Der Takt des Lebens

Wir leben gegen unsere ererbten Rhythmen.
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Bayern
27.01.2016
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Der Rat klingt einfach und wirkt: Jeder sollte auf seine innere Uhr hören. Dr. Helmut Egginger zeigte bei einem Vortrag im Klinikum Fichtelgebirge auf, wie der biologische Rhythmus das Leben bestimmt.

Marktredwitz. "Ohne dass wir es bewusst wahrnehmen: Alles, was lebt, folgt dem Takt kosmischer Lebensuhren", erklärte Dr. Helmut Egginger, Internist und Arzt für Naturheilverfahren, bei seinen Referaten in beiden Häusern Selb und Marktredwitz des Klinikums. Er eröffnete die jährliche Vortragsreihe "Treffpunkt Klinikum".

Jeder Mensch trage immer noch den ursprünglichen Zellrhythmus in sich, der Millionen Jahre alt sei, und nur wenn Wachen, Schlafen, Herzschlag, Blutdruck, Atmung, Verdauung und Hormonproduktion synchronisiert seien, würden wir uns wohl und gesund fühlen. Doch während unsere Vorfahren genug Zeit gehabt hätten, ihren körpereigenen Rhythmus der Umwelt anzupassen, würde insbesondere die Globalisierung uns aus chronobiologischer Sicht heillos überfordern und ein krank machendes Herausfallen aus dem Lebensrhythmus provozieren. "Wir leben gegen unsere ererbten Rhythmen."

Ohnehin stimme bei den meisten Menschen der Tag- und Nacht-Rhythmus nicht mit den 24 Stunden der Erdrotation überein. Die sogenannten "Lerchen" hätten es mit einem persönlichen Rhythmus von 23 Stunden wesentlich leichter als die "Eulen", deren Tag eigentlich 25 Stunden dauern müsse. Das seien dann die bedauernswerten Morgenmuffel, die ein Leben lang unter Schlafmangel litten. Wer es genau wissen will: Unter anderem würde zum Beispiel der Horne-Östberg-Test im Internet darüber Aufschluss geben, zu welchem Typ man gehöre.

Schlafstörungen


Als innere Hauptuhr bezeichnete Dr. Egginger einen reiskorngroßen Nervenknoten in jeder Gehirnhälfte, der direkt über der Sehnervenkreuzung liege. Wichtiger Taktgeber sei das Sonnenlicht: Je weniger Licht, desto mehr "Schlafhormon" Melatonin werde ausgeschüttet. Wenn wie beim modernen Menschen die von der Natur vorgegebenen Zeitstrukturen und die klaren Unterschiede zwischen Hell und Dunkel immer mehr verwischt würden, komme es leicht zu Schlafstörungen, Aktivitätsverlust, depressiver Verstimmung, ja sogar chronischen Erkrankungen. Viele würden zudem ihrem natürlichen Tag-und-Nacht-Rhythmus entgegengesetzt arbeiten müssen. "Eine Nachtschicht ist von der Natur nicht vorgesehen!" Die tägliche Leistungskurve sei wohl den meisten bekannt: Geistiges Maximum zwischen 10 und 12 Uhr vormittags, "Tief" am frühen Nachmittag, erneuter Anstieg der Leistungsfähigkeit gegen Abend, Nachtruhe. "Chronobiologen fordern schon lange flexiblere Arbeitszeiten", betonte der Referent. "Auch die Sommerzeit ist aus chronobiologischer Sicht kompletter Unsinn!" Untersuchungen hätten gezeigt, dass menschliches Versagen meist an den Leistungstiefpunkten passiere, sei es der Super-GAU in Tschernobyl oder die Havarie der Costa Concordia.

Bei Medikamenten ändere sich die Wirksamkeit je nach der Tageszeit der Einnahme, eine Tatsache, die leider noch nicht grundsätzlich berücksichtigt werde. Die Endorphine, "körpereigene Medikamente", die schmerzunempfindlicher machen, würden am stärksten nachmittags ausgeschüttet. Wie wirksam sie sein können, werde deutlich, wenn Menschen mit schweren Verletzungen anfangs keine Schmerzen spüren. Auch wenn ein Marathonläufer über seine Leistungsgrenzen geht, sei das den Endorphinen geschuldet.

Innere Ordnung


Obwohl die Chronobiologie, die "Lebensrhythmusforschung", resümierte Egginger, noch eine junge Wissenschaft sei, habe sie doch schon einiges enträtselt. Beim Gesundbleiben helfe einem vor allem die Sensibilität, auf seine inneren Uhren zu hören und wenn möglich im Einklang mit ihnen zu leben: "Wir alle sind das Ergebnis einer langen Evolution und tun gut daran, die uns vorgegebenen inneren Ordnungen zu respektieren."
Wir leben gegen unsere ererbten Rhythmen.Dr. Helmut Egginger
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