Bayerns Innenministerium und Bürger sagen Verkehrszeichen mit Online-Aktion den Kampf an
Dem Schilderwald ans Blech

24 Parkverbotsschilder reihen sich auf der Kreisstraße NEW 22 aneinander. Bilder: spi (2)
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Bayern
05.08.2014
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Eins, zwei, drei, vier, fünf....24! 24 runde, dunkelblaue Schilder mit rotem Rand, zwei weißen Pfeilen und zwei sich überkreuzenden roten Balken durch die Mitte. Richtig! 24 identische Parkverbotsschilder! Mit weißem Zusatzschild für den Seitenstreifen - davon ebenfalls 24 Stück. Wie die Zinnsoldaten stehen sie in Reihe und Glied am Rand der Kreisstraße NEW 22. Entlang des Dießfurter Freizeitsees. In nur 100 Meter Abstand zueinander. Auf einer Strecke, die nur gut einen Kilometer lang ist. Zwölf auf der einen und zwölf auf der anderen Straßenseite. Ein Schilderwald wie aus dem Bilderbuch!


Das Parkverbotsschild soll die Badegäste beim Dießfurter Freizeitsee darauf hinweisen, dass sie nicht am Straßenrand, sonden auf den ausgewiesenen Flächen parken sollen.

Und genau solche Wälder will der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann mit seiner neuen Aktion "Licht in den Schilderwald", die noch bis zum 31. August läuft, absägen. Oder zumindest bei einigen Verkehrszeichen mit der Axt ran. Mit Hilfe der Bürger und einem Online-Formular.

Aktualisiert am 01. September 2014Die Aktion "Licht in den Schilderwald" endete am 31. August. Insgesamt haben die Bürger dem Bayerischen Innenministerium 1404 Stellen in Bayern gemeldet, an denen Schilder erneuert werden sollten oder ganz weggelassen werden können. Davon stammen 128 Meldungen aus der Oberpfalz. "Die Aktion hat sich gelohnt. Wir werten die Formulare allerdings gerade noch aus", berichtet Stefan Frey, Pressesprecher des Innenministeriums. Es ist laut Frey sinnvoll, die Aktion auch wieder zu beenden: "Wir müssen die Meldungen der Bürger ja abarbeiten, um bewerten zu können, ob eine solche Aktion sinnvoll ist. War sie es, wollen wir sie nächstes Jahr wiederholen." Die Bürger können weiterhin Schilder, die erneuert werden müssen oder überflüssig sind, bei der zuständigen Gemeinde oder der Kreisverwaltungsbehörde melden.

Damit können alle überflüssigen Verkehrszeichen, welche die Fahrer verwirren, direkt beim Bayerischen Innenministerium gemeldet werden. Die Straßen sollen dadurch sicherer werden. "Seit dem 21. Juli, dem Tag, an dem die Aktion gestartet wurde, haben uns bis zum 1. August bereits 611 Meldungen erreicht", sagt Michael Siefener, stellvertretender Pressesprecher des Bayerischen Innenministeriums.

"Davon kommen 69 aus der Oberpfalz. Spitzenreiter ist Oberbayern mit 264 ausgefüllten Formularen." Die Bürger sollen helfen, die Straßen, auf denen sie täglich fahren, sicherer zu machen. "Gleichzeitig werden wir die Schilder auf ihren technischen Stand prüfen", sagt Siefener.

Andreas Bscherer ist Fahrlehrer und leitet seine Schüler durch den bayerischen Schilderwald im Vierstädtedreieck Grafenwöhr, Eschenbach, Pressath und Kirchenthumbach. Manchmal auch bei Autobahnfahrten in der Weidener Region. "Dass die Bürger Stellen melden können, an denen Schilder verwirren, unleserlich oder überflüssig sind, finde ich gut."


Fahrlehrer Andreas Bscherer. Bild: privat

"Für Fahrschüler kann so eine Stelle eine große Hürde sein", weiß Bscherer, "Schüler fragen beispielsweise oft, warum ein Schild eine Geschwindigkeitsbegrenzung aufhebt, das kurz vor einer Kreuzung mit einem Stopp- oder Vorfahrt-achten-Schild steht. Dort muss sowieso abgebremst werden." Sinnvoll sind für ihn grundsätzlich alle der 500 verschiedenen Verkehrszeichen - "sofern sie richtig und bedacht positioniert wurden."

"Positiv", findet auch Karl Lukas, Leiter des Sachgebietes Verkehrswesen beim Landratsamt Neustadt/WN die Initiative des Innenministeriums. "Es sind schon Anträge bei uns eingegangen, die nun überprüft werden müssen."

