Die Entwicklung der Schülerzahlen stellt die Region vor große Herausforderungen
Schülerschwund: Oberpfalz ist Problemkind

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Bayern
26.03.2015
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Die Zahl der Schüler in Bayern sinkt kontinuierlich: Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll der Freistaat allein 18 Prozent Gymnasiasten verlieren. Dabei ist der Tiefststand voraussichtlich noch gar nicht erreicht. Ursache ist vor allem der demografische Wandel. Er wirkt sich allerdings nicht auf alle Schularten gleich aus. Wir zeigen, wie sich die Zahlen laut Prognosen entwickeln werden und warum dies eine große Herausforderung für die Region ist.

Vom Schülerschwund betroffen sind vor allem ländliche Regionen wie die nördliche Oberpfalz. Hauptursache ist der demografische Wandel: Die Alten werden immer mehr, die Jungen immer weniger. (Artikel zum Thema Bevölkerungsentwicklung in der Region)

In der nördlichen Oberpfalz wird bis zum Jahr 2032 Prognosen des Bayerischen Landesamtes für Statistik zufolge lediglich die Gruppe der über 65-Jährigen wachsen, alle anderen Altersgruppen schrumpfen im Vergleich zum Jahr 2012. Dies betrifft vor allem die Gruppe der jungen Menschen im Schulalter:



Es ist nur logisch, dass diese Entwicklung sich auf die Zahl der Schüler auswirkt, auch wenn der demografische Wandel nicht die einzige Ursache für den Schülerschwund ist.

Weitere Ursachen für den Schülerschwund

Richard Glombitza, Bereichsleiter Schulen bei der Regierung der Oberpfalz und zuständig für die Grund-, Mittel-, Förderschulen und die beruflichen Schulen, nennt im Gespräch zwei weitere "Megatrends" neben dem demografischen Wandel als Ursachen für den Schülerschwund:

Urbanisierung: "Die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Bayern wohnt in Oberbayern und Schwaben", so Glombitza. Bayernweit wandern die Menschen aus den ländlichen Regionen in Richtung der Großstädte wie München und Nürnberg. In der Oberpfalz gebe es das selbe Phänomen der Abwanderung in Richtung Regensburg.
Globalisierung: Viele junge Leute wandern aus beruflichen Gründen ab. "Junge Leute, auch aus der Oberpfalz, sind weltweit unterwegs", weiß Glombitza. Dadurch entstehe auf dem Land ein Fachkräftemangel. Die Landkreise müssten im schulischen Bereich "Hierbleibefaktoren" schaffen.

"Schulen sind ein wichtiger Standortfaktor und -vorteil für die Gemeinden", betont Gerhard Dix, Referent Bildung und Soziales beim Bayerischen Gemeindetag. "Die Bindung von Kindern und Jugendlichen an die Gemeinden spielt auch für die Zukunft eine wichtige Rolle. Die Gemeinden brauchen junge Menschen, die in die Gemeinde hineinwachsen, in Sportvereine, Kirchen und die Feuerwehr zum Beispiel", so Dix.

Daher sei es "wichtig, kleinere Schulen vor Ort überlebensfähig zu halten". Das gelte insbesondere für ländliche Räume wie die Oberpfalz. Betrachtet man die Entwicklung der Schülerzahlen, wird deutlich, dass die Region vor einer großen Herausforderung steht.

Zurück zum historischen Tiefststand


Die Kernpunkte bei der Entwicklung der Schülerzahlen:

Tiefster Stand der Schülerzahl an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen: in Bayern 1989/90 mit 1,58 Millionen Schülern, in der Oberpfalz ebenfalls 1989/90 mit 146.000 Schülern.
Höchster Stand der Schülerzahl an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen: in Bayern 2004/05 mit 1,88 Millionen Schülern, in der Oberpfalz 2003/04 mit 170.000 Schülern. Seitdem sinkt die Zahl der Schüler an diesen Schulen.
Im Schuljahr 2013/14 lag sie in Bayern bei 1,7 Millionen, in der Oberpfalz bei 146.000 und somit auf dem Niveau des historischen Tiefststands.

