Angehörige um Suizid
Wenn die Welt zerbricht

Agus-Geschäftsführerin Elisabeth Brockmann. Bild: gis
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Bayern
14.05.2016
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Familie - das klingt nach Geborgenheit, Kinderlachen, Vertrautheit, Füreinanderdasein, nach verschworener Gemeinschaft, nach einem Stück heile Welt. Aber was ist, wenn die diese Welt zerbricht? Wenn sich ein geliebter Mensch das Leben nimmt?

Mehlmeisel. "Diese funktionierende Welt droht dann oftmals zu zerbrechen. Es ist ein Schicksalsschlag, ein Schock, der die Gemeinschaft in eine schwere Krise stürzt. Nichts ist mehr wie vorher", sagt Elisabeth Brockmann. Die Sozialpädagogin ist seit 16 Jahren hauptamtliche Geschäftsführerin des Vereins Angehörige um Suizid (Agus) und Leiterin der Agus-Bundesgeschäftsstelle. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, koordiniert Gruppen, bildet Gruppenleiter aus und fort, ist Ansprechpartnerin für Betroffene sowie Interessierte und gerne bereit, zum "Tag der Familie" Antworten zu geben

Womit haben Betroffene am meisten zu kämpfen, wenn sie einen angehörigen durch einen Suizid verloren haben?

Elisabeth Brockmann: Alles, was richtig und wichtig erschien, kommt ins Wanken - auch das eigene Bild und das Bild des Verstorbenen. Die hinterbliebene Familie müsse oftmals im Freundes- und Bekanntenkreis gegen Schuld-Vorurteile ankämpfen: Ein Suizid kann aber in allen Familien geschehen, auch dort, wo offen und vertrauensvoll miteinander umgegangen wird.

Gibt es keine Risikogruppen, Familienkonstellationen, in denen Suizide häufiger vorkommen?

Überhebliches Gerede, wie "Bei uns kann so was nicht passieren" kann ich nicht hören. Das stimmt einfach nicht. Dieses Schicksal kann auch einen starken Familienbund treffen.

Ist es für eine große Familie leichter, mit so einem Ereignis umzugehen?

Es schweißt die Familie nicht zusammen, denn jeder trauert anders, jeder hatte eine eigene Beziehung zu dem Verstorbenen. Wenn sich Mutter, Vater, Partner, Tochter oder Sohn das Leben nehmen, kommt das Familien-Mobile ins Schwanken. Und jeder muss sich einen neuen Platz suchen. Das braucht Zeit. Oftmals werden aber Geschwister in der Trauer weniger wahrgenommen. Deshalb bietet Agus nicht nur für Eltern und Partner, sondern auch für Geschwister Seminare an.

Gibt es typische Warnsignale, die Angehörige bemerken können?

Eindeutiges Warnsignal ist, wenn jemand andeutet, dass er nicht mehr leben will oder bereits einen Suizidversuch unternommen hat. Erkennbare Warnsignale gibt es aber nicht immer. Und oft kommt der Suizid, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Oft lassen sich Verhaltensweisen des Verstorbenen erst später als Warnsignal einordnen.

Wie reagiert man, wenn man sich Sorgen um einen Angehörigen macht?

Wenn man sich Sorgen macht, dann den Angehörigen offen, direkt und konkret ansprechen: "Du, ich sorge mich um Dich. Denkst Du daran, Dir das Leben zu nehmen?" Hilfreich kann auch sein, gemeinsam Möglichkeiten zu suchen, wie das Leben lebenswert werden kann.

Wie soll man mit Menschen umgehen, von denen man weiß, dass sie einen Angehörigen verloren haben?

Genau wie bei einer anderen Todesart. Im Vordergrund steht: Es ist ein Mensch verstorben. Sprechen Sie Betroffene an, blenden Sie keinesfalls das Geschehene aus. Erinnern Sie an schöne Erlebnisse mit dem Verstorbenen, die unser Leben reicher gemacht haben. Auch in der Dankbarkeit hat er einen guten Platz.

Was ist weiterhin wichtig?

Kinder nicht belügen: Sinnvoll ist ein offenes Gespräch mit einem Elternteil oder einem Vertrauten. Die persönliche Verabschiedung von denen, die sich das Leben genommen hat. Sie sehen häufig meist friedlich aus, was tröstlich ist für die Hinterbliebenen.

Unterstützung suchen bei Menschen, die Leid mittragen helfen, bei der Kirche, beim Pfarrer, die sich um die Seele sorgen und besonders bei Menschen, die Ähnliches erlebt haben, wozu Agus mit seinen Selbsthilfegruppen einlädt und kompetente Hilfe gibt: mit kostenloser Einzelberatung, per Telefon oder per Mail - für Betroffene und für alle, die ihnen helfen möchten.

HintergrundDer bundesweit 800 Mitglieder zählende Agus-Verein wurde vor 20 Jahren gegründet, die Agus-Initiative vor 25 Jahren - von einer Betroffenen, die ihren Ehemann durch Suizid verloren hat und kaum Unterstützung bekam. Agus hat mittlerweile über 5000 direkte Kontakte - nicht nur von Mitgliedern.

Elisabeth Brockmann freut es besonders, dass es 60 Agus-Selbsthilfe-Gruppen gibt, vor zehn Jahren waren es noch knapp die Hälfte. "Gott sei Dank wird Suizid immer häufig thematisiert und es findet viel Aufklärung über die Hintergründe statt."

In Bayern haben sich im Jahr 2013 1727 Menschen (1258 Männer, 467 Frauen) das Leben genommen, im gesamten Bundesgebiet 10 076 (7449 Männer und 2627 Frauen). Agus ist erreichbar unter Telefon 0921/1500380, www.agus-selbsthilfe.de, E-Mail: agus-selbsthilfe@t-online.de

Die Suizidquote im Jahr 2013: in Deutschland bei 12,5 pro 100 000 Einwohner, Bayern 13,7 pro 100 000 Einwohner. Den höchsten Wert hatten damals Sachsen-Anhalt (16,6) und Sachsen (16,3), die nierigsten wiesen Berlin (10,2) und Nordrhein-Westfalen (9,8) auf. Quelle: Statistisches Bundesamt. (gis)
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