Die Flüsterer hinter der Mauer

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Bayern
29.10.2016
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Bürgerrechtler Rainer Eppelmann geht mit Gymnasiasten auf eine Zeitreise in die DDR. Er warnt vor den Schrecken der Diktatur und ruft zur Selbstbestimmung auf.

Von Peggy Biczysko

Marktredwitz. "Ich möchte unbedingt 93 werden. Denn dann könnte ich zu meiner Frau sagen: Ich habe ein Jahr länger in einer Demokratie gelebt als ich in einer Diktatur leben musste." Als Rainer Eppelmann in der Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums ans Rednerpult tritt, könnte man eine Stecknadel fallen hören. So mucksmäuschenstill ist es, als der Bürgerrechtler, Pfarrer, ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und einstige Minister für Abrüstung und Verteidigung in jene Zeit entführt, als er in der DDR-Diktatur leben musste. Gebannt lauschen Schüler, Lehrer und Gäste den Worten des 73-Jährigen, als er über den Kalten Krieg spricht.

Eingesperrt


Eppelmann will die Erinnerungen an jene düsteren Jahrzehnte wachhalten, in denen die Menschen - eingesperrt hinter hohen Betonmauern, Stacheldraht und Todesstreifen - Wünsche und Kritik bestenfalls hinter vorgehaltener Hand äußern können. System-Kritiker wie Eppelmann landen im Gefängnis, wenn sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen angespannten Ost-West-Beziehungen und der Debatte über eine Wiederkehr des Kalten Krieges blickt eine Ausstellung in der Schule auf die Jahrzehnte zwischen 1945 und 1991 - vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Auflösung der Sowjetunion. Das Otto-Hahn-Gymnasium hat in dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einen "profunden Zeitzeugen" gefunden, wie Schuldirektor Stefan Niedermeier den Gast aus Berlin begrüßt. Selbst im Jahr des Mauerbaus, also 1961, geboren, habe er den Kalten Krieg miterlebt. "Aber immerhin konnten wir in der Demokratie unsere Gedanken frei äußern", so Niedermeier.

Ganz anders dagegen Eppelmann. "Bei so einer Veranstaltung wie heute hätten in der DDR noch in den 80er Jahren alle einheitlich gekleidet sein müssen", verdeutlicht er den zum Teil erstaunten Zehnt- und Elftklässlern. Wer Reklame für den Kapitalismus gelaufen wäre, wäre umgehend nach Hause geschickt worden. "20 alte Männer in der diktatorischen DDR waren der Meinung, sie wüssten alles besser. Und sie haben uns Dummchen zu unserem Glück gezwungen."

Mitgestalten


Die Demokratie sei kein Paradies, gibt Eppelmann zu bedenken. Doch könnten die Menschen hier selbstbestimmt leben und mitgestalten. Damit das so bleibt, seien alle gefordert, daran mitzuarbeiten. Der 73-Jährige wirft einen Blick zurück in jene Zeit, als Adolf Hitler an die Macht kam: "Unseren späteren Henker haben wir selber gewählt - in demokratischen Wahlen. Das könnte wieder passieren, aber das darf nie wieder passieren." Eppelmann sensibilisiert die jungen Menschen ebenso wie die Alten, wachsam zu bleiben. "Man muss gefahrlos aussprechen können, was einen sorgt."

In einer Diktatur würden die Menschen zu Flüsterern, wie damals in der DDR auf der Hut vor der Staatssicherheit. Und nicht einmal im engsten Kreis sei man sicher gewesen vor Verrätern. Niemand dürfe denken, "die da oben machen doch eh, was sie wollen", betont der Bürgerrechtler. "Als die Mauer hochgezogen wurde, kehrten jeden Tag über 1000 Menschen der Deutschen Demokratischen Republik den Rücken. Wie lange gäbe es wohl Ihren Ort, wenn jeden Tag so viele Menschen flüchten", gibt Eppelmann zu bedenken. Und erläutert somit den Grund jener alten Männer, die gemeint hatten, alles besser zu wissen, dafür, um die Menschen endgültig einzumauern. "Was sind das für Systeme, die ihr Volk einsperren?"

Unermüdlicher Kämpfer


Erwachsen sei er aus dem Gefängnis rausgekommen, erzählt der Mann, der gegen das Regime aufbegehrt hat. "Man kann aber auch auf andere Art erwachsen werden", gibt er den Gymnasiasten mit auf den Weg. Und auch, "dass alles mit allem zusammenhängt". So habe ein Teil der Konflikte in Schwarzafrika mit der Grenzziehung der Kolonialmächte zu tun. "Und weil es uns in den Augen anderer Menschen sehr gut geht, wollen sie zu uns kommen", sagt der unermüdliche Kämpfer für Demokratie und Gerechtigkeit. Der Mann, der zum Verteidigungsminister in der ersten und letzten frei gewählten Regierung der DDR ernannt worden ist. "Mutig, unerschrocken, originell", nennt Schulleiter Niedermeier den einstigen Wehrdienstverweigerer. Denn als Minister ist er in den letzten Tagen der DDR auch für die Abrüstung zuständig.

Unseren späteren Henker haben wir selber gewählt - in demokratischen Wahlen.Rainer Eppelmann


Bis 21. JuliDie Ausstellung "Kalter Krieg" ist bis 21. Juli 2017 im Langbau des Otto-Hahn-Gymnasiums auch für die Öffentlichkeit zugänglich, und zwar montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr. Die Ausstellung stammt vom Berliner Kolleg Kalter Krieg und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dass die Ausstellung nach Marktredwitz geholt wurde, haben die Lehrer Mary Möller, Johanna Weiß und Florian Küfner ermöglicht. (fph)
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