Bayern im Vergleich mit den anderen Bundesländern

Verglichen mit den anderen Bundesländern liegt Bayern laut einer Studie im Auftrag der Bosch-Stiftung ungefähr in der Mitte. Die Schülerzahlen sinken besonders stark in den neuen Bundesländern. Bis 2020 im Vergleich zum Jahr 2003 um mehr als 34 Prozent beispielsweise in Brandenburg:


Aktuelle Schülerzahlen nach Schulart


Betrachtet man die aktuellen Schülerzahlen nach Schulart, liegen die Grundschulen erwartungsgemäß ganz oben. Auf die Grundschule gehen schließlich alle Schüler. Die restlichen Schularten teilen sich in Bayern folgendermaßen auf:



Deutlicher wird die Verteilung, wenn man einen Jahrgang betrachtet, in dem alle Jugendlichen Schulen besuchen. Am Beispiel der Jahrgangsstufe 8 sieht die Verteilung in der Oberpfalz folgendermaßen aus:


Prognose: Die Zahl der Schüler geht noch weiter zurück


Schätzungen zufolge wird es bis 2025 in Deutschland rund 1,6 Millionen weniger Schüler geben. Das wäre ein Rückgang um knapp 14 Prozent (11,3 Millionen im Jahr 2011, 9,7 Millionen im Jahr 2025).

Sinken soll die Schülerzahl auch in Bayern. Laut Prognose des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst wird sie bis zum Schuljahr 2022/23 weiter zurückgehen und damit schon in wenigen Jahren in etwa dem historischen Tiefststand von 1998/90 entsprechen. Anschließend, so die derzeitige Einschätzung, soll die Zahl der Schüler wieder leicht ansteigen, auf rund 1,62 Millionen im Schuljahr 2030/31. Weiter voraus schauen die Prognosen nicht.

In der Oberpfalz soll die Zahl der Schüler bis zum Schuljahr 2030/31 auf nur noch rund 127.000 gesunken sein (von knapp 144.000 im Schuljahr 2014/15).


Die demografische Entwicklung wirkt sich nicht auf alle Schularten gleich aus


Der demografische Wandel schiebt sich zeitversetzt durch die Jahrgänge und hat starken Einfluss auf die Zahl der Schüler und der Absolventen. Die Folge: Die Schülerzahlen entwickeln sich nicht an allen Schularten gleich.

Bisher bezog sich der Rückgang der Schülerzahlen vor allem auf die Grundschulen, doch dieser Negativtrend soll sich in den kommenden Jahren nicht mehr so stark fortsetzen wie bisher. Stattdessen sei entsprechend zeitlich versetzt gegen Beginn des nächsten Jahrzehnts mit einem Tiefstand an Schülern an den weiterführenden Schulen zu rechnen, so die Prognose. Auch dieser Rückgang soll jedoch nur vorübergehend sein.


Der demografische Wandel schiebt sich zeitversetzt durch die Schularten: von der Grundschule in die weiterführenden Schulen. (Bild: dpa)

Deutlich bemerkbar macht sich der Schülerschwund in der Oberpfalz bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre, vor allem an den weiterführenden Schulen. Bis zum Jahr 2020 sollen die Gymnasien deutlich an Schüler verlieren, nämlich voraussichtlich 18 Prozent, dicht gefolgt von den Realschulen:



Wie die Grafik zeigt, verlieren die Grundschulen voraussichtlich weniger Schüler als bisher. Richard Glombitza spricht von einer "Verflachung des Abwärtstrends bei den Grund- und Mittelschulen". An den Grundschulen in der Oberpfalz gebe es aktuell rund 200 Schüler mehr als im vorigen Jahr. Schulpflichtige Asylbewerber seien in dieser Hinsicht ein "Silberstreif am Horizont", denn sie sorgten für eine Abschwächung des Negativtrends. Das wiederholt Glombitza im Gespräch immer wieder.

