Aufräumen nach der Flut in Niederbayern
Existenz in Trümmern

Verschlammte Gläser und Konservendosen in den Räumen einer Bäckerei. Bild: dpa
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Bayern
07.06.2016
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Die Schlammwelle aus Wasser, Dreck und Geröll rauschte ohne Vorwarnung durch Simbach am Inn, floss durch Hunderte Häuser. Nachdem die Gebäude nun leergeräumt sind, steht eine erste Begutachtung des Schadens an. Wer nicht versichert war, kann derzeit nur hoffen.

Simbach am Inn. Georg Mitterer steht vor den Trümmern seiner Existenz. Seit 37 Jahren betreibt der 65-Jährige in Simbach am Inn einen Plattenladen. Die verheerende Flutwelle hat alles zerstört. Dabei ist er noch glücklich, mit dem Leben davongekommen zu sein. "Ich war im Urlaub. Hätte ich im Laden gestanden, wäre ich jetzt tot", sagt Mitterer.

Am Mittwoch war der nur wenige Meter entfernte Bach über die Ufer gerauscht - in der Sturzwelle riss er auch das Holzlager eines Sägewerkes durch den Ort. Sieben Menschen starben. "Augenzeugen haben mir berichtet, dass innerhalb von zwei Minuten der Laden bis zur Decke mit Schlamm und Holz gefüllt war", erklärt Mitterer. Wie eine Abrissbirne sei das Holz in das Haus geschlagen. Nur eine LP und eine Single konnte er retten: "Keine Macht für Niemand" von der Band "Ton, Steine, Scherben" und "Night Fever" von den "Bee Gees". Die restlichen Schallplatten, CD's, DVD's, Regale, Computer und Möbel liegen nun auf einem riesigen Dreckhaufen auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der Musikliebhaber, der sich selbst und sein Geschäft als "Dinosaurier" bezeichnet, wühlt ein zerbrochenes Bild von Jimi Hendrix heraus und sieht dann eine CD. Auf dem Cover lädt Alice Cooper ein: "Welcome to My Nightmare" (Willkommen in meinem Alptraum) - "Irgendwie passend", sagt Mitterer und lacht. Seinen Humor hat er angesichts eines geschätzten Schadens von 70 000 Euro nicht verloren.

Hoffen auf Härtefall


"Eine Hochwasserversicherung hätte mich 1000 Euro im Monat gekostet. Das konnte ich mir nicht leisten", betonte der 65-Jährige. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kompagnon Michael Haberl hofft er auf Unterstützung der großen Plattenfirmen oder Gelder von der Regierung. Vor drei Jahren hatte der Bund nach dem Jahrhunderthochwasser an der Donau den nicht versicherten Menschen mit umfangreichen Programmen und Härtefällefonds geholfen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte den Betroffenen in Simbach am Inn nach einem Besuch am Wochenende ähnliche Maßnahmen zugesagt.

Gegenüber von Mitterers zerstörtem Laden sitzt Nicole Lex an einer zerborstenen Schaufensterscheibe und wälzt in den Versicherungsunterlagen. Ihr Ehemann Andreas zeigt derweil dem Versicherungsvertreter das Ausmaß der Zerstörung. Durch das an einen Buchhändler verpachtete Geschäft ist die schlammige Flutwelle einfach durchgeschossen. "Ich habe zum Glück noch eine Elementarversicherung bekommen. Und die Risikoeinschätzung für das benachbarte Wohnhaus konnte ich erst vor einem Monat verbessern", erklärt der 44-Jährige.

Die Familie hatte gleich in mehrfacher Hinsicht Glück. Als der Simbach am Mittwoch anstieg, fuhren sie rasch die Autos weg und wollten das Erdgeschoss noch leerräumen. "Dann ging alles rasend schnell. Es kam eine Welle vom Garten her und das Erdgeschoss war innerhalb von zwei Minuten bis zur Decke gefüllt", schildert Nicole Lex.

Mit den beiden 15 und 12 Jahre alten Kindern flüchtet das Ehepaar in die erste Etage. Dort sehen sie, wie riesige Holzmengen und ein aufgeschwemmter Container nur einen Meter an dem Haus vorbeirauschen. Die Familie setzt einen Notruf ab und steht bereits auf der Warteliste für die Luftrettung mithilfe eines Hubschraubers. "Dann ging das Wasser aber schnell zurück und wir konnten rauslaufen. Die letzten Nächte haben wir bei den Schwiegereltern verbracht", erzählt die 39-Jährige.

Güllefass im Dauereinsatz


Tage später sind die Räume in den beiden Häusern leer. An den Wänden und Decken erinnern nur noch grau-braune Streifen an die Katastrophe. Ein Landwirt fährt ein letztes Mal mit seinem Güllefass davon. Er hat den etwa 70 Zentimeter hoch stehenden Schlamm aus dem Keller gepumpt. "Das musste schnell gehen. Wenn der Dreck erst einmal hart geworden ist, geht nichts mehr", erklärt Landwirt Gerhard Schacherbauer, der mit Pumpe und Güllefass drei Tage im Dauereinsatz war.

Familie Lex ist mit dem Leben davongekommen und versichert. Ob ihr Wohnhaus stehenbleiben kann, ist aber noch nicht klar. Teile des Fundamentes wurden unterspült, die Statik muss überprüft werden und die mit speziellen Styroporkügelchen gefüllten Ziegelsteine müssen möglicherweise ausgetauscht werden. Es wird Monate vergehen, bis Familie Lex und auch Georg Mitterer wieder aufatmen können. Dabei sind sie nur zwei Beispiele. Insgesamt wurden mehr als 500 Häuser im Landkreis von der Flutwelle beschädigt.
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