Bilder für die Ohren
Drei Hamburger entwickeln akustischen Reiseführer

Paul Bekedorf, Christoph Tank und Hannes Wirtz verwirklichen den Erzählbären für die Westentasche. Bild: hfz
Vermischtes BY
Bayern
27.06.2015
30
0

(uax) Stadtrundgang. Schon wieder ein Haus entdeckt, das eine Geschichte zu erzählen hat. Aber wer erzählt, wer berichtet genau in dem Moment, wo man es braucht? Nicht erst Stunden später im Internet recherchiert. Die Liste abgearbeitet, Wikipedia und Google zum Glühen gebracht. Ein Stadtführer zum Einstecken in die Hosentasche, der genau weiß, wo man ist und ob es was zu berichten gibt, fehlt. Nicht wirklich. Paul Bekedorf (32), Hannes Wirtz (34) und Christoph Tank (33) bieten mit ihrer Anwendung audioguide.me den Erzählbären für die Westentasche.



Hamburg. Mit audioguide.me sollen Reisereportagen, Insidertipps und Hörbücher Denkmäler, Parkanlagen, ganze Städte zum Sprechen bringen. Erzählt von Menschen, die etwas zu sagen haben. Die Initialzündung für das Projekt audioguide war nicht der Mangel an Geschichten zu Orten. "Eigentlich war es genau anders rum", erzählt Paul Bekedorf. Die Fülle von tollen Hörbeiträgen, die es bereits gibt, hat ihn "überwältigt". "Es gab nur nichts, was das alles geordnet hat."

Nun soll nach Vorstellung des Teams der größte Audioguide der Welt entstehen. Nutzergeneriert, unterstützt von Bloggern, Podcastern und lokalen Radiosendern, Verlagen und touristischen Organisationen. Die Mischung aus Heimatforschen und Globetrottern, die hier Geschichten erzählen und teilen, soll für die Vielfalt im Angebot sorgen, die es braucht um keine Randgruppen-Anwendung für Weltreisende oder Hobbyhistoriker zu werden. Anwohner erzählen "Noch-Geheim-Tipps" aus ihrem Quartier. Aktueller als jeder Lonely-Planet-Reiseführer, dessen jüngste Auflage schon fünf Jahre alt ist, es kann. Im Vorbeigehen, in der U-Bahn, im Café im Auto.

Geheimtipps fürs Quartier


Als Student der angewandten Kulturwissenschaften setzte er sich unter anderem mit multimedialen Ausstellungskonzepten - sowohl innerhalb eines geschlossenen Gebäudes wie auch in ganzen Städten - auseinander. Dabei wuchs die Idee, Hörbeiträge zu bündeln und aufgrund von Geodaten und Landkarten verfügbar zu machen. "Wir wollten dass die hörbare Vielfalt im Internet nicht irgendwo versteckt ist auf den Seiten einer Tourismusorganisation, sondern zusammengefasst in einer einzigen Anwendung. Die Touren, die mit so viel Liebe erstellt wurden, sollten nicht mehr irgendwo vergraben sein." Als Reisender selbst auf die Suche nach Geschichten gehen, Audiodateien und eine Straßenkarte herunterzuladen und dann mit einem Ausdruck der Route und einem Abspielgerät eine Städtereise zu machen ist Bekedorfs Ansicht nach weder zumutbar noch machbar.

"Das erste Jahr unseres Projekts bestand fast nur aus Telefonaten", blickt Paul Bekedorf zurück. "Immer auf der Suche nach Beiträgen und Überzeugungsarbeit diese in die Anwendung zu integrieren." Mittlerweile sei es deutlich entspannter. "Die Aufmerksamkeit und die Reichweite unseres Projekts wächst." So kommen ständig neue Nutzer dazu, die selbst Inhalte liefern." Deutschland flächendeckend zu erfassen ist kein erklärtes Ziel der Wahlhamburger. Unmöglich ist es aber nicht. Beiträge soll es überall dort geben, wo es etwas zu berichten gibt. Das muss dann auch nicht immer das gesprochene Wort sein.