Eine "gesunde Drittelung" gebe es in der Oberpfalz bei den Übertritten von der Grundschule in die weiterführenden Schulen, so Glombitza. Eine Begründung für eine sinkende Zahl an Gymnasiasten sieht er darin, dass der Weg über die FOS / BOS "sehr aktuell" sei, also der Bildungsweg aus einer Kombination aus Schule und Praxis im Beruf. Eltern und Firmen sähen diesen Weg sehr positiv. Das sei vor allem gut für die Handwerksberufe, schließlich "brauchen wir auch intelligente Meister und Techniker", so Glombitza. "In 20 Jahren werden Heizungsbauer Termine vergeben wie heute Zahnärzte", schätzt er.

Schwächt sich der Negativtrend in ein paar Jahren ab?


Die Prognosen reichen voraus bis zum Schuljahr 2030/31. Sollten sie sich genau so bewahrheiten wie vorhergesagt, wird sich der deutliche Negativtrend in einigen Jahren abschwächen. Allerdings ist das nicht sehr realistisch. Richard Glombitza meint, der Schülerschwund sei "bestimmt bis 2050 nicht umkehrbar". Es seien einfach zu wenige Kinder da, als dass sich der Trend nicht weiter fortsetzen würde.



Zur Erklärung: Dass die Zahl der Grundschüler vor dem Schuljahr 2006/07 eher langsam gesunken ist, liegt an der Vorverlegung der Einschulung. Und der deutliche Knick nach unten bei den Gymnasien, Jahrgangsstufen 11 bis 13, im Schuljahr 2010/11 liegt am Wegfall der Jahrgangsstufe 13.

Tatsächliche Entwicklung kann von Prognosen abweichen


Und tatsächlich: Die Erfahrung zeigt, dass die Prognosen eher wackelig sind. Sie beziehen sich auf die Entwicklung, die eintreten wird, wenn das derzeit vorliegende Verhalten beibehalten bleibt. Die tatsächliche Entwicklung zeigt jedoch, dass verschiedene, nicht vorhersehbare Faktoren die Prognosen unsicher machen. Dies sind vor allem Faktoren, die von individuellen Entscheidungen und Aspekten in der schulischen Laufbahn abhängen. Dazu gehören:


  • Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium sowie von der Sekundarstufe I in Sekundarstufe II innerhalb des Gymnasiums

  • Wechsel von anderen Schularten auf das Gymnasium

  • Zahl der "Sitzenbleiber"

  • Erfolgsquote beim Abitur

  • Übergänge von den allgemein bildenden Schulen ins Fachgymnasium oder die Fachoberschule

  • Wechsel in berufliche Bildungsgänge, die zur Fachhochschulreife oder Hochschulreife führen


Die Prognosen werden durch Aktualisierung regelmäßig an die tatsächliche Entwicklung angepasst.


Wie viele Schüler wird es künftig noch geben? Ganz genau kann das niemand vorhersagen, denn die Entwicklung hängt von vielen unsicheren Faktoren ab. (Bild: dpa)

Welchen Schul- und welchen beruflichen Abschluss haben die Bayern?


Das Bildungsniveau der Schüler in Bayern ist mit den Jahren deutlich gestiegen. Tendenziell haben die Jüngeren heute einen höheren Abschluss als die Älteren.


Weniger Schüler kosten weniger Geld


Laut einer Studie im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung aus dem Jahr 2006 (Link zur Studie, PDF) ergeben sich im Jahr 2020 im Vergleich zu konstanten Schülerzahlen auf dem Niveau von 2003 in Bayern Einsparungen von knapp 2,3 Milliarden Euro. Allerdings werde dieses Geld in der Realität zumindest in dieser Höhe nicht eingespart.

"Zum einen wird es aufgrund arbeitsrechtlicher Regelungen kaum möglich sein, den Einsatz von Lehrern kurz- und mittelfristig vollständig an die demographischen Veränderungen im Schulbereich anzupassen. Zum anderen kann die Schulinfrastruktur kurzfristig nur zum Teil umgewidmet oder verringert werden, so dass Ausgaben für Betrieb und Instandhaltung zunächst weiterhin anfallen", heißt es in der Studie.