Dass Bürger mitmachen dürfen, ist eine große Erleichterung für die Behörden. "Die Fahrer, die die Straßen täglich nutzen, sehen die Situation mit einem anderen Blick. Sie haben keine Behörden-Brille auf der Nase", erklärt Lukas.

Aber wie kommt so ein Verkehrszeichen eigentlich an seinen Platz? Zum Beispiel so ein Parkverbotsschild an die Kreisstraße NEW 22, entlang des Dießfurter Freizeitsees? "Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder durch die Anregung einer Kommune, wie in diesem Fall durch die Stadt Pressath. Oder Schilder werden dringend gebraucht wegen sich häufender Unfälle", erklärt Lukas. "Dann schauen sich die Polizei, die Straßenverkehrsbehörde und der Straßenbauträger gemeinsam die Stelle an. Erst dann wird entschieden, was unternommen wird. Das muss aber nicht heißen, dass genau dieses Schild, das beantragt wurde, auch aufgestellt wird. Nach der Besichtigung muss das Landratsamt eine verkehrsrechtliche Anordnung erteilen und erst dann kann das Schild von der Straßenmeisterei aufgestellt werden."

Aber zuerst muss das Schild hergestellt werden. Und das übernimmt beispielsweise die Firma Bremicker Verkehrstechnik GmbH & Co. KG aus Weilheim. Das zertifizierte Unternehmen stellt Schilder nach RAL-Bedingungen - ehemals Reichs-Ausschuss für Lieferbedingungen, heute Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung - her. "Die Bestellungen erhalten wir unter anderem von Kommunen, Städten, Baufirmen, Bauhöfen. Von den kleinsten Einheiten also", berichtet Rebecca Gebler, die für den Bereich Marketing bei Bremicker zuständig ist.

"Jedes Schild ist Handarbeit. Es gibt keine Fließbandfertigung. Die Folien werden mit der Hand auf das Blech aufgezogen", fügt Felix Schaumberg, Geschäftsleiter von Bremicker hinzu. "Ein kleines Verkehrsschild kostet zwischen 30 und 100 Euro." Das Verkehrssicherheitsprogramm des Innenministeriums findet Schaumberg gut: "Für den Hersteller steht die Sicherheit auf den Straßen im Vordergrund. Es sollen so viele Schilder, wie nötig, und so wenige, wie möglich aufgestellt werden."

Wichtig ist dem Geschäftsleiter vor allem, dass die Verkehrszeichen qualitativ hochwertig und langlebig sind. Einen Nutzen hat er von der Aktion allerdings nicht, denn "die Schilder werden nicht zu uns zurückgebracht." Und noch etwas fällt auf: "Der Neuverkauf ist konstant." Bremicker verkauft pro Jahr rund eine Million Schilder. Es werden also nicht weniger Verkehrszeichen auf den Straßen.

Sybille Wolff vom Schilderüberwachungsverein e. V. hat eine Vermutung, warum so viele Schilder, darunter auch viele schlechte, auf Deutschlands Straßen stehen: "Es gibt keine gesetzliche Regelung, wann Schilder ausgetauscht werden müssen. Trotz Schilderschau, die alle zwei Jahre stattfindet, liegt es im Ermessen des Prüfers, ob Schilder gewechselt werden." Die Aktion des Innenministeriums findet auch Wolff toll, weil es dem entspricht, was der Verein macht: sich um schlecht sichtbare Schilder kümmern. "Unser Fachgebiet ist die Qualität der Verkehrszeichen. Der ADAC kümmert sich um den Schilderwald", sagt Wolff. Mit dem Innenministerium hat sie bereits telefoniert und über eine Zusammenarbeit nachgedacht.

Der ADAC hält die Aktion des Ministeriums ebenfalls für eine "gute Sache", sagt Jürgen Hildebrandt, ADAC-Verkehrsexperte. "Wir haben letztes Jahr in Nittenau eine solche Aktion zusammen mit der Gemeinde gestartet. Und über 30 Prozent der überflüssigen Schilder beseitigen können. Besonders Parkverbotsschilder." In einem Gremium aus Fahrlehrern, Polizisten, Gemeinderäten und Vertretern des ADAC haben sie Nittenau unter die Lupe genommen. Und bei kniffligen Stellen beschlossen, was passieren soll. Einen kurzen Blick hat der ADAC auch nach Schwandorf geworfen. "Da würde sich so eine Aktion auch mal lohnen", meint Hildebrandt. "Man sieht einfach einzelne Schilder wieder besser, wenn die Aufmerksamkeit auf weniger Verkehrszeichen gelenkt wird."



