich besonders spannend. Auch wenn man (bisher) nur einen bestimmten Ausschnitt aus der Wählerschaft auf Facebook erreicht, so geben die Rückmeldungen durchaus einen guten Hinweis auf die Stimmung und Meinung der Bewohner des eigenen Wahlkreises, die sich teilweise von der in Berlin gebildeten Position oder den Argumenten der eigenen Partei unterscheiden kann. Am besten macht dies noch Karl Holmeier, der aktuell mit einem Facebook-Gewinnspiel (Link zum Gewinnspiel) seine Freunde zur politischen Beteiligung erfolgreich motiviert hat. Neben Karl Holmeier gefallen mir aber auch die Facebook-Aktivitäten von Uli Grötsch (SPD) und Philipp Graf von und zu Lerchenfeld (CSU) gut.

Der Microbloggingdienst Twitter, der in der Bundespolitik von über 50 Prozent der Politiker genutzt wird, wird in der Oberpfalz von keinem einzigen Abgeordneten genutzt. Uli Grötsch (SPD) verfügte bis August über einen Twitter-Account. Leider blieb die mehrfache Nachfrage, warum er diesen gelöscht hat, bisher unbeantwortet. Dies lässt vermuten, dass eine fehlende Kommunikationskultur und -bereitschaft unter den Oberpfälzer Abgeordneten einer der Gründe für die nur unterdurchschnittliche Nutzung der sozialen Medien sein kann.

Neben diesen beiden Netzwerken sind die sechs Parlamentarier zudem noch auf der Videoplattform YouTube (3), dem Karrierenetzwerk XING (2) sowie Google+ und dem Fotonetzwerk Flickr (jeweils 1) aktiv.

Bei vielen Volksvertreten hatte ich allerdings das Gefühl, dass diese sich für ihre Aktivitäten im Social Web schämen, nur die allerwenigsten präsentieren die Accounts prominent auf der Startseite ihrer Website. Einige verzichten ganz auf eine Verlinkung auf ihrem gesamten Webangebot. Warum? Nur, wenn man die Profile und Seiten auf allen Offline-Materialien und breit im Netz bekannt macht, kann man auch seine Community entsprechend vergrößern.

Insgesamt sehe ich bei allen Bundestagsabgeordneten noch viel Verbesserungspotential, insbesondere was die Vergrößerung von Reichweiten, die Dialogbereitschaft und den Aufbau einer mobilisierbaren Gemeinschaft angeht. Da sind viele Kollegen schon weiter, nicht nur aus urbanen Wahlkreisen, sondern auch in Bayern zum Beispiel unter den Landtagsabgeordneten (Link zur Übersicht) und auf kommunaler Ebene.

Über den Autor: Martin Fuchs
Martin Fuchs berät Politik und Verwaltung in digitaler Kommunikation. Zuvor war er Politik- und Strategieberater in Brüssel und Berlin. Seit 2008 ist er Lehrbeauftragter für Public Affairs an der Universität Passau und Dozent für Social Media und Politik an weiteren Hochschulen. Zudem ist er Gründer der Social-Media-Analyse-Plattform www.pluragraph.de und bloggt über Social Media in der Politik unter www.hamburger-wahlbeobachter.de. Er ist Kolumnist des Fachmagazins "politik & kommunikation" und wird als Experte zum Thema Social Media und Politik oft in den Medien zitiert (Martin Fuchs in den Medien).