"Die Klassen werden kleiner, nicht weniger", sagt Richard Glombitza dazu. Es gebe weniger Schüler, aber nicht deutlich weniger Klassen. Die politische Botschaft laute: "Kleine Schulen auf dem flachen Land erhalten." Schließlich seien Schulen und Kindertagesstätten für junge Familien - und Bürgermeister - ein wichtiger Standortfaktor.

Wenn Geld eingespart wird, was passiert dann damit?


"Das Abziehen 'frei werdender' Mittel aus dem Schulsystem wäre fatal", heißt es in der Bosch-Studie. Wie die Pisa-Studien gezeigt haben, liegt Deutschland beim Thema Bildung im internationalen Vergleich zurück. Gleichzeitig sind die Ausgaben für Bildung hierzulande vergleichsweise niedrig. Das Fazit: "Einsparungen bei der Schulbildung würden das deutsche Bildungssystem weiter schwächen."


Bild: dpa

Folgende Empfehlungen ergeben sich daraus laut Studie:


  • Mittel müssen umgeschichtet werden zugunsten früher Lernphasen, also der Vor- und Grundschulen

  • Förderung der besseren Nutzung von Lernzeiten durch Ganztagsschulen

  • Migrantenkinder müssen besser integriert werden, da der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolg besonders groß ist


  • "Wir gehen positiv mit dem Schülerschwund um", sagt Richard Glombitza. Es werde mehr in die individuelle Förderung der Schüler investiert. Von den Schulämtern gebe es beispielsweise einen "Demografie-Zuschlag", so Glombitza. Damit werden "gebeutelte Regionen" unterstützt. Bei uns zählten dazu zum Beispiel die Landkreise Tirschenreuth, Cham und Neustadt/WN.

    Im Bereich der Grundschulen entlang der deutsch-tschechischen Grenze entfallen laut Glombitza rund 80 Prozent der Sonderzuweisungen auf Fremdsprachen. Zwischen Cham und Tirschenreuth lernten derzeit rund 500 Grundschüler in Zusatzstunden Tschechisch.

    Wie gehen Schulen und verantwortliche Stellen mit dem Schülerschwund um?


    "Eine gute Schule ist immer eine Antwort auf die Zeit", sagt Richard Glombitza. Daher gebe es verschiedene Modelle und Projekte für den positiven Umgang mit dem Schülerschwund. Ein paar Beispiele:

    Jahrgangskombinierte Klassen an den Grundschulen

    Kombiklassen sind ein Modell, mit dem kleine Grundschulen gegen den Schülerschwund antreten - laut Glombitza ein "Erfolgsmodell". Auch Gerhard Dix vom Bayerischen Gemeindetag sagt, Kombiklassen führten zu einer "relativ stabilen Entwicklung" bei den Grundschulen. Über 200 jahrgangskombinierte Klassen gibt es Glombitza zufolge in der Oberpfalz. Im Schuljahr 2010/11 waren es laut Regierung noch 88 (Mehr Informationen zu Kombiklassen in der Oberpfalz).


    Bild: dpa

    Diese Kombiklassen werden vor allem an Schulen mit sehr kleinen Klassen gebildet und umfassen Schüler der Jahrgangsstufen 1 und 2, 2 und 3 sowie 3 und 4. Die Schüler in diesen Klassen bekommen meist fünf zusätzliche Lehrerstunden in der Woche für Kleingruppenarbeit. "Diese Klassen fördern die Selbstständigkeit der Schüler", so Richard Glombitza.

    Dabei gehe es nicht nur um die reine Wissensvermittlung, sondern auch um Sozialerziehung und die Förderung von Grundkompetenzen. Das sei vor allem wichtig für Kinder von beruflich stark eingebundenen Eltern sowie für Einzelkinder. Und es sichert die Existenz so mancher Grundschule, denn hier liegt die Mindestgröße pro Klasse bei 13 Kindern. Die kleinsten Grundschulen haben laut Gerhard Dix nur 26 Schüler.

