Bayerische Hilfsorganisationen werben um Nachwuchs
Helden von nebenan - Vom Selfie zum Helfie

Schon zu Lebzeiten unsterblich: Bayerische Hilfsorganisationen setzen ihren Ehrenamtlichen ein "Denkmal". Screenshot: Helfernetz
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Bayern
28.08.2015
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(uax) Hochwasser, Brände, Unfälle: immer mehr Einsätze und immer weniger Ehrenamtliche. Hilfsorganisationen erreichen bald ihre Belastungsgrenzen. Damit es auch in Zukunft eine ausreichende Zahl an helfenden Händen gibt, gehen die Organisationen neue Wege und setzen ihren "Helden" ein Denkmal.

Weiden/Amberg/Regensburg. Sechs Organisationen, ein Ziel: Im Helfernetz Bayern suchen der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), das Bayerische Rote Kreuz (BRK), die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die Johanniter-Unfallhilfe, der Malteser Hilfsdienst und das Technische Hilfswerk (THW) gemeinsam Nachwuchs für das Ehrenamt. Mit einer Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsschutz (ARGE BvS), einer Internetkampagne und live auf Bayerntour.

"Es geht um die Zukunft des Ehrenamtes in den beteiligten Organisationen", beschreibt Sprecher Raimund Heiny die Aktion. Der demografische Wandel bereite nicht nur Sportvereinen und Schulen Kopfzerbrechen, viel "fataler" wirke er sich in den Hilfsorganisationen aus. Sie könnten ohne die Ehrenamtlichen in den eigenen Reihen die Aufgaben wohl nur noch schwer oder im schlimmsten Fall überhaupt nicht mehr meistern. "Wir haben erkannt, dass wir rechtzeitig etwas tun müssen. Gemeinsam."

Sechs Organisationen, die alle ähnliche Aufgaben wahrnehmen, scheinbar Konkurrenten sind und gemeinsam um den dringend benötigten Nachwuchs werben. Das klingt für manche im ersten Moment nach Verzweiflungstat. "Wir arbeiten auf der operativen Ebene, also im Einsatz, seit langem sehr gut zusammen. Da gibt es keinen Futterneid", erklärt Heiny die Nachwuchskampagne. Jeder Interessierte solle auf diese Art seine persönliche "Heimat in einer Organisation" finden können. "Die Unterschiede sind zwar vorhanden, aber relativ klein."


Helfer erzählen in einer Galerie ihre ganz persönliche Geschichten.

Vom Selfie zum Helfie


Ein Großteil der Kampagne läuft über das Internet und die Kommunikationsplattformen Facebook , Twitter , Instagram und Google+ . Raimund Heiny: "Wir gehen bewusst in die Bereiche, auf denen unsere Zielgruppe unterwegs ist." Interessierte zwischen 16 und 35 Jahren sind laut Heiny besonders in den sogenannten "Social Media" aktiv. "Genau dort wollen wir sie erreichen." In einer Helfergalerie berichten Ehrenamtliche über sich und das, was sie erlebt haben. Sie erzählen ihre ganz persönliche Geschichte und was sie antreibt. Egal ob Mann oder Frau, egal ob seit 6 oder 41 Jahren dabei. Die Organisationen setzen auf die Glaubwürdigkeit ihrer Mitglieder und deren Vorbildcharakter im Dienste der guten Sache. Keine abstrakten Aufgabenbeschreibungen, sondern Erlebnisse von Menschen aus der Nachbarschaft. So sollen und können sich die Ehrenamtlichen eine Art virtuelles Denkmal setzen. Die Internetseite begrüßt die Besucher in diesem Sinne mit "Schon zu Lebzeiten unsterblich". Dazu genügt es, einen Fragebogen auszufüllen, ein Bild von sich zu machen und unter dem Schlagwort #bayernhelfie auf einer der genannte Plattformen zu veröffentlichen (Link zur Anleitung).


