Der Fall Peggy und der mutmaßliche NSU-Mörder
Bizarre Wendung

Das Ortsschild der Stadt Lichtenberg: Hier hatte die vor 15 Jahren verschwundene Peggy gelebt. Bild: dpa
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Bayern
14.10.2016
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Die neue Wendung im Fall der 2001 umgebrachten Peggy macht sprachlos. Auch viele, die seit Jahren damit zu tun haben.

Von Joachim Dankbar

Lichtenberg. "Fassungslosigkeit; Entsetzen - und auch ein bisschen Aufatmen", so fasst der Lichtenberger Stadtrat und Schriftsteller Rudolf von Waldenfels die ersten Reaktionen der Lichtenberger darauf zusammen, dass in der Nähe der Leiche von Peggy Knobloch eine DNA-Spur des mutmaßlichen NSU-Mörders Uwe Böhnhardt gefunden worden ist. Fassungslos ist man in Lichtenfels ebenso wie im ganzen Land, welch bizarre Wendung der Fall des vor 15 Jahren verschwundenen Mädchens genommen hat.

Als am 2. Juli dieses Jahres ihre Leiche nur 15 Kilometer entfernt in einem Waldstück gefunden wurde, mussten die Lichtenberger befürchten, dass die Ermittlungen wieder in den kleinen Frankenwald-Ort führen, dass jemand mit Ortskenntnissen an der Tat beteiligt war. Dass es nun Hinweise gebe, wonach Peggy auch auf einen durchreisenden Täter getroffen sein könnte, erleichtert die Lichtenberger. Dies sagte am Freitag auch Lichtenbergs Bürgermeister Holger Knüppel. Er schließt es aus, dass die NSU-Zelle Verbindungen nach Lichtenberg gehabt haben könnte. Dafür kenne man sich im Ort zu gut.

"Jahrelang belogen"


Skeptisch und zurückhaltend äußert man sich im Umfeld des zunächst für einen Mord verurteilten und später freigesprochenen Ulvi K.. Jahrelang sei man über den Fall belogen worden, warum sollte man dies nun glauben, kommentiert Ulvis Betreuerin Gudrun Rödel auf ihrer Facebook-Seite. Seine Mutter Else sagte: "Man weiß gar nicht mehr, was man dazu noch sagen soll."

Peggys Mutter Susanne Knobloch ließ durch ihre Anwältin mitteilen, dass sie der Fund der DNA-Spur und der Hinweis auf die NSU-Szene "tief erschüttert" habe. Die Entwicklung werfe "viele neue Fragen auf". Bis es Antworten gibt, wird vermutlich noch lange dauern. Am Tag nach der sensationellen Nachricht vom DNA-Fund, wird immer deutlicher, dass die Ermittler nach 15 Jahren vor einem neuen Anfang stehen.

Über 40 000 Seiten Akten müssen nun noch einmal nach Spuren durchgearbeitet werden, die die bisherigen Sonderkommissionen als abwegig oder nicht zielführend ausgeschieden hatten. Darunter sind die Hinweise auf verschiedene Autos und unbekannte Personen, die damals in Lichtenberg gesichtet worden sein sollen, oder aber auf einen Gast auf dem Lichtenberger Campingplatz, dessen Identität nie festgestellt werden konnte.

Bis in den NSU-Prozess


Unter Umständen müssen sich die Ermittler nun auch in die Akten des NSU-Komplexes einarbeiten. Bayreuths Leitender Oberstaatsanwalt Herbert Potzel wollte dazu am Freitag nichts sagen. Es ist noch nicht einmal ausgeschlossen, dass die Ermittlungen auch Beate Zschäpe erreichen. Im Schutt der Wohnung, die sie in Zwickau in Brand gesteckt hatte, fand die Kripo eine Festplatte mit etlichen kinderpornographischen Dateien. Angesichts der Mordvorwürfe spielte dies bislang keine große Rolle. Opferanwälte des NSU-Prozesses kündigten Beweisanträge an, um zu klären, wer die Dateien auf den Rechner geladen hat - Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe oder alle drei.

Pädophile Neigungen


Mit großer Aufmerksamkeit werden nun alle Hinweise auf pädophile Neigungen im Umfeld der NSU-Täter nachgegangen. Wie die Stuttgarter Nachrichten 2015 meldeten, wurde gegen Beate Zschäpe in Sachsen schon einmal wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt. Das Verfahren sei eingestellt worden, weil das Trio 1998 für lange Jahre abtauchte.

Auch Böhnhardt war schon einmal im Blickfeld der Ermittler: 1993 wurde er als Zeuge verhört, als in Jena an einem Fluss die Leiche eines Neunjährigen gefunden wurde. Unweit der Leiche lag ein Außenbordmotor. Er gehörte Enrico T., den die Behörden für einen der Waffenbeschaffer des NSU-Trios hakten. Etliche Jahre später beschuldigte Enrico T. Böhnhardt, den Motor damals neben die Leiche gelegt haben, um ihn zu belasten. Nur Böhnhardt habe gewusst, wo der Motor vorher war. Der Fall ist noch ungeklärt, soll nun aber wieder aufgenommen werden.


Angst vor der nächsten Panne: Angemerkt von Frank Werner
Der Fall Peggy und die NSU-Morde: Wer jemals einen Zusammenhang der Fälle ins Spiel gebracht hätte, wäre wohl für verrückt erklärt worden. Nun scheint es tatsächlich möglich, dass der mutmaßliche Terrorist Uwe Böhnhardt an dem Tod des Mädchens aus Lichtenberg beteiligt war. Und jetzt?

Um allen Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss so schnell wie möglich geklärt werden, wie Böhnhardts DNA-Spuren in die Nähe von Peggys Skelett gekommen sind. Schlamperei, zum Beispiel in der Gerichtsmedizin, wäre eine Katastrophe und würde die Glaubwürdigkeit der Sicherheitsbehörden bis ins Mark erschüttern.

Vieles passt im NSU-Puzzle aber zusammen. Die Spielsachen im Wohnwagen, in dem sich Uwe Böhnhardt und sein Komplize Uwe Mundlos in die Luft sprengten. Die Kinderpornos auf dem Computer von Beate Zschäpe. Das so oft verlogene Weltbild der Neonazis. Immer wieder spielen sich Rechtsextreme als die großen Beschützer von Kindern vor sexuellem Missbrauch auf. Dabei wurden Szenegrößen wie Tino Brandt, ein enger Wegbegleiter von Böhnhardt, selbst wegen Missbrauchs verurteilt.

Es ist auch höchste Zeit, dass Beate Zschäpe richtig auspackt. Ihr Schauspiel beim NSU-Prozess ist schlimm genug. Jetzt könnte die Angeklagte wenigstens dazu beitragen, dass der Fall Peggy 15 Jahre nach ihrem Verschwinden gelöst wird.

Das ungeklärte Schicksal des Mädchens aus Lichtenberg hat schließlich zu einem jahrelangen Trauma im Freistaat geführt, das bis zum massiven Justiz- und Polizeiskandal reicht. Zur Erinnerung: Auf politischen Druck wurde die Sonderkommission ausgewechselt. Als neuer Chefermittler agierte jener Polizist, der später als Leiter der Soko "Bosporus" bei der vom NSU-Trio begangenen Mordserie so furchtbar versagt hatte. Die Liste der Pannen ist lang genug - eine weitere darf auf keinen Fall dazukommen.

frank.werner@derneuetag.de
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