    Mehr Praxis an Mittelschulen

    Seit dem Schuljahr 2009/10 gibt es ein Verbundsystem der Mittelschulen mit stark berufsorientierter Ausrichtung und Zusammenarbeit mit den Betrieben. Dabei handelt es sich um kleinere ehemalige Hauptschulen, die jetzt Ganztagseinrichtungen sind und neue Fachzweige sowie Betriebspraktika anbieten.

    Stärkung des Ganztagsbereichs

    Ein Ziel in der Bildungspolitik, an dem bereits kräftig gearbeitet wird, ist die Stärkung der Ganztagsschulen. Glombitza nennt diese einen "Segen, um junge Familien und Alleinerziehende zu unterstützen". Dank dieser Schulen ließen sich Familie und Beruf leichter vereinbaren. Das käme auch den Kindern zugute, denn "das Elternhaus und die Schulen müssen im Gleichklang arbeiten zum Wohl der Kinder".

    Stärkere Vernetzung

    Auch eine stärkere Vernetzung sowohl von Schulen untereinander als auch von Schulen, Kommunen und Wirtschaft soll dafür sorgen, dass Schulen erhalten bleiben können und die Qualität der Bildung und Ausbildung gesichert ist. Einige Regionen sind unter anderem dafür als "Bildungsregion" (Mehr Informationen zu Bildungsregionen) ausgezeichnet worden. In der Oberpfalz sind dies


  • Stadt Amberg

  • Landkreis Amberg-Sulzbach

  • Landkreis Cham

  • Landkreis Neumarkt

  • Landkreis Schwandorf

  • Landkreis Tirschenreuth


Beispiele für eine stärkere Vernetzung sind Verbünde von Mittelschulen, die Verteilung von Angeboten auf mehrere Schulen, gemeinsame Veranstaltungen von Schulen unter anderem in Förderprogrammen und Lehrerfortbildungen sowie Gesprächskreise oder Zusammenschlüsse im Bereich der Schülerbeförderung. (Quelle: Handbuch Bildungsregionen Bayern, PDF)

Gerhard Dix dazu: "Wir werden deshalb keinen einzigen Schüler mehr kriegen." Es sei jedoch wichtig, dass die Schulen mit Ausbildungsbetrieben kooperieren. Dies sei ein "wichtiges Fundament, um die Ausbildung punktgenau zu gestalten, damit die Schulen nicht Schüler am Markt vorbei produzieren."

Schärfung von Schulprofilen

Schulen können sich durch eine Fokussierung auf bestimmte Ausbildungs- und Fachrichtung und exklusive Zusammenarbeit mit bestimmten externen Partnern schärfer profilieren und dadurch ihren Standort sichern.

Was bedeutet der Schülerschwund für die Gemeinden?


"Wir brauchen insgesamt einen anderen Ansatz für gleichwertige Lebens- und Arbeitsbedingungen", sagt Gerhard Dix vom Bayerischen Gemeindetag. "In München ist der öffentliche Personennahverkehr total überlastet, sitzen die Leute in übervollen Bahnen und haben wir horrende Mietpreise", so Dix. Während im ländlichen Raum die Bevölkerung schrumpft. Es gelte, diesem Ungleichgewicht gegenzusteuern. Dix: "Das ist nicht neu. Wir sind spät dran."

"Junge Familien ziehen dort hin, wo ihre Existenz gesichert ist", erklärt Dix. Also gebe es nur dort Kinder, wo es Arbeit und eine gute Infrastruktur gibt. "Wir brauchen massive Unterstützung durch den Freistaat und die bayerische Wirtschaft, um Arbeitsplätze im ländlichen Raum zu schaffen." Denn: "Schulen bauen, wo es keine Kinder und keine Arbeit gibt, ist Unsinn."