Kickboxweltmeisterin Dr. Christine Theiss ist Mitglied in einer Rettungshundestaffel und setzt sich für die Nachwuchskampagne ein. Bild: Ursula Düren⁄dpa

Schlagkräftige Unterstützung


Wenige Wochen nach dem Start der Kampagne gibt es rund 40 "Unsterbliche" und deren Geschichten zu sehen. Geordnet nach Organisation oder Regierungsbezirk. "Das ist definitiv noch ausbaufähig. Aber es ist eben auch ein guter Anfang", meint Raimund Heiny. Schließlich sei man eben erst online gegangen, habe noch nicht besonders für die Aktion "getrommelt". Damit sich das ändert, geht das Helfernetz auf Tour in die Regierungsbezirke und vorerst in die größeren Städte. In München, Würzburg, Nürnberg, Regensburg und Augsburg werden darüber hinaus Statuen aufgestellt, die den Helfer symbolisch als Held darstellen. Am Samstag, 29. August, war Tourstopp in Regensburg. Mit dabei war unter anderem Kickboxweltmeisterin Dr. Christine Theiss. "Das wohl schlagkräftigste Argument für das Eherenamt", schmunzelt Raimund Heiny. "Sie hat ohne zu zögern zugesagt. Sie ist Mitglied in einer Rettungshundestaffel und kennt die Materie sehr genau." Am 5. September werben die Organisationen dann in Nürnberg für die Aktion.

Drei Fragen an Kickbox-Weltmeisterin Christine Theiss


Wie überzeugen Sie Menschen von ehrenamtlicher Arbeit? Welchen Nutzen haben sie davon?

Christine Theiss: Das Aufgabenfeld ist attraktiv und vielfältig - mehr als nur Hilfe im Altenheim oder im Sanitätsdienst. Und es wird künftig noch mehr Einsatzmöglichkeiten geben, beispielsweise um Flüchtlinge zu betreuen und sie zu integrieren. Die Zahl von 800.000 Asylbewerbern, die Deutschland allein in diesem Jahr erwartet, ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Jeder sollte überlegen, was er tun kann. Unter den Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbänden brauchen wir kein Konkurrenzdenken, sondern neue Ideen, um junge Menschen einzubinden. Für andere Menschen da zu sein, lohnt sich und gibt einem viel zurück.

Braucht ehrenamtliche Arbeit bessere Rahmenbedingungen?

Christine Theiss: Freiwillige brauchen zunächst Dank und Respekt für das, was sie leisten. Wir wollen nicht blöd angemacht werden, wenn wir bei Einsätzen einen Rettungshund dabei haben und mit ihm über eine Wiese gehen oder wie wir unsere Fahrzeuge abgestellt haben. Es sind Menschen, die ihre Freizeit für andere opfern. Es reicht eben nicht aus, nur Steuern zu zahlen. Wer Geld hat, soll Geld geben. Wer Zeit hat, soll Zeit geben. Wünschenswert wäre eine Freistellungspflicht für Ehrenamtliche aller Bereiche - momentan gilt sie nur für bestimmte Bereiche wie zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr. Bisher muss ein Arbeitgeber sie nicht aus dem Job lassen, wenn sie zum Einsatz gerufen werden.

Gibt es Erfahrungen aus Ihrer sportlichen Karriere, die Sie freiwilligen Helfern weiter geben können?

Christine Theiss: Auch wenn Kickboxen eine Einzelsportart ist, habe ich einige Erfahrungen mitgenommen. Erstens: Ich mache es nicht allein für mich, das gilt für Mannschaftssport noch viel mehr. Zweitens: Man braucht Beharrlichkeit im Leben, egal ob im Beruf oder in der Freizeit. Drittens: Es gibt strikte Anweisungen, die besonders in Notfallsituationen oder im Katastrophenfall zu befolgen sind. Im Sport habe ich gelernt: Der Trainer ist der Chef. Nach dem Einsatz kann über einzelne Entscheidungen diskutiert werden, aber nicht mittendrin. (Das Interview mit Christine Theiss führte DirkJohnen/epd)

Surftipps:

Arbeiter-Samartier-Bund
Bayerisches Rote Kreuz
Deutsche Lebens-Rettungsgesellschaft
Johanniter
Malteser
Technisches Hilfswerk