Ähnlich wie auf der Internetplatform aporee, auf der es Klänge und Geräusche aus aller Welt auf einem digitalen Globus gibt, ist auch auf audioguide.me Raum für Geräusche."Man kann einen Ort unglaublich authentisch mit einem Klang beschreiben." Ein Beispiel hat Bekedorf auch gleich parat. "Ein Nutzer aus Österreich hat die Geräusche einer Ampel in Lappland hochgeladen. Traumhaft." Der schier unbegrenzte Platz, den die digitale Welt vorhält, biete hier genau die passenden Rahmenbedingungen. "Das einzige, woran es immer fehlt, ist die Ordnung, die Findbarkeit der Beiträge." Eine Stadttour basierend auf Straßenmusik? "Warum nicht!"

Eine Stadttour basierend auf Straßenmusik? Warum nicht!Paul Bekedorf


Rund zehn Minuten Zeit haben Nutzer für eigene Aufnahmen zur Verfügung.

Rund zehn Minuten Zeit bleiben den Nutzern, die den akustischen Reiseführer mitgestalten wollen um Geschichten zu erzählen. Zehn Minuten für Historisches, Witziges, Informatives. Ein Foto dazu soll Unstimmigkeiten vermeiden, wenn es auf zu wenig Raum, zu viele Details gibt, die erwähnens- und erklärenswert sind. Der Nutzer ist hier der Experte. Er ist ortskundig, verfügt etwa über historisches Wissen oder er hat eine besondere Erinnerung. All das ist teilbar, mit-teilbar. Die Stimme kann dabei weitaus mehr als nur sachliche Inhalte und Wissen transportieren. Sie vermittelt die Stimmung das Erzählers und der Orte. Die Teilnehmer können nur dort etwas hinterlassen, wo sie auch wirklich selbst gewesen sind. Live sozusagen.

Gemeinschaft der Nutzer als Kontrollorgan


Bedenken, dass die Plattform für Beschimpfungen, Schmähreden oder sogar Hasstiraden zweckentfremdet wird, hat Paul Bekedorf nicht."Wir haben die Sorgfaltspflicht, aktiv zu werden, wenn uns etwas Bedenkliches gemeldet wird." Dies sei noch nie nötig gewesen. Auch dafür hat der 32-Jährige eine Erklärung. "Audio ist etwas sehr intimes. Wenn die Autoren geschriebener Hassbeiträge auf anderen Plattformen, das aussprechen und ihre Stimme dabei hören müssten ... Ne, das tun die sich nicht an." Die Plattform ist auch mit Blick in die Zukunft nutzergeneriert und -verwaltet.

Audio ist etwas sehr intimes.Paul Bekedorf

"Wenn wir weltweit präsent sind, wie soll man da noch Details aus einem finnischen oder japanischen Beitrag verstehen und ausfiltern können?" Die Nutzer sollen dies selbst machen. Als "bedenklich" gemeldete Inhalte sollen dann von Netz genommen, überprüft und notfalls dauerhaft gelöscht werden. "Wir bieten ja keine Spaßanwendung, sondern haben Nutzer, die mit viel Liebe und Aufwand Beiträge erstellt haben. Außerdem bedienen wir uns bewährter Mechanismen, die auch andere Plattformen im Einsatz haben."


Rund 5000 Geschichten gibt es derzeit zu hören. Nicht alle davon spielen in Deutschland. Screenshot: audioguide.me

Der Aufbau des Stadtführers läuft. Weltweit. Es beteiligen sich Enthusiasten daran, Städten und Sehenswertem eine Stimme zu geben. Rund 5000 Geschichten gibt es derzeit auf Abruf. Weltweit, wohlgemerkt. "Das klingt nach wenig. Ich weiß." Noch ist die App nur in einer deutschsprachigen Menüführung zu haben. Weitere Variationen sollen kommen. Englisch natürlich als weltumspannende Sprache. Spanisch und französisch irgendwann. "Wir haben schon Pläne für Weiterentwicklungen." Nutzer sollen ihre eigenen Touren durch die Stadt zusammenstellen können, geleitet von einem Routenplaner. Auch persönliche "Sammlungen" eines Autors sollen möglich sein. Eine Alarmmeldung für den Nutzer, der einen "Ort mit Geschichte passiert, haben die Macher von audioguide.me in der aktuellen Version wieder deaktiviert. "Ganz zu Beginn war das in Ordnung. Aber mit einer steigenden Menge an Angeboten, hört das Handy ja nicht mehr auf zu vibrieren. Das nervt doch dann."