Bild: dpa

Die Behördenverlagerung aufs Land (Link zum Artikel) sei der "Beginn eines Weges in die richtige Richtung", ganz "nett, aber auch nur ein Anfang". Der Staat müsse zudem beispielsweise dafür sorgen, dass die Hochschulstandorte verstreut werden, auch in die ländlichen Regionen. Der Staat habe es in der Hand, so junge Leute, die Wirtschaft und Start-Ups in diese Regionen zu locken.

Und was, wenn sich die Schule nicht mehr rechnet?


"Irgendwann kommt eine Schülerzahl, wo sich der Erhalt der Schule nicht mehr rechnet", sagt Gerhard Dix. "In diesem Fall sollte man eine Schule nicht mit aller Gewalt retten, das ist nicht optimal für die Bildungsqualität. So ehrlich sollten die Bürgermeister ihrer Bürgerschaft gegenüber im Einzelfall schon sein."

Was bedeuten viel weniger Schüler für die Wirtschaft?


Die Entwicklung im Bildungsbereich hat natürlich auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Produktivität. Diese kann nur dann wachsen, wenn Schulabsolventen gut ausgebildet sind und sich zu qualifizierten Erwerbstätigen entwickeln. Darauf weist auch die Studie im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung in einer abschließenden Bewertung der Ergebnisse hin. Wer im internationalen Wettbewerb bestehen wolle und müsse, brauche qualifizierte Menschen in der Wirtschaft.

"Einsparungen im Bereich der schulischen Bildung könnten deshalb zwar dazu beitragen, kurzfristig die öffentlichen Haushalte zu entlasten", so die Experten in der Studie. "Mittel- und langfristig aber würden sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands schwächen und den Haushalten die Einnahmebasis entziehen."

"Denn wenn im internationalen Wettbewerb Arbeitsplätze in Deutschland aufgrund mangelnder Qualifikation nicht erhalten werden können, drohen potentiell höhere Sozialausgaben", heißt es weiter. "Zudem fällt die Produktivität der Erwerbstätigen, ihr Einkommen und die damit verbundenen Steuereinnahmen ohne die Reformen dauerhaft niedriger aus. Darüber hinaus können wegen mangelnder schulischer Bildung zusätzliche Ausgaben durch teuere Nachqualifikationen im späteren Alter entstehen."

Gerhard Dix weiß, dass Schule auch für die Wirtschaft ein wichtiger Standortfaktor sind. "Junge Unternehmen entscheiden nach dem Gewerbesteuersatz, in welcher Gemeinde sie sich niederlassen, aber auch nach Faktoren wie dem Bildungsangebot." Und wo Schulen sind, kann man junge Mitarbeiter rekrutieren und für die bereits vorhandenen Mitarbeiter die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern.

Was kann man selbst tun?


"Kinder bekommen", sagt Gerhard Dix lachend. Direkt könne man als Bürger sonst nichts gegen den Schülerschwund tun. Doch bürgerschaftliches Engagement wie die Hilfe für Asylbewerberkinder und Kinder aus schwierigen Familiensituationen, Unterstützung von Alleinerziehenden, Mehrgenerationenhäuser oder Nachbarschaftshilfe seien natürlich auch gute Standortfaktoren.

Weitere Informationen


Hier finden Sie viele weitere Informationen und Daten zum Thema:
Bayerische Schulen im Schuljahr 2013/14 - Eckzahlen sämtlicher Schularten nach kreisfreien Städten und Landkreisen (Link)
Demografie Leitfaden Bayern, Bayerische Staatsregierung (Link)
Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen 2012 bis 2025, Kultusministerkonferenz / Mai 2013 (Link, PDF)
Regionalisierte Schüler- und Absolventenprognose 2014, Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Link, PDF)
Regierung der Oberpfalz: Schule und Bildung (Link zur Website)
Robert-Bosch-Stiftung: Demografische Entwicklung und Bildungssystem - finanzielle Spielräume und Reformbedarf (Link, PDF)
Bildungsregionen in Bayern - das Handbuch (Link direkt zum PDF-Download)
Landleben - Perspektiven für alle Städte und Gemeinden, Bayerischer Gemeindetag (Link)

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