In Nittenau ist man froh darüber, dass rund 30 der 90 Schilder im Ortskern entfernt werden konnten. "Wir wollten unseren Schilderwald einfach mal überprüfen. Und haben festgestellt, dass viele Zeichen überflüssig waren", berichtet Jakob Rester, Geschäftsleiter der Stadt Nittenau. "Meistens sind es ja die Bürger selbst, die gern vor ihrem Anwesen eine Geschwindigkeitsbegrenzung oder ein Parkverbotsschild haben wollen. Wir haben deshalb den Schildern, die weg können, erst einmal ein Tuch übergestülpt. Die Bürger konnten dann ihre Meinungen dazu äußern, ob das Schild weg kann oder nicht."

Mit einem Schmunzeln fügt Rester hinzu: "Da waren wir dem Herrn Innenminister wohl ein paar Monate voraus!" Die Stadt Nittenau würde wieder bei einer solchen Aktion mitmachen. Allerdings "nicht jetzt gleich", sagt Rester, "Das würde keinen Sinn machen. Denn die überflüssigen Schilder sind ja jetzt erst einmal weg."

In Zukunft wolle sich der Gemeinderat aber kritischer mit den Anfragen der Bürger auseinandersetzen. "Wir werden genau überprüfen, ob ein gewünschtes Schild wirklich notwendig ist. Erstens geht es um die Übersichtlichkeit im Verkehr und zweitens um die Kosten."

Ob die Aktion "Licht in den Schilderwald" auch die Zahl der Parkverbotsschilder an der Kreisstraße NEW 22 lichten wird, ist unklar. Die meisten der Verkehrszeichen stehen jedenfalls schon seit dem 3. Dezember 2007 dort, weil "die Stadt Pressath den Wunsch hatte, dass die Badegäste auf den ausgewiesenen Parkflächen parken und nicht am Seitenstreifen", erklärt Lukas. Die Parkverbotsschilder wurden schließlich in zwei Schritten auf 24 Stück ergänzt. Aber vielleicht kommt das ein oder andere Schild ja wieder weg.

AktualisierungNach der Veröffentlichung eines Artikels ergibt sich Neues. Leser weisen auf Ähnliches hin, Behörden handeln aufgrund der Berichterstattung. Wir zeigen hier Reaktionen auf Facebook zum Artikel:

[22. August 2014]
Verena Haidl: Hallo wir haben da mal eine Frage.. unser grünes Ortsschild am Straßenrand ist verschwunden. Es geht um das Schild "Kaibitz" bei 95478 Kemnath. Komischerweise haben wir auch im angrenzenden Bach einen Rahmen eines solchen Schildes gefunden. Allerdings nur den Rahmen ohne Schild.. wäre dann "Senkendorf" .. Vielleicht wisst ihr ja mehr..

[16. August 2014]
Kerstin Fischer zum komplett ausgebleichten Verkehrsschild in Bechtsrieth: Hallo, ein Wunder ist geschehn. Das Schild wurde doch tatsächlich ausgetauscht :)

Reinhard H. Weber: Eigentlich ein Armutszeugnis für unsere Kommunen, dass nur auf diese Art Schilder weg oder ausgetauscht werden. Personal wegrationalisiert oder falsch eingesetzt oder sogar betriebsblind und damit bleiben solche Peanuts auf dem Weg!

Peter j Schmid: ..des Taferl hätt i mit der Flex weg, restlos, ...

[10. August 2014]
Der-Leopardgecko Kerstin Fischer: Unser Hessenreuther Wald, du hast dich anscheinend noch nie über so nen Schilderwald geärgert...
Ich hab wegen sowas schon nen Unfall hinter mir daher meld ich's gern in der Hoffnung dass sich was ändert.

Helmut Luichtl: Öko-Schild - Naturholz, unbehandelt und recyclebar

Unser Hessenreuther Wald: Gibt's keine größeren Probleme in der Oberpfalz als diese doofen Schilder? Offensichtlich nicht.

[9. August 2014]
Wolfgang Reiß schreibt uns einen Brief: "Ich melde eine 3-fach Beschilderung an der verbotenen Einfahrt in das neue Siedlungsgebiet am Rand von Pressath in Richtung Riggau (alte B299 nach Erbendorf). Dort ist das Zeichen 250 (Verkehrsverbot) gleich 3x aufgestellt worden. Ich hatte schon einmal bei der Stadt Pressath angefragt, was das bedeuten soll und erhielt die Auskunft, dass das Straßenbauamt das so verlangt hat.

[8.August 2014]
Karl Hammer meldet uns per Mail zwei Stellen in Neualbenreuth.

Wir erhalten einen Anruf, dass in der Bismarckstraße in Weiden bei der ehemaligen Augustiner Kirche über 10 Parkverbotsschilder stehen.


Linktipp
Informationen zu den Verkehrszeichen