Bereits realisiert ist ein sogenanntes Widget, ein kleines Programm, das beispielsweise in einen Webbrowser integriert werden kann. "Da kann man sich dann seine persönliche Auswahl immer auf dem Rechner anzeigen lassen und bekommt eine Nachricht, sobald es Neues gibt." Auch die Kooperationspartner setzen dieses Widget auf der eigenen Internetseite ein, um das eigene Angebot hörbar zu machen. Die Zeitschrift "Für Sie" nutzt ein Thailand-Hörbuch für einen Reisetipp (Link zu Für Sie), Hörbuch Hamburg lässt damit einen Krimi (Link zu Hörbuch Hamburg)) an den Originalschauplätzen des Buches lebendig werden und beim Projekt Mauerfall-Podcast (Link zum Podcast) der Berlinerin Brigitte Hagedorn, die Zeitzeugen zum Mauerfall interviewt hat, laufen die Geschichten an den Orten ihrer Handlung. Zum einen über ihre Website, zum anderen mobil über die App.

Preise und Nominierungen


Paul Bekedorf blickt zuversichtlich in die Zukunft. Dass audioguide.me Potenzial zu haben scheint, haben auch andere erkannt. Eine Nominierung für den Deutschen Radiopreis 2014 (Link zum Wettbewerb Deutscher Radiopreis) zeigt die Wertschätzung der Anwendung in Fachkreisen. Die Jury vom Deutschen Radiopreis begründet die Nominierung auf ihrer Internetseite: "Auf der Plattform AudioguideMe verbindet Paul Bekedorf auf innovative Weise diese Geschichten und ihre Handlungsorte. Geschaffen wird eine Plattform, die klassisches Radio mit den Möglichkeiten des Web 2.0 verknüpft." Beim Wettbewerb "APP:Contest Hamburg 2014" (Link zum App: Contest) erreichten das "Team audioguide" den zweiten Platz. Bekedorf: " Es ist eine unglaubliche Freude zu beobachten, wie sich diese Plattform entwickelt, wie sie wächst und welchen freundlichen und fortschrittlichen Charakter, ihr unsere wunderbaren Nutzer verleihen." Die App ist inzwischen nicht nur hörens- sondern auch sehenswert. Noch vor Veröffentlichung der neuen Version erfolgte schon die Nominierung für den "German DesignAward 2015" (Link zum Wettbewerb) freuen. Kathegorie "Interactive User Experience".

Es gibt unbegrenzten KaffeeBeschreibung einer freien Praktikumsstelle im Unternehmen

Es ist der Gründer-Enthusiasmus, der Tank, Bekedorf und Wirtz und ihre Anwendung vorantreibt. Der Enthusiasmus, der nicht ausschließlich Zahlen und möglicherweise Aktienkurse im Blick hat, sondern das Wissen, etwas neues zu erschaffen, das nützlich ist und Spaß macht. Die Aufbauarbeit kostet Kraft und Zeit. Heute Hamburg, übermorgen Wien, dazwischen Interview mit dem Oberpfalznetz. "Der Kaffeekonsum ist derzeit hoch", beschreibt Paul Bekedorf lachend. Aber wie heißt es in der Beschreibung einer angebotenen Praktikumsstelle auf der Internetseite der Hamburger: "Es gibt unbegrenzten Kaffee".

Liebe LeserWelche Beiträge würden Sie gerne hören? Was darf in einem akustischen Reiseführer für die Oberpfalz auf keinem Fall fehlen. Musik? Geräusche? Im Dialekt oder auf Hochdeutsch?

Schreiben Sie uns. Wir wollen gemeinsam mit Ihnen dafür sorgen, dass der Klang der Oberpfalz weltweit hörbar wird. Sie erreichen uns per E-Mail an redaktion@oberpfalznetz.de, Betreff: Klang der Oberpfalz.

Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung - vielen Dank!